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Veröffentlicht: 11.07.2014, 19:29 Uhr

Nahost-Konflikt Wartet nicht auf den Frieden, macht ihn!

Alle in Israel reden über den Frieden. Dabei sind wir damit in Jahrzehnten keinen Schritt weitergekommen. Wir sollten aufhören, davon zu sprechen, und endlich anfangen zu handeln.

von Etgar Keret
© dpa Zarter Blumenteppich: Frieden kann nur im Kompromiss entstehen

Tatsächlich hatte ich mich schon vor einigen Wochen hingesetzt, um diesen Artikel zu schreiben. Drei israelische Teenager, die inzwischen begraben sind, lächelten und lachten damals noch, und ein sechzehnjähriger palästinensischer Junge, dessen verkohlter Leichnam inzwischen gleichfalls begraben ist, hing damals ganz sicher noch mit seinen Freunden herum. Die Tageszeitung „Haaretz“ hatte den Artikel für die von ihr organisierte „Israel Peace Conference“ in Auftrag gegeben. Aus Anlass dieses wichtigen Ereignisses schrieb Abu Mazen einen großartigen Beitrag, und selbst der amerikanische Präsident Barack Obama schickte einen emotionalen Text; deshalb erklärte ich mich natürlich sogleich bereit, etwas zu schreiben. Schließlich sehne ich mich wie alle anderen seit langem nach Frieden, und in diesen trostlosen Wochen, als der Frieden ferner denn je zu sein schien, blieb als Einziges, darüber zu schreiben. Aber als ich dann versuchte, etwas zu schreiben, stellte ich fest, dass mir - anders als in den guten Tagen, als ich alle zwei Monate einen dieser friedenssehnsüchtigen Texte für jede Tageszeitung schreiben konnte, die ihren Lesern ein wenig Hoffnung auf die Zukunft der Region geben wollte - nichts einfiel, als ich mich an den Computer setzte.

Oberflächlich besehen war die Sicherheitslage stabil, aber angesichts der abgesagten Friedensgespräche und der allgemeinen Verzweiflung, die selbst das naive Amerika befallen hatte, das offenbar gleichfalls den Gedanken an eine diplomatische Lösung in der Region aufgegeben hatte, war es eindeutig nur eine Frage der Zeit, bis es zu irgendeinem mörderischen Akt kam, dem ein ebenso mörderischer Vergeltungsakt folgen würde. Und in diesen deprimierenden, schwülen Tagen fiel es mir schwer, einen Artikel über den Frieden zu schreiben, ohne dass ich mich als Idiot oder zumindest als jemand gefühlt hätte, der den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat.

Frieden als Gottesgeschenk

Inzwischen hatten die Sommerferien und die Fußballweltmeisterschaft begonnen, und wenige Tage später begann abermals der bekannte und für die Region so typische Irrsinn, der immer wieder schockiert, obwohl er so vorhersagbar ist. Während die Kanonen donnerten und Mitglieder der israelischen Regierung hitzige Reden hielten, wurde die Israel Peace Conference eröffnet, und ich hatte das Vergnügen, die Ansprachen und Texte vieler eloquenter, entschlossener Menschen zu hören und zu lesen, die weiterhin über den ersehnten Frieden sprachen, unbeirrt und obwohl oder vielleicht gerade weil die Erde unter unseren Füßen bebte.

Wie steht es um diesen trügerischen Frieden, über den so viele so gerne reden, obwohl es bislang noch niemandem gelungen ist, uns ihm auch nur einen Millimeter näher zu bringen?

Vor ein paar Monaten nahm mein achtjähriger Sohn an einer Zeremonie teil, in der alle Schüler seiner Klasse eine Bibel erhielten, die den Beginn ihres Bibelstudiums markieren sollte. Nach der Zeremonie stiegen alle Schüler auf die Bühne und sangen ein bekanntes Lied über - ja, worüber sonst? - die Sehnsucht nach Frieden. Und nach diesem Lied mit dem Titel „Gott hat dir ein Geschenk gemacht“ von David Halfon baten die Kinder Gott, er möge ihnen nur ein kleines Geschenk machen, nämlich Frieden auf Erden.

Ein unlösbarer Konflikt

Auf dem Heimweg dachte ich über das Lied nach. Im Unterschied zu den anderen Liedern, die mein Sohn am Unabhängigkeitstag oder beim Chanukka-Fest singt und die an furchtlos geschlagene Schlachten oder die mit lodernden Fackeln vertriebene Dunkelheit erinnern, war der Frieden nicht etwas, das er durch Schweiß und Blut erwerben wollte. Er wollte, dass er ihm gegeben würde. Als Geschenk, nicht weniger. Und genau das scheint der Frieden zu sein, nach dem wir uns sehnen: etwas, das wir sehr, sehr gern als Geschenk und vollkommen kostenlos erhalten möchten. Aber entgegen der bewährten Vorstellung, dass wir allein für unser Überleben verantwortlich sind, hängt der Frieden von der göttlichen Vorsehung ab.

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