In der Wahlnacht vom 4. zum 5. November feierten die New Yorker ihre vorerst letzte große Party. Vor allem in Harlem und in Greenwich Village stürmten sie auf die Straßen, schon bevor Barack Obamas Wahlsieg offiziell wurde. Und als dann unwiderruflich ausgezählt war, mit welchem Vorsprung er John McCain geschlagen hatte und dass Obama deutlich mehr weiße Stimmen als frühere demokratische Kandidaten erringen konnte - und dies in einem Land, das in seiner Verfassung einst das Recht auf Sklavenhaltung festschrieb und lange Zeit seine schwarzen Bürger nur als Dreifünftel-Personen zählte -, da ging auch in anderen Vierteln ein Hup- und Sing- und Pfeifkonzert los, wie es die Stadt schon lange nicht mehr gehört hatte. Der scharfe Bariton der Busse, deren Fahrer überwiegend schwarz und angehalten sind, nur bei Gefahr zu hupen, dröhnte lange durch die Straßen. Es war eine Freude, und die Freude blieb. Die Party aber war am nächsten Tag vorbei.
Ich ging am Tag nach der Wahl auf die Aussichtsplattform des Rockefeller Center. Es war ein trüber Tag, die Stadt verschwamm im diesigen Licht, als wäre hinter ihr keine Welt. Aber ich war nicht wegen der Aussicht gekommen. Vielmehr aus einer Stimmung heraus, ein paar Gedenkminuten für John Davison Rockefeller Jr. einzulegen. Der Erbe eines unfasslichen Vermögens, das sein Vater im Ölgeschäft gemacht hatte, unterschrieb sozusagen am Vorabend des Bankencrashs 1929 einen langjährigen Pachtvertrag mit der Columbia University über das damals schlammige Stück Land, auf dem heute das Rockefeller Center steht. Es ist eines der Wunder von New York, mit einundzwanzig Hochhäusern, vierzehn von ihnen in schönstem Art déco, in denen eine Viertelmillion Menschen arbeitet. Die Columbia University bekam damals 3,6 Millionen Dollar jährliche Miete für das Land, eine immense Summe. Rockefeller aber beschäftigte in einer Zeit, in der es keine Arbeit gab, 35 000 Menschen mit der Errichtung der Stadt in der Stadt, wie das Center bald hieß. Und erreichte damit, dass all die Grundstücke, die er in der Gegend der neuen Attraktion sowieso schon besaß, ihren Wert vervielfachten.
„Recession Sale“ im besten Hotdog-Laden Manhattans
Niemand ist in Sicht, der es ihm gleich- tun könnte, in der einen oder anderen Hinsicht. Heute fällt der Blick von der Aussichtsterrasse im siebzigsten Stock mitten hinein in die aktuelle Krise, auf das halbfertige Gebäude der Bank of America am Times Square nämlich, das seit Jahren halbfertig zu sein scheint. Immer wieder mal fällt Baumaterial von dem Rohbau, den einst das zweithöchste Haus der Stadt umschließen soll, was ganz harmlose Gründe haben mag. Oder wird hier doch am falschen Ort gespart?
Nicht alle nennen die Dinge so unverblümt beim Namen wie Gray's Papaya. Der angeblich beste Hotdog-Laden Manhattans wirbt an der Ecke Zweiundsiebzigste Straße und Broadway mit einem „Recession Sale“ für seine ohnehin schon preiswerte Ware. Aber in Rezessionslaune sind auch die anderen. Restaurants, in denen Reservierungen zu normalen Essenszeiten kaum möglich waren, sind zu allen Zeiten leer. Im Luxuskaufhaus Saks an der Fifth Avenue fängt der Herbstausverkauf am Veteran's Day an, der in diesem Jahr auf den Dienstag nach der Wahl fiel. Schon am Wochenende vorher drängten sich auf den Fluren über alle Stockwerke hinweg die Ständer mit Vor-Ausverkaufsware, durch die sich ein paar wenige Kundinnen wühlten. Die teuren Kleider auf den Stangen verwurschtelten sich mit dicken Mänteln, rissen ein, wo die verrutschten Bügel die Ärmel durchbohrten, und statt erlesen sahen sie jämmerlich aus. Wenn die gehobene Ware nicht einmal die Unachtsamkeit einiger Frauen aushält, wofür kann sie dann nütze sein, in diesen Zeiten, draußen in der Welt? Nur Yohji Yamamoto hat krisenfest genäht und einen Rock entworfen, der einer Marketenderin gut stehen würde, weit, dunkel und dick, geeignet für Nächte ohne Dach über dem Kopf. Aber einen vierstelligen Preis wollte bisher noch keine Marketenderin für einen neuen Rock anlegen.
Der Luxus hat für den Augenblick in New York seinen Glamour verloren
Auch wie es nebenan auf der Madison Avenue aussieht, ist ein verlässlicher Indikator für die Stimmung jener New Yorker und Touristen, die sich von den Höchstpreisen eleganter Läden nicht erschrecken lassen. Wer hier kauft, von dem lebt die Stadt. In der Woche nach der Wahl, ein paar Wochen nach Ausbruch der für die meisten New Yorker größten Wirtschaftskrise ihres Lebens, bietet sich dort ein trauriges Bild. Nicht nur, dass außer dem Personal niemand in den Läden zu entdecken ist. Nicht nur, dass in besten Ecklagen Geschäfte verschwunden sind und neue Mieter offenbar nicht gefunden wurden, so dass hier und da statt praller Schaufenster Holzverschläge die Straße säumen. Es ist vielmehr so, dass alles, was uns hier anblickt, unendlich matt wirkt - die Uhren und Schmuckstücke bei den französischen Juwelieren, die handpolierten Hornkämme im Nachbarladen, die maßgefertigten Schuhe und Pelze, die flüssigbutterweichen Kaschmirschals, selbst die Anzüge bei Tom Ford, die Daniel Craig im neuen Bond-Film gerade vorführt.
Niemand greift in diesen Tagen nach den von der Konditorin einzeln mit Kakao bepuderten Pralinen, den feingewebten Laken in pastellenen Tönen, dem individualisierten Reisegepäck in jeder Größe, den mundgeblasenen Gläsern oder exquisiten Antiken und zarten Einzelstücken japanischer Töpferkunst, die in den Schaufenstern liegen wie Gammelfleisch im Kühlregal. Selbst das handgeschöpfte Briefpapier für alle Fälle des Lebens will keiner haben. In den Modeläden bleiben die kurzen Strickkleidchen mit Schleifen vor der Brust und die gerüscht ausgeschnittenen Seidenblusen hängen, und auch die Lackschuhe auf konvex geformten Absätzen kann jetzt niemand gebrauchen. Selbst die, die sich das alles noch leisten könnten, gehen vorbei. Der Luxus hat für den Augenblick in New York seinen Glamour verloren.
Konsumverzicht - nicht ganz freiwillig, aber engagiert
Was für den Einzelhandel ein Desaster ist und ein noch größeres Desaster werden wird, wenn sich die Voraussagen für ein katastrophales Weihnachtsgeschäft erfüllen, ist für die innere Verfassung New Yorks ein hoffnungsvolles Zeichen. Endlich ist die Zeit vorbei, die als „Post-9/11“ etikettiert und vermarktet worden war. Denn als Handwerkszeug für die Trauerarbeit empfahl damals der Bürgermeister Rudolph Giuliani den New Yorkern: „Geht einkaufen!“ Was sie taten und so dafür sorgten, dass statt des gefürchteten Niedergangs der Stadt nach den terroristischen Anschlägen ein Boom einsetzte, der die Preise für alles von der Banane über Plätze in der Oper bis zur Wohnung in fast jeder Lage in obszöne Höhen trieb - und aus New York auch für den, der sie liebt, eine Stadt machte, in der nicht mehr viel geschah außer der fiktiven Geldvermehrung. Jetzt kann man lesen, wie leicht es ist, mit einem Zwei-Millionen-Dollar-Bonus pleitezugehen, und angesichts einer Preissteigerung für Eigentumswohnungen auf der vornehmen Eastside Manhattans um fünfunddreißig Prozent klingt das durchaus glaubwürdig.
Aber viele New Yorker verdrehen darüber inzwischen auch die Augen und treten ein in den Konsumverzicht, nicht ganz freiwillig, aber mit Engagement. Alles, was nicht unbedingt nötig ist, so scheint es in diesen Tagen, findet keine Abnehmer. Für viele, deren Grundversorgung nicht in Frage steht, ist das eine Befreiung. Amerika erneuert sich, manche sprechen nach der Wahl sogar von einer Wiedergeburt. Sie findet nicht in Lumpen statt. Aber doch gelassen gegenüber dem letzten Schrei.
Der berühmteste Makler der Literaturgeschichte
Der Mann, der kurzatmig im fünften Stock des Yale Clubs am Grand Central Terminal in den Fahrstuhl steigt, kommt aus dem Fitnessraum und sticht mit seiner Sportbermudashorts, dem Stirnband und den roten Socken in den Turnschuhen deutlich heraus aus der Gruppe graumelierter, unauffällig geschäftsmäßig gekleideter Männer, die an jenem Morgen hoch zum Frühstücksraum im einundzwanzigsten Stockwerk fahren. „Könnten Sie bitte den Knopf für die achte Etage drücken“, fragt er. „Yes, we can“, sagt Richard Ford, aber niemand lächelt außer mir.
Wir hatten uns ein paar Tage nach der Wahl zum Frühstück verabredet. Ford war in der Stadt, um einen mittelgut dotierten Preis entgegenzunehmen, von dem er nicht mehr offenbarte als ebendies und dass die Veranstalter ihn hier untergebracht hätten. Für sein Haus in Riverdale, von dem er sich trennen möchte, hat er möglicherweise und erstaunlich genug im Augenblick einen Käufer gefunden, der eine passable Summe zahlen will. Weiter geht sein Kommentar zur Immobilienkrise nicht. Immer schon hat ihn die Vorstellung amüsiert, weil er in Frank Bascombe den berühmtesten Makler der Literaturgeschichte erfunden hat, müsse er besonders viel von faulen Hypothekendarlehen verstehen. Ford ist ein Harvard-Mann, sein Club liegt eigentlich weiter nördlich an der Fifth Avenue, aber die alten Yale-Abgänger, zwischen denen wir sitzen, gefallen ihm irgendwie (wie einem Erdmännchen gefallen oder ausgestopfte Füchse, denke ich). Sie sind leise, versinken hinter ihrem „Wall Street Journal“, sind ohne Kinder hier, und da sie einen beachtlichen Teil der New Yorker Hochfinanz stellen, sind einige von ihnen wahrscheinlich mitverantwortlich für den Schlamassel, in dem die Welt jetzt ist.
Wie der Blick in einen beschlagenen Spiegel
Vor der Wahl hatte Ford gesagt, wenn McCain gewänne, ginge er nach Kanada ins Exil. Das muss er nun nicht. Aber ganz hat er die Peinlichkeit noch nicht verwunden, die es für ihn wie für jeden Amerikaner bedeutete, von George W. Bush repräsentiert zu werden. „Lange Zeit sahen wir, wenn wir Bush sahen, wie in einen beschlagenen Spiegel“, sagt er. „Irgendwann, als es zu schlimm wurde, begannen wir, den Spiegel freizuwischen, und entdeckten uns selbst. Zyniker. Ignoranten. Menschen, die so taten, als regele sich schon alles von selbst. Die Märkte, zuallererst der Aktienmarkt. Die Kriege. Aber es wurde immer schlimmer.“ Mit der Wahl Obamas, sagt Ford, sei nicht nur im Weißen Haus der Zynismus der letzten acht Jahre abgelöst worden, vielmehr übernähmen die Amerikaner selbst endlich wieder Verantwortung für den Zustand ihres Landes. Und: Im Wahlkampf und vielleicht auch in der Wahlkabine habe Rasse keine große Rolle gespielt. „Aber jetzt können wir sagen, wenn es um unsere Repräsentanten geht, müssen wir bestimmte Hürden nicht mehr nehmen. Rasse. Geschlecht - abgehakt.“
Jeffrey Eugenides, der Autor von „Middlesex“ und ein Freund Fords, sieht das genauso. Und fügt hinzu, dass immer, wenn sich in den Rassenbeziehungen etwas tat, Amerika einen großen Schritt vorwärts machte. Das war nach dem Bürgerkrieg so, das war das Ergebnis der Bürgerrechtsbewegung, und das wird auch das Ergebnis dieser Wahl sein. „Alles wird erst mal schlechter“, sagt Eugenides, „aber dann wird alles besser.“
Zur Eröffnung eine Job-Messe: Schlangestehen vor dem Luxushotel
Vom Yale-Club lande ich wieder auf der Madison Avenue, wo ich in eine Menschenschlange stolpere, die sich von der parallel laufenden Fifth Avenue nach Osten die Sechzigste Straße hoch zieht, einbiegt in die Madison Avenue, wieder nach Westen zurückschwenkt auf die Einundsechzigste Straße und schließlich dort landet, wo sie anfing, am Luxushotel „Pierre“. In der Schlange steht ein Querschnitt durch die New Yorker Bevölkerung, Junge, Mittlere und Alte, Männer und Frauen aller Rassen. Und aller Ausbildungsgrade, wie ich erfahre. Sie stehen hier schon seit Stunden und warten auf ein Vorstellungsgespräch im Hotel, das wegen Renovierung geschlossen war und jetzt zur Wiedereröffnung eine Job-Messe abhält. Wie viele Arbeitsplätze zu vergeben sind, welche Qualifikation gesucht wird, das weiß von den Hunderten, die hier warten, niemand. Einer könnte in der Buchhaltung arbeiten, wäre aber auch mit einem Platz im Sicherheitspersonal, als Hausmeister oder Zimmerkellner zufrieden. Ob eine dieser Positionen überhaupt angeboten wird, wird er erst erfahren, wenn er nach vielen Stunden an der Reihe ist, seine Unterlagen abzugeben.
Den Eingang zum Designerkaufhaus Barney's, der auf der Madison Avenue zwischen Sechzigster und Einundsechzigster Straße liegt, haben die Arbeitssuchenden übrigens freigehalten. „Have a Hippie Day“ steht da zur Begrüßung hinter den Glastüren. Aber es kommt niemand herein, der sich begrüßen ließe.
Schönheitschirurgen bieten „Zwei für den Preis von einer“-Operationen an
New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg weiß, dass es für schlechte Nachrichten keinen guten Zeitpunkt gibt, und bringt sie deshalb unters Volk, sobald er sich Klarheit über die Lage verschafft hat. Das war am Tag nach der Wahl der Fall. Er berief eine Pressekonferenz ein, und er nannte Zahlen. 500 Milliarden Dollar sind an der Wall Street vernichtet worden, 147.000 Jobs bisher in der Finanzindustrie verlorengegangen, allein daraus ergeben sich hochgerechnet 2,6 Milliarden Dollar weniger Einnahmen für die Stadt. Auf vier Milliarden addiert sich das, wenn zum Beispiel weiterhin so wenig gekauft wird wie im Augenblick. Um das aufzufangen, wird Bloomberg Steuern erhöhen und städtische Angestellte entlassen. Unumwunden sagte er auch hier, worum es geht: Von mehr als 350.000 werden 3000 Stellen abgebaut, 500 Angestellte sollen entlassen, 2500 durch natürlichen Personalabgang eingespart werden. Nahezu alle städtischen Einrichtungen sind von den Einsparungen betroffen, Schulen, Straßenreinigung, Kinderbetreuung, Feuerwehr. Wird das bedeuten, dass die Kriminalität wieder steigt? Der Müll auf den Straßen liegen bleibt? Kranke nicht versorgt, Kinder nicht ausgebildet, Feuer nicht gelöscht werden?
Zunächst wohl nicht. Aber wenn selbst Schönheitschirurgen Vorträge zu „Überlebensstrategien in harschen wirtschaftlichen Zeiten“ anhören, die Rabattierung von Botox-Spritzen gegen Sorgenfalten und solcherlei empfehlen und „Zwei für den Preis von einer“-Operationen anbieten, sieht man einen weiteren Markt zusammenbrechen, dessen besteuerter Umsatz auch zum Stadtbudget beiträgt.
Kein Zeichen der Krise: Ohne Strümpfe durchs Novemberlaub
Am Abend, als bei Christie's wieder einmal zahlreiche Lose in einer der großen Herbstauktionen zurückgehen und den Kunstmarkt allmählich Panik erfasst, eröffnet bei Sperone Westwater im Meatpacking District die Ausstellung „Zero in New York“ mit Arbeiten der Künstlergruppe aus den späten fünfziger und sechziger Jahren. Castellani war Teil von Zero, wie auch Fontana, Yves Klein, Luther, Tinguely, Uecker, Otto Piene und viele andere, deren Werke David Leiber, der Direktor der Galerie, mit Mattjis Visser von der Zero Foundation zusammengetragen hat. Wenn im Augenblick sowieso niemand Kunst kauft, haben sich die beiden vielleicht gesagt, warum machen wir dann nicht eine Museumsausstellung in der Galerie? Und die kinetischen Arbeiten, lichtwerfende Skulpturen von Piene etwa, oder auch seine Feuerbilder, mehr als ein halbes Jahrhundert alt, wirken vollkommen zeitgemäß. „Zero“, sagt Piene, der seit Jahrzehnten am Massachusetts Institute of Technology lehrt und zur Eröffnung der Ausstellung nach New York gekommen war, „war kein Ausdruck von Nihilismus. Zero bezeichnet vielmehr eine Zone des Schweigens, der Möglichkeiten für einen Neuanfang. Jenen Bereich, in dem sich das Alte in das Neue verwandelt.“ Genau da wollen die New Yorker sein.
Dass viele von ihnen in dieser ersten Woche nach der Wahl ohne Strümpfe durchs Novemberlaub liefen, immerhin das hatte mit der Krise nichts zu tun. Jedenfalls nicht mit dieser. Es war einfach nur ungewöhnlich warm.
Wie wär`s denn mal mit umgekehrt:
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 15.11.2008, 15:55 Uhr