23.12.2009 · War der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht in NS-Massenexekutionen verstrickt? Und wie stark würde dies sein Werk beschädigen? Nicht die individuelle Verfehlung, sondern der auf Deutschland beschränkte Blick vieler Musikwissenschaftler ist das Problem, meint Friedrich Geiger.
Von Friedrich GeigerIn der aktuellen Ausgabe der „Zeit“ veröffentlichte der Musikwissenschaftler und Journalist Boris von Haken einen Artikel, worin er den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht als Mittäter bei einer Massenerschießung von rund 14.000 Menschen nennt. Sie ereignete sich am 9., 11., 12. und 13. Dezember 1941 auf der Halbinsel Krim, etwas außerhalb der Hauptstadt Simferopol. Haken schreibt, Eggebrecht sei „an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt“ gewesen.
Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den Haken am 17. September auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung in Tübingen gehalten hat. Der Vortrag löste heftige Reaktionen aus, viele Musikwissenschaftler waren erschüttert: Eine ihrer Koryphäen, bisher vollkommen unverdächtig, scheint als Mörder enttarnt. Die Stimmen derer, die sich nun von Eggebrecht und seinem wissenschaftlichen Werk distanzieren, mehren sich. Doch auch skeptische Töne sind zu vernehmen.
Kein eindeutiger Beweis
Mit den gebotenen Skrupeln formuliert: Die Befunde, die Haken bisher mitgeteilt hat, könnten darauf hindeuten, dass Eggebrecht bei dem Massaker an mindestens einem Tag anwesend war. Doch einen eindeutigen Beweis gibt es dafür bisher nicht. Erst recht ist vollständig unklar, was Eggebrecht in Simferopol sah, tat oder unterließ. Haken scheint nachweisen zu können, das Eggebrecht zwischen Februar 1940 und Ende August 1942 der 2. Kompanie der Feldgendarmerieeinheit 683 zugeteilt war. Diese Kompanie wurde anscheinend an mindestens einem Tag der Mordaktion vollständig hinzukommandiert, wobei Haken bislang für diese Angabe keinen Beleg vorgelegt hat. Dass sich Eggebrecht zwischen dem 9. und 12. Dezember 1941 überhaupt in Simferopol und damit unter den Männern dieses Kommandos befand, ist somit wahrscheinlich, aber nicht gewiss.
Dass Hakens Umgang mit den Quellen gelegentlich problematisch ist, zeigt seine Auswertung einer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft München im Jahr 1964. Haken möchte belegen, dass Eggebrecht dem 3. Zug der 2. Kompanie angehörte. Hierfür zitiert er einen ehemaligen Soldaten dieser Kompanie, der sich an Namen von Kameraden erinnert: „Eggebrecht Heiner, wurde mit mir Unteroffizier in Simferopol, müsste aus der thüringer Gegend gestammt haben, sein Vater war dort Pfarrer“. „Mit dieser Aussage“, so Haken, „war es möglich, Eggebrecht gesichert zu identifizieren.“ Doch Haken zitiert den Kontext dieser Aussage nicht, der aber entscheidend ist. Laut Protokoll (Staatsarchiv München, Staanw 21767/5) sagte der Zeuge nämlich, er könne „noch folgende Feldgendarmen benennen, die möglicherweise bei mir mit im 3. Zug waren“, worauf dann an zweiter Stelle Eggebrechts Name fällt. Eggebrecht ist folglich keineswegs „gesichert“ als Angehöriger des 3. Zuges zu identifizieren, sondern nur „möglicherweise“.
Solange sich keine eindeutigen Belege für Eggebrechts Anwesenheit bei der Massenerschießung beibringen lassen, ist die Anschuldigung, er sei „an allen Stadien, an allen Phasen der Ermordung der Juden in Simferopol beteiligt“ gewesen, nicht zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass Haken für seine Rekonstruktion der Massenexekutionen in Simferopol bisher keine detaillierten Belege geliefert hat. Er verweist pauschal auf Ermittlungsakten deutscher Staatsanwaltschaften im Bundesarchiv Ludwigsburg, aus denen die Mitwirkung der Feldgendarmerieeinheit 683 in der von ihm geschilderten Weise hervorzugehen scheint. Man darf also auf sein für Frühjahr 2010 angekündigtes Buch über den Fall gespannt sein, mit dem dann auch die Quellen zur Diskussion stehen. Bis dahin muss der Grundsatz gelten: in dubio pro reo.
Verengter Blick?
Unabhängig davon, ob sich Eggebrechts Anwesenheit bei den Greueltaten in Simferopol zweifelsfrei belegen lassen wird, hat man sich mit Hakens Forschungen zur NS-Vergangenheit des jungen Eggebrecht auseinanderzusetzen, mit denen er seine Hauptthese stützt. Danach stammte der Musikwissenschaftler aus einem völkisch denkenden Elternhaus und schloss sich 1937, also als Achtzehnjähriger, dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund an. Ferner blieb er der Hitlerjugend auch nach Ablauf der Pflichtzeit als Musikreferent verbunden, bis er 1938 zum Studium nach Berlin wechselte. Dass er die Mitgliedschaft in NS-Organisationen verschwieg, bestürzt Freunde, Kollegen und Schüler, die davon nichts ahnten und sich nun getäuscht fühlen. Doch was bedeutet, über die menschliche Ebene hinaus, die NS-Vergangenheit des jungen Eggebrecht für seine wissenschaftlichen Arbeiten, die ja erst nach dem Krieg verfasst wurden?
„Das alles“, so Volker Hagedorn ebenfalls in der aktuellen „Zeit“, „liest man jetzt natürlich mit begründetem Misstrauen.“ Auch Haken hat in seinem Tübinger Vortrag eine suggestive Verbindung zwischen Eggebrechts angeblicher Mitwirkung an den Massenerschießungen in Simferopol und problematischen Passagen aus seinen Texten gezogen. Die von Hagedorn und Haken zitierten Auszüge demonstrieren, dass Eggebrechts Bild der Musikgeschichte auf Deutschland zentriert war und dass er stellenweise, etwa mit Blick auf Gustav Mahler, antisemitischen Vorurteilen aufsaß. Doch worin besteht das Problem des Faches wirklich? In dem biographischen Faktum, dass einer seiner prominentesten Vertreter, wie viele seiner Generation, als junger Mann einer NS-Organisation angehörte? Oder in der Tatsache, dass in seinen Arbeiten fragwürdige Gedanken enthalten sind? Oder besteht das Problem nicht vielmehr darin, dass offenbar spektakuläre Enthüllungen über die NS-Vergangenheit eines Musikhistorikers nötig sind, um auf die Fragwürdigkeit dieser Gedanken aufmerksam zu werden?
Vorurteile im Denken über Musik
Das Alarmierende ist doch, dass die meisten der zahlreichen Leser seines Hauptwerks „Musik im Abendland“ (1991) bisher offenbar nichts irritierte. Wie wenig man über Eggebrechts Vergangenheit wissen musste, um auf die Schwierigkeiten zu stoßen, bewies hingegen sein Fachkollege Vladimir Karbusicky. Karbusicky stammte aus Prag und war Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg. Er legte 1995 unter dem Titel „Wie deutsch ist das Abendland? Geschichtliches Sendungsbewusstsein im Spiegel der Musik“ eine scharfe Entgegnung auf Eggebrecht vor. Darin kritisierte er dessen selektiven, einseitig deutschen Blick auf die Musikgeschichte, der weder die italienische Musik nach Verdi noch die meisten französischen Komponisten einschloss. Ferner, so Karbusicky weiter, „haben so gut wie alle Russen im Abendlande nichts zu suchen, so dass auch Tschaikowski ausgeschieden ist. Im amerikanischen Abendland sind es Ives und Copland (natürlich auch Bernstein mit seinen zu populären Rhythmen und seinen zu jüdischen Symphonien); England hat keinen Britten hervorgebracht, Polen überhaupt nichts.“
Für diese Streitschrift wurde Karbusicky heftig angegriffen, einige Rezensenten schreckten vor persönlicher Verunglimpfung nicht zurück. Offenkundig war vor vierzehn Jahren die Zeit noch nicht reif für das Bewusstsein, dass der deutsche Musikdiskurs von fatalen Kontinuitäten geprägt ist. Selbst beim besten Willen zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, den man auch bei Eggebrecht voraussetzen kann – das zeigen seine Schriften über die musikalische Avantgarde unmissverständlich –, blieben im Denken über Musik ideologische Reste haften. Erst recht gilt das für die Unbelehrbaren, die lediglich die Wortwahl änderten, aber in der Sache über Musik weiterhin dachten und redeten wie im Dritten Reich. Ihre Wirkung konnte erheblich sein, wie bei dem Musikschriftsteller Walter Abendroth, der nach Kriegsende Feuilletonchef der „Zeit“ wurde und 1959 eine weit verbreitete, oft aufgelegte „Kurze Geschichte der Musik“ schrieb, deren Nähe zum NS-Musikdiskurs kaum auffiel, weil man Ähnliches etwas milder auch bei vielen anderen las.
Wer Eggebrechts Bücher nun in den Giftschrank verweist, verdrängt, indem er den vermeintlichen Einzelfall entsorgt, ein Problem, das die Musikwissenschaft im Innersten betrifft: die ungebrochene, weithin unbewusste Allgegenwart von Vorurteilen, darunter auch deutschnationalen und rassistischen, im Denken und Sprechen über Musik. Wohl niemand von uns ist gänzlich frei davon, auch mit der Generation hat es nicht zwangsläufig zu tun. Schon Klavierschüler, denen man lieber Mozarts Menuette als Bartóks Mikrokosmos vorsetzt, sind davon berührt. Wenn die Diskussion über Eggebrecht dazu beitrüge, dass sich die Sensibilität hierfür erhöht, wäre, bei allem, was zu klären bleibt, schon viel gewonnen.