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Nobelpreisträgerin in Belgrad : Proteststurm gegen Herta Müller

Titelseiten verschiedener serbischer Zeitungen die die Causa Herta Müller behandeln. Herta Müller erntete einen "Shitstorm" in Serbien nach ihren Aussagen zum Land. Bild: Michael Martens

„Die Serben haben sich selbst Leid angetan, und damit müssen sie jetzt leben“: Als Ehrengast der Belgrader Buchmesse verteidigt Herta Müller die Bombardierung Jugoslawiens und erntet Empörung.

          Serbiens Hauptstadt ist dieser Tage von einem Monstrum heimgesucht worden. Dieser Eindruck musste sich zumindest den Konsumenten serbischer Medien aufdrängen. Das Monstrum hieß demnach Herta Müller, wuchs im benachbarten Rumänien auf und ist Nobelpreisträgerin für Literatur. Herta Müller ist in diesem Jahr Ehrengast der am Sonntag endenden Belgrader Buchmesse, und es ist Brauch, solche Besucher in einer Soiree im Jugoslawischen Dramatischen Theater, der führenden Bühne des Landes, dem Publikum vorzustellen. Auch Jossif Brodsky, Czeslaw Milosz und andere waren einst auf diese Weise bei den Belgradern eingeführt worden. Solche Veranstaltungen gehören zu den Höhepunkten des hauptstädtischen Kulturlebens, und die mehreren hundert Plätze des Theaters waren bis auf den letzten besetzt, auch das doppelte der Kapazität hätte gefüllt werden können.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Müllers Einführung indes missriet gänzlich, will man der Mehrheit der Medienberichte glauben. „Politika“, seit 1904 das Pflichtblatt des Serbentums, über das Leo Trotzki schon 1913 schrieb, was bis heute gilt, nämlich dass sich das Blatt von der Regierung bezahlen lasse, „Politika“ also titelte: „Nobelpreisträgerin missbraucht Belgrader Gastrecht“. Das war noch die mäßigste Reaktion. Auf anderen Titelseiten war Müller wahlweise „Müll“ („Srpski Telegraf“) oder eine Frau, die die Serben „als Verbrecher beschimpft“ („Informer“). „Hertas Verunglimpfung des serbischen Volkes“ titelten die Belgrader „Abendnachrichten“, und das Oberkrawallblatt auf dem Jahrmarkt des serbischen Boulevards, der „Kurir“, überschrieb eine ganze Seite so: „Tochter eines SS-Offiziers spuckt auf die Serbische Orthodoxe Kirche und die Serben“. Darunter ein Hitler-Foto mit Hinweis auf Müllers Vater, der in der Waffen-SS war. Unterschrift: „Der Papa mordete für Hitler.“

          Jeden Tabubruch begangen

          Auch Serbiens patriotische Dichter und Denker meldeten sich zu Wort. Emir Kusturica zum Beispiel, Gewinner goldener, silberner und sonstiger Palmen, Löwen, Globes, Césars et cetera pp., regte post festum an, man hätte Herta Müller besser zu einer Automobilmesse oder einer Militärparade laden sollen statt zu einem Literaturfestival. Kusturica, ein in Sarajevo geborener serbischer Wahlchauvinist, der den selbstempfundenen Makel seiner muslimischen Abkunft aus Bosnien seit Jahren durch besonders stramme Serbenhaftigkeit und öffentlich zelebrierte Verehrung für den vom UN-Kriegsverbrechertribunal verurteilten bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic zu kompensieren sucht, mutmaßte, Alfred Nobel rotiere ob Müllers Worten im Grabe.

          Derlei ließe sich seitenlang fortsetzen – doch was hatte die Publikumsbeschimpferin eigentlich gesagt? Müller hatte in den neunziger Jahren mehrfach in Essays zum Jugoslawien-Krieg Stellung bezogen und schon 1992 eine militärische Intervention gefordert: „Wem nützt der Pazifismus, der beteuert, dass er gegen jeden Krieg ist, wenn ein Krieg tobt?“ Sie sprach sich 1999 dann folgerichtig für den Kosovo-Krieg aus, also für den Angriff der Nato auf das Jugoslawien von Slobodan Milosevic: Die arrogante Haltung vieler Intellektueller gegenüber der Nato verstehe sie nicht, sagte sie damals, denn Milosevic müsse gestoppt werden: „Wer in neun Jahren vier Kriege führt, wer so pragmatisch Friedhöfe macht, wie andere Straßen bauen, wer das Morden so gewohnt ist, wie ein Glas Wasser zu trinken, der ist durch Worte nicht zu erreichen.“

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          Im Belgrader Theater wurde sie nun von einem der beiden Moderatoren des Abends (dem Autor dieses Textes, wie der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist) gefragt, ob sie weiterhin zu ihren Worten stehe. Andere hätte an dieser Stelle wohl mit Hinweis auf die vielen seither verstrichenen Jahre gesagt, dass sie lieber über ihre Bücher und die Gegenwart sprächen, doch Herta Müller ist aus knorrigem Banater Holz geschnitzt und bricht nicht so leicht. „Was die Sache von damals betrifft, mit dem Krieg, da bin ich der gleichen Meinung, ja“, sagte Müller und sprach dann mutig gegen einzelne Pfiffe, Buhrufe und eine körperlich fühlbare Abkühlung im Saal an.

          Als sie sagte: „Dieses Land hat sich selbst Leid angetan, auch die Serben haben sich selbst Leid angetan, und damit müssen sie jetzt leben. Wenn man die Frauen aus Srebrenica sieht, das bricht mir bis heute das Herz“, verließen erste Zuschauer den Saal. Müller erlag aber nicht der Versuchung, deswegen der Mehrheit nach dem Munde zu reden: „Weil ich glaube, es war so viel passiert, und man hatte dem Kosovo und Bosnien so viel Leid angetan, und es war dieser schlimme Nationalismus, an dem auch, glaube ich, die orthodoxe Kirche sehr stark mitgemischt hat.“ Als arbeite sie eine Checkliste der Tabubrüche ab, kritisierte sie auch Wladimir Putin, den Schutzheiligen patriotischer Serben, als Kriegstreiber und Gauner, erzählte von der Angst der Osteuropäer vor Russland. Die ist in Serbien freilich weniger ausgeprägt, weil Serben, anders als Polen, Ungarn, Tschechen oder Slowaken, nie in den Genuss kamen, von Moskau beherrscht zu werden.

          Armutszeugnis für die serbische Presse

          „Ich habe das damals gesagt, und ich glaube bis heute, dass es so richtig war“, resümierte Müller schließlich ihre Überzeugung, dass die militärische Vertreibung der serbischen Soldateska aus dem Kosovo 1999 richtig war. „Warum gibt es die Nato? Es muss doch irgendjemand sagen: Leute, wir stehen euch bei.“ Selbst in liberalen Kreisen fand nicht alles, was Müller behauptete, ungeteilte Billigung, zumal deutlich wurde, dass sie Jugoslawien längst nicht so gut kennt wie Rumänien. Aber es gibt eben nicht nur das in aggressives Selbstmitleid eingelullte Serbien Kusturicas oder geifernder Krawalljournalisten. Der liberale Publizist Dejan Ilic spottete in einer Kolumne über die allgemeine Entrüstung: Da habe man sich gerade so gemütlich eingerichtet in der Opferecke der Geschichte, laut der das zwanzigste Jahrhundert ein Säkulum serbischen Leidens ist, „und dann kommt diese Deutsche, eine Nobelpreisträgerin auch noch, und sagt: Die Serben sind an allem schuld, was ihnen am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zustieß, und unter den Serben besonders die Serbische Orthodoxe Kirche.“

          Sonja Biserko, Vorsitzende des serbischen Helsinki-Komitees für Menschenrechte und seit Jahrzehnten eine mutige Streiterin für ein liberales Serbien, die Müllers Auftritt miterlebte, nannte es „unverzichtbar“, dass die Gesellschaft in Serbien höre, was andere über sie denken. Stattdessen werde aber „eine Atmosphäre geschaffen, die gegen jeglichen Dialog und jegliche Debatte über die Verantwortung des Milosevic-Regimes ist. Statt sich von seinem Regime zu distanzieren, wird Milosevic rehabilitiert und als größter serbischer Politiker gefeiert. Die Gesellschaft ist nicht bereit, sich mit den nackten Tatsachen abzufinden“, sagte sie und erinnerte daran, dass an der serbischen Militärakademie wieder Kriegsverbrecher verherrlicht werden und Würdenträger der orthodoxen Kirche einst in Bosnien serbische Freischärler segneten, bevor diese loszogen, um Muslime zu töten.

          Fazit: Die Tochter eines SS-Soldaten hielt der serbischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Viele, die hineinsahen, konnten nur eine hässliche Fratze erkennen – und verwechselten diese mit dem Gesicht von Herta Müller.

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