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Flüchtling als Identität : „Wir brauchen eine Debatte über uns selbst“

Naika Foroutan an ihrem Schreibtisch im Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung Bild: Andreas Pein

Naika Foroutan ist Professorin für „Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik“ an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Interview spricht sie über Ressentiments gegen Muslime und die Frage, welches Leitbild Deutschland braucht.

          Frau Foroutan, Sie haben kürzlich dem „Spiegel“ ein Interview gegeben. Normalerweise werden die Interviewten im Intro mit Namen, Alter und Beruf vorgestellt. Bei Ihnen stand jedoch: Naika Foroutan, 43, war Flüchtling. Ist Flüchtling eine neue identitäre Kategorie, stärker als der Beruf?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Womöglich! Meine Schwester ist Schauspielerin und hat gerade den Hessischen Filmpreis entgegengenommen. Der Grundton bei der Preisverleihung war: Vor 35 Jahren musste ihre Familie den Iran verlassen, aber sie hat es trotzdem geschafft! Kurz darauf rief mein Bruder an, er lebt in der Eifel: Stell dir vor, sagte er, die wollen mit mir ein Interview als Flüchtling machen! Wir mussten beide lachen. Grundsätzlich finde ich es aber gut, Flucht als gesellschaftlichen Erfahrungsraum stärker zu thematisieren. Deutschland hat eine große Fluchtgeschichte, die jahrzehntelang wenig besprochen wurde. Es waren traumatische Erlebnisse, die Großelterngeneration konnte sie nie verarbeiten. Emotional hat diese Generation Ähnliches erlebt wie die Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen. Auch die Vorurteile, mit denen die Ostflüchtlinge damals zu kämpfen hatten, ähneln jenen, die man jetzt wieder hört. Es hieß, die Menschen seien schmutzig, würden nicht arbeiten und seien hinter den Frauen her. Das Trauma dieser Menschen resultierte auch aus der Abwertung und Nichtanerkennung, die sie so erlebten.

          Das Gerücht, Flüchtlinge vergewaltigten deutsche Frauen, hält sich seit Wochen, obwohl sich die meisten Vorwürfe als falsch erwiesen haben. Es wurde sogar festgestellt: Flüchtlinge sind bei Sexualdelikten nicht auffälliger als Deutsche, woran auch ihre große Anzahl nichts geändert hat.

          Gerüchte sind hartnäckig. Sie dienen dazu, unterschwellige Gefühle von Angst oder Ressentiments zu begründen. Der Vergewaltigungsmythos ist aber nichts Neues, schon den italienischen Gastarbeitern wurde nachgesagt, sie vergewaltigten im Schwabenland blonde Frauen. Es ist ein Narrativ, das in der Geschichte immer wieder im Zusammenhang mit Fremden auftaucht. Da schwingt sehr viel mit: Das deutsche Blut wird beschmutzt, der Volkstod eingeleitet. Es ist ein tief verwurzeltes, zutiefst rassistisches Ressentiment. Dass es in der Debatte nicht als solches dekodiert wird, ist schlimm.

          Warum ist es gerade so virulent?

          Eine große Rolle spielt sicherlich Pegida. Deren Wortführer arbeiten seit über einem Jahr mit dem Entfremdungsnarrativ, immer mit dem Duktus: Das Volk wird verraten. Natürlich müssen Debatten, die um die Angst vor Identitätsverlust kreisen, öffentlich geführt werden. Doch eine Gesellschaft muss argumentativ gut darauf vorbereitet sein, sonst verschieben sich ganz schnell die Grenzen des Sagbaren, und die krudesten Thesen werden ernsthaft debattiert. Sie sickern auf diese Weise ins kollektive Bewusstsein. Auch das „Volk ohne Raum“ war zunächst nur ein argumentativer Topos, der zutiefst reale Effekte erzeugt hat.

          Französische Bürgermeister : „Muslime? Nein danke!“

          Bevor der Typ „muslimischer Mann“ in den Vordergrund rückte, wurde vor allem gegen die Wirtschaftsflüchtlinge Stimmung gemacht.

          Es hieß, Sozialschmarotzer wollen wir nicht, wir wollen den syrischen Arzt. Aber das ist gerade nicht mehr so wichtig. Die meisten Syrer, ob nun Arzt oder nicht, sind nun einmal Muslime. Und die hängen, so eines der Stereotype, in den Flüchtlingsunterkünften herum oder prügeln sich und können ihre sexuellen Bedürfnisse nicht kontrollieren. Volker Beck hat kürzlich einen Zeitungsbericht auf seine Homepage gestellt. Der Tenor: Die Heime sind überfüllt, sexuelle Übergriffe und Schlägereien nehmen zu, der Zustrom muss begrenzt werden, er liegt jetzt schon bei 850 000. Nach vorsichtigen Schätzungen ginge man von 1,5 Millionen Neubürgern aus, nach pessimistischen Prognosen von weit über zwei Millionen. Es war ein Artikel von 1990 über ostdeutsche Übersiedler!

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