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Netzkultur Der digitale Maoismus ist zu Ende

Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff „virtuelle Realität“ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die „Schwarmintelligenz“. Er spricht vom digitalen Mob.

Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff „virtuelle Realität“ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die „Schwarmintelligenz“. Er spricht vom digitalen Mob.

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Sie waren der Prophet einer wunderbaren Digitalwelt voller Magie. Jetzt führen Sie Klage darüber. Was ist passiert?

Daten sind passiert. Daten, die wir zuvor nicht hatten. Es ist ja absolut korrekt und ehrenwert, eine Hypothese aufzustellen, aber es ist nicht ehrenwert, eintreffende Daten zu ignorieren. Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten befinden wir uns nun schon in der Netz-Ära, es ist also genug Zeit verstrichen, um handfeste Daten unter die Lupe nehmen zu können. Das habe ich getan und bin unter anderem zu dem ziemlich verstörenden Schluss gekommen, dass das Phantasiebild von den Musikern, Journalisten, Geistesarbeitern, die zwar durch file sharing und soziale Netzwerke ökonomisch in Bedrängnis gerieten, aber so auch neue Geldquellen aufspürten, falsch ist. Viele Leute geben immer noch vor, dass dies jetzt geschieht, weil sie an die vorherrschende Ideologie glauben, aber die Daten widersprechen ihnen.

jaron lanier © vanz Vergrößern „Der mit der optimistischen Einstellung, das bin ich”: Jaron Lanier

Diese neue Welt sollte allen offenstehen, kostenlos. Wieso hat das nicht geklappt?

Nehmen Sie das Beispiel der Musik. Das Dogma oder die Internetideologie lehrt uns: Ja, schon richtig, wir zwingen Musiker, ihre Musik kostenlos abzugeben, aber dafür bekommen sie ebenfalls kostenlose Publicity, mit deren Hilfe sie andere Sachen verkaufen können. Für bereits bekannte Künstler wie Radiohead mag die Rechnung aufgehen, für alle anderen, die sich nur übers Internet vermarkten, ist das nicht der Fall. Nach meiner Ansicht liegt das daran, dass ein Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten. Ich sage das nicht gern, aber wenn Leute ständig neue Videos online stellen und der Menge gefallen müssen, gibt es für sie keine Pause, um sich weiterzuentwickeln. So kommt es unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.

Haben Sie denn eine Idee für ein funktionierendes System, in dem nicht nur die, wie Sie sie nennen, "Herren der Wolken" mit Namen wie Google und Youtube die dicksten Früchte ernten, sondern auch die kreative Klasse der "digitalen Bauern" ein Auskommen hat?

Ja, und interessanterweise geht die Lösung, die ich anzubieten habe, zurück auf die allererste Idee vom Netz, auf verlinkte Medien, Hypermedien. In den sechziger Jahren schon machte Ted Nelson, der als Erster sich so etwas wie Hypertext ausdachte, den Vorschlag, weltweit ein Mikrozahlungssystem einzuführen. Jeder könnte so Zugriff auf das Produkt jedes Anbieters haben, für eine verschwindend geringe Gebühr. Information wäre damit nicht absolut kostenlos zu haben, aber sie wäre sehr erschwinglich. Zudem gäbe es keine Trennung zwischen intellektueller oder künstlerischer Aktivität und der Wirtschaft, die beiden Sphären blieben verbunden. Und erhalten blieben auch Kreativität und Flexibilität, all die Vorzüge des Internets, die wir alle lieben, also dass alle möglichen Leute alle nur möglichen Dinge tun können. Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen. Ein Apple-Laden für Apps und Musik ist ja sehr nett, könnte aber für diesen Zweck niemals ausreichen.

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