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Veröffentlicht: 02.08.2016, 11:24 Uhr

Angst vor Krieg und Terror Was uns in dieser Lage möglich ist

Die Einschnitte der vergangenen Wochen verbindet ein Phänomen: die Angst, auf ein Konzert zu gehen oder Bahn zu fahren, die Angst um die eigenen Kinder. Haben wir es noch mit einem Schwelbrand zu tun – oder schon mit einem Inferno? Ein Gastbeitrag.

von Navid Kermani
© AP Die Angst fährt mit? Viele Menschen fürchten sich nun gar schon vor dem Bahnfahren.

Es sind nicht die dramatischen Nachrichten allein, die in diesen Tagen beunruhigen, da man abends die Sondersendungen im Fernsehen anschaltet oder sich im Internet von Seite zu Seite klickt, weil die Zeitungen des nächsten Tages schon nicht mehr aktuell sein werden: die beispiellose Serie von Anschlägen seit Nizza, die nun auch Deutschland erfaßt hat und bis in Willkommensinitiativen hinein die Frage aufwirft, wie viele Terroristen unter den Flüchtlingen sind; der Putsch und Gegenputsch in der Türkei; gleichzeitig die Nominierung Donald Trumps als republikanischer Präsidentschaftskandidat in den Vereinigten Staaten; kurz davor der Brexit. Es ist das vage Gefühl, daß diese Ereignisse und Entwicklungen zusammenhängen, ohne daß jemand schlüssig zu sagen wüßte, wie.

Einen unmittelbaren kausalen Zusammenhang wird es nicht geben oder nur im Internet, wo der Weltuntergang oder wahlweise das Ende der westlichen Zivilisation freilich jedes Jahr vorausgesagt wird. Zugleich ist allein die zeitliche Folge der breaking news zu dicht, um sie im Gemüt sauber zu trennen. Liest man dann morgens, was die Zeitungen auf den hinteren Seiten melden, wird einem erst recht bang: die Belagerung von Aleppo und der praktische Abbruch der Friedensverhandlungen in Genf durch die wiedererstarkte syrische Regierung; Putins Verschwörungsvorwürfe wegen der Dopingermittlungen und umgekehrt Obamas Verschwörungsvorwürfe wegen der E-Mail-Enthüllungen genau zum Parteitag der Demokraten; das anstehende Referendum gegen Flüchtlinge in Ungarn und die Wiederholung der österreichischen Wahlen mit einem womöglich sogar deutlichen Sieg Norbert Hofers; davor in Deutschland wieder Landtagswahlen, bei denen die AfD den Beweis antreten dürfte, daß sie ungeachtet ihrer Selbstdemontage spektakuläre Wahlerfolge erzielt. Was, wenn sie einen charismatischen Führer hätte? Am Horizont, 2017, Marine Le Pen als mögliche Staatspräsidentin Frankreichs.

© dpa, afp Angst vor Fremdenhass nach Gewalttaten in Deutschland

Was die jüngsten Attentate anders macht

Man muß sich nur einen Augenblick zurücklehnen und daran erinnern, was alles vor einem Jahr noch für unvorstellbar gehalten wurde oder allenfalls eine sehr abstrakte Möglichkeit der Zukunft war, damit einem alles wie ein schlechter Traum vorkommt – von einer Million Flüchtlinge innerhalb weniger Monate über die Kölner Silvesternacht zum wahllosen Morden in deutschen Innenstädten, von der Wahlannullierung in Österreich über das möglich gewordene Ende der EU zu einem amerikanischen Präsidenten, der die Nato-Beistandsverpflichtung aufkündigt und zugleich mit Putin, Erdogan und den europäischen Rechtspopulisten fraternisiert. Aber nein, es ist kein Traum, es ist die Wirklichkeit, und eher war die lange Periode der alternativlosen Eintracht traumhaft, die in Westeuropa seit dem Ende des Kalten Krieges herrschte, während in anderen Erdteilen die sozialen, politischen und auch religiösen Konflikte eskalierten.

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