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FAZ Plus Artikel Ökologische Kulturwissenschaft : Wir sind Kompost

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Die Rückkehr der Wölfe fordert neue Kompromisse. Bild: Carsten Rehder/dpa

Am Beispiel des Wolfs zeigt sich eine der Grundannahmen des „EcoCriticisms“: einer neuen ökologischen Kulturwissenschaft für einen Tier- und Umweltschutz ohne romantische Illusionen.

          Die Wölfe sind zurück in Deutschland – und mit ihnen der Mythos vom großen bösen Wolf. Nicht zuletzt, weil Landwirtschafts- und Jagdverbände die Lobbymaschine anwerfen, um Druck auf Politik und Verwaltung zu machen. Man will Ersatz für die befürchteten wirtschaftlichen Einbußen. Gerissene Schafe mit viel Blut und Gedärm scheinen für die Mobilisierung von Subventionen aber nicht genug. Wilde Spekulationen von Schafzüchtern und Verbandsvertretern, wann das erste Kind, der erste Waldspaziergänger von einem Wolf oder gar einem Wolfsrudel angefallen werde, werden in den Medien begierig aufgegriffen.

          Mit den realen Risiken einer Landschaft, in der es wieder frei lebende Wölfe gibt, ist diese Angst nicht zu begründen. Wolfsforscher weisen regelmäßig darauf hin, dass nichts im Verhaltensrepertoire der Tiere sie als Menschenfresser geeignet macht. Aber das scheint für die gesellschaftliche Imagination gleichgültig: Wo der Wolf ist, da ist auch Rotkäppchen, aber natürlich auch der Werwolf nicht fern. Doch auch die Wolfslobby kommt nicht ohne Stereotype aus: Die Tiere verkörpern dort für viele die wahre Natur. Ihr Sozialverhalten wird gegen die egoistische, naturvergessene Menschen-Gesellschaft in Stellung gebracht, edle Wilde in Pelz sozusagen.

          Am Wolf lässt sich eine der Grundannahmen des „EcoCriticism“ einfach demonstrieren, einer kulturwissenschaftlichen Ökologie neuen Stils: Naturgegenstände sind, mindestens seit dem Anbruch des Anthropozäns in der industriellen Revolution des neunzehnten Jahrhunderts, Elemente der Kultur. Sie sind kulturell geformt und überformt. Gerade auch in ihrer Funktion als das große andere der Kultur und Gesellschaft ist die Natur, sind Tiere, Pflanzen oder Landschaften Artefakte – und als solche legitime Gegenstände kulturwissenschaftlicher Analyse.

          Idee einer „reinen“ Natur

          Damit ist mehr gemeint als eine auf neuesten Stand gebrachte Metaphorologie oder Metaphern- und Motivgeschichte von Natur und Landschaft. Im Gegenteil: Die Öko-Kulturwissenschaft will ihre Gegenstände aus dem Status lösen, Instrumente oder Objekte der Selbsterklärung des Menschen zu sein, und stattdessen deren eigene, nicht anthropozentrische Handlungsmacht sichtbar machen. Diese Positionsverschiebung hat einen politischen Aspekt: Viele Öko-Kritiker stehen auch traditionellen Natur- und Tierschutzideen kritisch gegenüber. Dabei geht es weniger um konkrete Maßnahmen, sondern um die zugrundeliegende Idee einer „reinen“ Natur, die durch die richtigen Eingriffe des Menschen wiederhergestellt werden könnte.

          Nicht wenige ihrer Vertreter lehnen deswegen auch den Begriff des Anthropozäns als zu traditionell ab und schlagen Alternativen vor. Besonders prominent geworden ist das Chthuluzän von Donna Haraway, eine Fusion aus „chthonisch“ und Cthulhu, dem unmenschlichen Gottmonster aus H. P. Lovecrafts Horror-Universum mit medusenhaftem Tentakelkopf. Haraway geht es darum, das Abstraktum Mensch vom Thron zu stoßen und Menschen als konkrete biologische Wesen innerhalb eines Ökosystems zu verankern: „Die chthonischen Wesen, die Altvorderen sind nicht in eine längst verschwundene Vergangenheit verbannt. Sie sind nun ein brummender, stechender, saugender Schwarm, und menschliche Wesen befinden sich nicht auf einem eigenen Komposthaufen. Wir sind Humus, nicht Homo, nicht anthropos; wir sind Kompost, nicht posthuman.“

          Es geht weniger um konkrete Maßnahmen als um die zugrundeliegende Idee einer „reinen“ Natur, die durch die richtigen Eingriffe des Menschen wiederhergestellt werden könnte.

          Ein weiterer Alternativbegriff ist das Kapitalozän. Geprägt wurde er von James W. Moore in seinem Buch „Capitalism in the Web of Life“. Moore will die historische und ökonomische Bedingtheit der immer schneller voranschreitenden desaströsen Veränderungen in den ökologischen Systemen weltweit ins politische Bewusstsein bringen. Kapitalismus sei eine Weise, Natur und den Menschen zu organisieren. Auch hier geht es darum, das Abstraktum „der Mensch“ in die unreinen Verhältnisse zurückzuholen, in denen sich Menschen bewegen.

          Mit dem Abstraktum „Mensch“ verschwindet auch das Abstraktum „Natur“. Timothy Morton hat das im Titel seines 2007 erschienenen Buches „Ecology without Nature“ (deutsche Ausgabe 2016) radikal formuliert: „Wenn man das, was gemeinhin Natur genannt wird, auf ein Piedestal stellt und es von weitem bewundert, tut man für die Umwelt, was das Patriarchat für die Figur des Weiblichen getan hat. Es handelt sich um einen paradoxen Akt sadistischer Bewunderung.“

          Moore konzentriert sich bei seiner Zerstörungsarbeit am Natur-Fetisch auf Literatur und Philosophie, weniger auf die Naturwissenschaften. Denn was wir uns angewöhnt haben, als Natur zu betrachten, dass hat seine uns so natürlich erscheinende Gestalt durch Literatur und Kunst erhalten: von der klassischen Naturlyrik bis hin zu zeitgenössischen Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. Für Morton ist Natur im Schlechten wie im Guten eine ästhetische Kategorie. Denn was aus narrativen, textuellen und semiotischen Operationen zusammengebastelt wurde, lässt sich auch wieder auseinanderbasteln.

          Sein Konzept der Dark Ecology betont dieselben Qualitäten, die auch Haraway für ihr Chthuluzän reklamiert: Ökologisch denken heißt, den Menschen nicht auf einem separaten Komposthaufen imaginieren. Ökologisch denken heißt, endlich anzuerkennen, dass wir Teil eines Systems sind, in dem die ökologische Katastrophe schon passiert ist.

          Pilze als Modellorganismen einer besseren Welt

          Bleiben Haraway und Morton in ihren Werken meist auf theoretischer Ebene, macht die Kulturanthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch „Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus“ Ernst mit der ökologischen Katastrophe als konkreter Lebenswelt von Wesen aller Art. In einer Mischung aus Reisebericht, Nature Writing, populärwissenschaftlicher Abhandlung und erkenntnistheoretischem Essay erzählt Lowenhaupt die Geschichte der Matsutake-Pilze. Man liest von deren anarchistischem Zusammenleben mit forstwirtschaftlich hoch genutzten, ökologisch aber zweifelhaften Kiefernarten; den sich um die ganze Welt erstreckenden, im Rhythmus der Matsutake-Ernte erscheinenden und wieder verschwindenden Lieferketten bis nach Japan, dem Land, in dem Matsutake zu den besonders prestigeträchtigen Lebensmitteln gehört.

          Um den Pilz hat sich eine Assemblage aus Menschen und Parasiten, Transportwegen, forst- und landwirtschaftlichen Praktiken, Kochrezepten, biologischem Wissen, Buchhaltungs- und Bewertungsformen, Fichtenwäldern, Schweinezucht, anthropologischer Feldforschung und Kalligraphie, Haikus und professionelle Habitus gebildet, die Lowenhaupt durch ihr eigenes Schreiben zu rekonstruieren versucht.

          Dieser optisch unspektakuläre Pilz, dessen Wachstum auf der intensiven Nutzung bis zur Zerstörung von Wirtschaftswäldern beruht, ist das ideale philosophische Objekt für eine öko-kulturwissenschaftliche Untersuchung. Und das nicht nur, weil schon Deleuze und Guattari, wichtige Referenzautoren zeitgenössischer Öko-Kritik, Pilze liebten, da ihre Biologie konventionellen Konzepten von festen Spezies-Grenzen, Individuation und Geschlecht zuwiderläuft. Auch wenn Pilze und pilzartige Wesen aktuell als „Helden“ in Weird-Fiction-Romanen und -Filmen Konjunktur haben, im Gegensatz zu Wölfen oder einer Amsel ist das Potential, sich mit einem Pilz zu identifizieren, gering. Sie sind uns einfach zu fremd, um sie mit unserem Seelenleben zu belehnen oder zu utopischen Modellorganismen einer besseren Welt zu machen.

          Interessen in Einklang bringen

          Aber genau das erfordert es, sie und die Ökologien, die sie entstehen lassen, diskursiv anders zu fassen als in den klassischen ökologischen Formen der nostalgischen Klage um eine verschwindende Welt. Durch Lowenhaupts Text wehen keine Schauer vor der Erhabenheit der totalen Zerstörung, die „der Mensch“ angerichtet hat, stattdessen bezieht sie sich explizit auf die Techniken der Naturbeobachtung vor der Mathematisierung der Naturkunde zur Naturwissenschaft.

          In Ländern wie Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, in denen es eine lange, erfolgreiche Naturschutz-Tradition gibt, stößt die Öko-Kritik oft auf Befremden. Wer sich als Gegenbewegung zur Industrialisierung, Technisierung und Verstädterung versteht, muss Konzepte als kontraproduktiv beurteilen, die sich von der Idee eines natürlichen biologischen Gleichgewichts verabschiedet haben oder von der Idee, besonders naturnahe Lebensräume und Landschaften seien unbedingt schutzwürdig. Eine große Leistung Lowenhaupts ist die Demonstration, dass die öko-kulturalistische Herangehensweise kein Gegensatz zum traditionellen Umweltschutz sein muss: Sie beschreibt, wie in Japan und in Skandinavien Konflikte zwischen Natur- und Landschaftsschutz, wirtschaftlicher Nutzung oder menschlicher Besiedlung durch den öko-kulturalistischen Ansatz so beschrieben werden können, dass ein Kompromiss möglich wird.

          An manchen Orten war Lowenhaupt als Feldforscherin selbst an dieser Annäherung beteiligt. Ganz ähnliche Ansätze bestimmen im Prinzip auch die Idee hinter dem Verwaltungsbegriff „Wolfsgebiet“: Wölfe, Schafe, Landwirte und Spaziergänger sind gleichberechtigte Akteure in einer Landschaft – ihre Interessen müssen in Einklang gebracht werden. Vielleicht müssen wir dafür erst eine neue Geschichte über die Wölfe und ihr Verhalten erfinden – eine Geschichte, die näher an ihrer Natur ist. Und an unserer: Denn der Spitzenprädator in einer menschengemachten Landschaft ist – der Mensch.

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