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Veröffentlicht: 21.12.2015, 17:10 Uhr

Nicht gemeldete Vergewaltigung Bekenntnisse einer Dunkelziffer unter #WhyISaidNothing

Die amerikanische Professorin Camille Paglia hat sich abwertend über Vergewaltigungsopfer geäußert. Auf Twitter wehren sich betroffene Frauen und Männer – und klären über ein großes Missverständnis auf.

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© Picture-Alliance Demonstration in Sao Paulo: Im November gingen die Menschen am Internationalen Tag für das Ende der Gewalt gegen Frauen auf die Straße.

Wer glaubt, es gäbe so etwas wie DEN Feminismus, dem alle Feministinnen anhängen, sollte sich nur ganz kurz mit Camille Paglia beschäftigen. Nur ganz kurz, weil viele ihrer Äußerungen verstörend sind – so zum Beispiel ihre Behauptung, der Klimawandel sei nur so eine seltsame Ideologie. Und beschäftigen, weil sie einerseits Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie legt und andererseits in einem Interview im britischen Online-Magazin „Spiked“ etwas zu Protokoll gab, das für viele Frauen einem Schlag ins Gesicht gleichkommt: „Junge Studentinnen, die unfähig sind, die einfältigen Vergnügungen und Risiken auf Verbindungspartys zu bewältigen, sind kaum darauf vorbereitet, später Führungspositionen in der Wirtschaft oder der Politik zu erringen.“

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Dieser Satz bezieht sich auf Umfragen, die ergaben, dass etliche Frauen an amerikanischen Universitäten zum Opfer sexueller Gewalt wurden. Paglia wittert da offenbar so eine Art natürliche Auslese: Eine Frau, die sich nicht gegen eine Vergewaltigung wehren kann, gehört nicht an die Universität, schließlich wird sie es später sowieso nicht weit bringen. Zugleich ist dies kein Satz, der junge Studentinnen ermutigt, sich zur Wehr zu setzen. Er ist an perfider Destruktivität kaum zu überbieten.

Das Interview wurde unter deutschsprachigen Twitterern bald diskutiert, aber es nahm zuvor noch einen Umweg. Die „Welt“ griff Paglias Bemerkungen unter der Überschrift „Das Schreckensmärchen von der Vergewaltigungskultur“ auf und stellte dabei selbst die Frage: „Vielleicht geht es in vielen Fällen gar nicht um Vergewaltigungen, sondern um Sex im Zustande des Vollrausches und nachträgliche Reue?“

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Dieser Artikel entsetzte Marlies Hübner, die unter dem Namen @outerspace_girl twittert. „Bei einem solchen Thema hören Camille Paglias Äußerungen auf, kurios oder lustig zu sein“, sagt sie. „Der ‚Welt‘-Artikel hat ihre Position auf subtile Weise deutlich unterstützt.“ Die Einunddreißigjährige hat selbst sexuelle Gewalt erlebt und zählt zur Dunkelziffer jener, die daraufhin keine Anzeige erstattet haben – also jene, deren große Zahl bei der Diskussion um „Rape Culture“ immer wieder bezweifelt wird. Wenn es angeblich so viele Vergewaltigungen gibt, fragen manche, warum werden sie denn dann nicht alle angezeigt? Genau diese Frage beantworten Betroffene seit Samstag unter dem Hashtag #WhyISaidNothing.

Marlies Hübner war die erste von ihnen, aber ihr war klar, dass sie nicht alleine bleiben würde: „Ich bin nicht die einzige, bei der Männer sich über ein mehrfach deutlich geäußertes Nein hinweggesetzt haben. Wir sind keine anonyme Zahl aus von Antifeministen angezweifelten Studien. Wir lassen uns nicht wegleugnen.“ Die genannten Gründe sind vielfältig. Sie reichen von Angst vor einem neuerlichen Angriff des Täters über Scham, Scheu vor sozialer Isolation, den unbedingten Willen, alles sofort zu vergessen und die Befürchtung, nicht glaubwürdig genug zu sein.

© Twitter
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„Zur Polizei zu gehen und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit zuerst einem Mann gegenüberzustehen, ist nicht der angenehmste Gedanke in einer solchen Situation“, erklärt Marlies Hübner. Dass ausgerechnet die Vergewaltigten, die schließlich niemanden angegriffen haben, Scham empfinden, führt sie auf gesellschaftliche Konventionen zurück. „Da rächt sich die konservative Erziehung: Man spricht doch nicht über so was, und was sollen denn die Leute denken?“

Image #: 41275315    120415  Amherst - Umass Coalition to End rape Culture... © Picture-Alliance Vergrößern Weil das offenbar noch nicht selbstverständlich ist: Studentinnen bei einer Demonstration in Amherst, Massachusetts.

Verschlimmert wird das durch die unter Umständen geringen Erfolgsaussichten einer Strafanzeige. Die Beweislast liegt beim Opfer, was juristisch unausweichlich ist, aber zu einer grauenvollen Situation führt: Wird eine Frau (oder ein Mann) vergewaltigt, wäre es für eine spätere Anzeige theoretisch ratsam, sich so lange zu wehren, bis deutliche Verletzungen bleiben. Doch zugleich nicht zu lange, sonst riskiert das Opfer unter Umständen sein Leben. Ohnehin sind dies reine Spitzfindigkeiten, denn niemand kalkuliert in einer solchen Situation kühl über das richtige Maß der eigenen Gegenwehr.

Auf Twitter geschah anschließend genau das, was Traumatisierte am meisten fürchten: Der Hashtag wurde von Leuten benutzt, die ihren Abscheu vor den Opfern kundtaten.

© Twitter

Der Twitterer @misharrrgh, der sich in der Diskussion engagiert hatte, wurde massiv angefeindet – ebenso wie ein anderer beteiligter Mann. „Es ist wichtig, dass sich auch Männer geäußert haben“, sagt Marlies Hübner. „Denn es geht ja nicht um sexuelle Gewalt gegen Frauen, sondern gegen Menschen.“ Im Gegensatz zu ihr erhielt @misharrrgh sogar Morddrohungen, für alle sichtbar. Die meisten dieser aggressiven Trolle gehörten zu einer Gruppe von Gamern, die häufig Hashtags kapert, erklärt Hübner. „Das hat System. Misha wird damit zur Polizei gehen.“ Einstweilen ersparte @misharrrgh anderen an #WhyISaidNothing Interessierten, die Tweets der Trolle zum Thema ebenfalls lesen zu müssen: Er legte ein Storify an, das die Gründe Betroffener sammelt und die Angriffe auf sie ausspart.

Die Initiatorin selbst wurde zu ihrer eigenen Überraschung kaum angefeindet. Warum ausgerechnet die Männer? „Männer, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren, gelten manchen anderen Männern offenbar als Verräter an der eigenen Art“, analysiert Hübner. Immerhin haben diese Reaktionen auf #WhyISaidNothing direkt belegt, mit welcher Art des Umgangs jemand zu rechnen hat, der sich einfach nur öffentlich gegen Vergewaltigungen ausspricht – eine Position, von der man doch gehofft hätte, sie sei längst der kleinste gemeinsame Nenner unserer Gesellschaft. Offenbar ist dieser Konsens doch nicht so breit wie erwartet. „Wenn sich die Rechtslage schon nicht ändern lässt, müssen wir wenigstens aufklären und sensibilisieren“, sagt Marlies Hübner. #WhyISaidNothing könnte dabei ein weiterer Schritt sein.

Glosse

Abschied vom Sie

Von Klaus Ungerer

Wer hat sich nur das Siezen ausgedacht? Während wir Deutschen unbeholfen zu Plural-Formen greifen, um eine Du/Sie-Entscheidung zu umgehen, nennen sich selbst amerikanische Fernsehduellanten nur beim Vornamen. Mehr 4 1

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