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Vertriebenenstiftung : Geschichtspolitik in der Flüchtlingskrise

Will die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in die Mitte der Gesellschaft bringen: Gundula Bavendamm Bild: dpa

Heraus aus dem geschichtspolitischen Stellungskrieg: Was will die künftige Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Gundula Bavendamm? Ein Gespräch.

          Der Gründungsdirektor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde abgelöst, der designierte Nachfolger trat das Amt nicht an. Was reizt Sie an diesem Schleudersitz?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ich bin ein Mensch, der für Neues offen ist. Das spürte ich sofort, als Frau Grütters mich fragte. Mein Interesse am Thema hat mit den von Ihnen angesprochenen Schwierigkeiten durchaus etwas zu tun. Hier überlappt sich die Opfer-Täter-Dichotomie. Die Täternation Deutschland und Nationen, die sich den Opfernationen zurechnen, erinnern an ihr Leid und ihre Verluste. Man braucht diplomatisches Geschick, um die SFVV aus dem Stellungskrieg geschichtspolitischer Kontroversen herauszuführen. Sie gehört in die Mitte der Gesellschaft.

          Gibt es bei Ihnen einen persönlichen Bezug zum Thema?

          Ich lese gerade die Fluchtberichte meiner achtzigjährigen Tante, die 1959 als Au-Pair-Mädchen in die Vereinigten Staaten ging. Im vorgerückten Alter hat sie sich der Aufgabe gestellt, ihre Weltkriegserinnerungen aufzuschreiben, in deren Mittelpunkt die Erfahrung von Evakuierung und Flucht steht. Ich weiß von einer Großtante, die in Berlin von sowjetischen Soldaten vergewaltigt wurde. Und mein Vater war 1946 ein Flüchtling aus der Sowjetischen Besatzungszone. Die Familie floh nach Reinbek bei Hamburg, weil man Angst hatte, dass mein Großvater, ein Naturwissenschaftler, verschleppt werden würde. Insofern ist in der Familie etwas präsent, was Millionen von Familien durchlebt und erlitten haben.

          Ist Ihnen im Studium das Thema begegnet? Es gibt ja die Meinung, es sei in der alten Bundesrepublik verdrängt worden.

          Ich habe mich an der Universität mit Themen beschäftigt, bei denen es Berührungspunkte gibt. Meine Doktorarbeit ist eine Analyse von Verschwörungstheorien im Frankreich des Ersten Weltkriegs, die Wahnidee des inneren Feindes. Wo sind die Anhaltspunkte in der Realität, wie wird das politisch instrumentalisiert? So etwas lässt sich in seiner Grammatik oder Mechanik übertragen. Das Thema der Vertreibung ist übrigens immer in der Öffentlichkeit gewesen; die Auffassung vom Tabu trifft es nicht ganz.

          Zu den Baustellen der Stiftung gehört der Wissenschaftliche Beirat.

          Der Beraterkreis ist neu aufzustellen, das wird eine meiner Aufgaben sein, in enger Absprache mit dem Stiftungsrat, aber auch mit eigenen Ideen. Der neue Beraterkreis sollte sich als dienendes Gremium verstehen, wie es vom Stiftungsgesetz her angelegt ist, und ich würde mich sehr freuen, wenn es uns gelänge, doch wieder jemanden aus Polen und vielleicht auch jemanden aus Tschechien zu gewinnen.

          Werden Sie auf einzelne aus dem Beirat ausgeschiedene Mitglieder zugehen?

          Das möchte ich nicht ausschließen. Ich kann mir vorstellen, dass einzelne sagen: Das möchte ich nicht noch einmal. Andere sagen vielleicht: Mit Frau Bavendamm kann ich mir das jetzt wieder vorstellen. Zu groß sollte das Gremium nicht sein. Das Stiftungsgesetz spricht von bis zu fünfzehn Mitgliedern, aber vielleicht wäre eine kleinere Zahl vernünftiger, damit man wirklich arbeitsfähig ist. Im Alliiertenmuseum haben wir zwölf Experten im Beraterkreis. Man könnte auch jemanden im westlichen Ausland gewinnen, der die Sache mehr von außen sieht.

          In der Diskussion um die Neubesetzung des Direktorenamtes ist gelegentlich die vom Gesetz verbürgte institutionelle Mitwirkung der Vertriebenenvertreter im Stiftungsrat kritisiert worden.

          Im Stiftungsrat sitzen 21 Personen, von diesen sind sechs Abgesandte des Bundes der Vertriebenen. Das Spektrum ist also viel breiter, bildet die ganze Gesellschaft ab. Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit Bernd Fabritius, dem Präsidenten des BdV. Es gibt heute eine vielfältige dritte Generation von Vertriebenen, selbst in Kanada. Das sind junge Leute, die im Hier und Jetzt leben, mit Smartphones, und gleichzeitig ihr Erbe pflegen. Warum auch nicht? Hier anknüpfend, kann man auch für Ausstellungen interessante Themen generieren. Ein nicht nur für den BdV wichtiger Punkt ist in der Konzeption festgeschrieben: Für die Stiftungsarbeit ist die Vertreibung der Deutschen nur ein Schwerpunkt, aber in der Dauerausstellung ist sie der Schwerpunkt.

          Sind Sie von dieser Schwerpunktsetzung überzeugt?

          Die Konzeption ist die Basis meiner zukünftigen Arbeit. Ich kann die gewählten Schwerpunkte auch verstehen, denn die Urheberschaft dafür, dass es überhaupt so eine Einrichtung gibt, liegt bei den Vertriebenen. Diese Urheberschaft muss man anerkennen, ohne sich als Dienstleister für die Vertriebenen zu verstehen.

          An diese Frankfurter Allgemeine Zeitung haben sich Vertriebene gewandt, die nach den Personalquerelen die Sorge umtreibt, ihre Erfahrungen oder auch ihre Schenkungen von Objekten seien gar nicht mehr gefragt.

          Diese Sorge ist unbegründet. Wir werden auf der Grundlage des Konzepts arbeiten, es ist nicht daran gedacht, es aufzuschnüren. Außerdem wird es einen Raum der Stille geben, das ist der Beitrag der Kirchen. Ein solcher Andachtsort passt gut zum dritten Wort im Namen der Stiftung: Versöhnung. Das Gespräch mit Herrn Fabritius hat mir übrigens gezeigt, welche Schätze in den Landesverbänden schlummern. Sein Verband, der Siebenbürgener, besitzt sechshundert Stunden Oral history von Dialekten.

          Wird dem Besucher des Deutschlandhauses die untergegangene Welt des deutschen Ostens begegnen, dem der Untergang ja nicht vorherbestimmt war? Wie kann man die „seelischen Landschaften“ bebildern, von denen der Schriftsteller Horst Bienek gesprochen hat?

          Flucht und Vertreibung im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der Hitler-Diktatur sind eine komplexe Geschichte. Man wird es nicht schaffen, auf den verfügbaren 1200 Quadratmetern auch noch die seelischen Landschaften in größerem Maße darzustellen. Aber der Begriff ist treffend, und ich kann mir vorstellen, dass man mit Literatur viel machen kann. Warum nicht einmal eine Sonderausstellung unter dieser Fragestellung? Das eine ist der Exodus unter Zwang, und das andere ist das, was zurückgelassen worden ist und heute nicht mehr existiert. Neil MacGregor hat das sehr elegant gemacht in seiner Ausstellung „Germany. Memories of a Nation“. Am Anfang bezog er Königsberg mit ein, obwohl wir alle wissen, dass Königsberg heute russisch ist und Kaliningrad heißt. Es gab etwas davor. Natürlich. Das ist übrigens auch das Konzept vieler Museen zur jüdischen Geschichte.

          Ein markanter Punkt des unter dem Gründungsdirektor Manfred Kittel erarbeiteten Konzepts ist das Ideal des homogenen Nationalstaats nach 1918. Wie bewerten Sie als Historikerin des Ersten Weltkriegs diese Akzentsetzung?

          Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Man muss ja den Kontext definieren und fragen: Wo komme ich her, aus welcher Perspektive betrachte ich das Thema? Die Tatsache, dass Zwangsmigrationen schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg ein allgemein akzeptiertes Mittel nationalstaatlicher Politik waren, bietet einen guten Zugriff: Der Vertrag von Lausanne von 1923 galt als gelungener Präzedenzfall dafür, dass sich so etwas organisieren lässt. Die Idee war in der Welt. Gesucht wurde nach dem idealen Nationalstaat, bei dem territoriale Grenzen in Deckung sind mit ethnischen Grenzen.

          Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die gegenwärtige politische Diskussion, in der Vorstellungen von nationaler Homogenität eine Renaissance erleben?

          Jedes Museum existiert im Jetzt. Zwangsläufig ist deshalb die Flüchtlingskrise von heute der Resonanzraum der SFVV. Es wird eine Aufgabe sein, sich unter Anerkennung des Stiftungszwecks dazu klug zu positionieren. Ich bin allerdings skeptisch, was das Lernen aus der Geschichte angeht. Wenn man zurückblickt, erkennt man eher, was man nicht hätte tun sollen. Was man vergleichen kann, 1944/45 und heute, ist eher die allgemein menschliche Dimension: das Trauma, von zuhause wegzumüssen, Gewalt zu erfahren, seine Sprache zu verlieren, nicht zu wissen, wie die Zukunft aussieht. In anderer Hinsicht muss man genau differenzieren. Es ist einfach so, dass 1944/45 Deutsche zu Deutschen gekommen sind, mit der gleichen Sprache, der gleichen Religion, ähnlichen Werten. Was wir heute erleben, ist etwas anderes.

          Nun wurden protestantische Vertriebene nicht nur in protestantischen Gegenden angesiedelt. Wie stellt man fest, dass sie die passenden Werte im Gepäck hatten?

          Es war die christliche Religion, und in diesem Sinne hatte man schon eine gemeinsame Wertebasis. Ansonsten wissen wir durch die Forschung, wie lang der Prozess der Integration dauerte. Es ist ein Mythos, dass alles in wenigen Jahren bewältigt worden sei. Wenn man sich das eine große Ganze ansieht und das andere große Ganze, ist es zweifelsohne so, dass der kulturelle Gap zwischen unserer Gesellschaft heute und den Flüchtlingen größer ist als der kulturelle Gap damals.

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