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Nachwuchsdebatte in China „Zu viele Kinder verringern den Wohlstand“

21.11.2007 ·  Immer noch propagiert der chinesische Staat die Einkindpolitik aus den siebziger Jahren. Wie aber verträgt sich die Kleinfamilie mit der Tradition und dem chinesischen Kult der Nachkommenschaft? Die Regierung hat schon einmal damit begonnen, neue Slogans zu texten.

Von Mark Siemons, Peking
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Verändert die Einkindpolitik die traditionelle Kultur Chinas? Die Frage ist tückisch, denn die Regierung der Volksrepublik beruft sich seit Jahren auf ebendiese Kultur, um den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes als Rückkehr zur alten Größe darstellen zu können. Außerdem will sie die Kultur als neuen Kitt der Gesellschaft wiederbeleben, damit deren Fliehkräfte am Ende nicht auch ihr selbst noch gefährlich werden. Könnte es nun sein, dass sich dieses „China“, dessen fünftausendjährige Kontinuität die Kommunistische Partei in jüngster Zeit nicht müde wird zu beschwören, mit seiner fortgesetzten Bevölkerungspolitik selbst den Boden unter den Füßen wegzieht? Das vielköpfige und reichgegliederte Familiensystem, das Konfuzius und seine Nachfahren bei der Entwicklung ihres moralischen Universums im Sinn hatten, gibt es in der Gesellschaft der verordneten Einzelkinder ja zweifellos nicht mehr.

Andererseits wäre das, was jetzt als Folge der staatlichen Geburtenkontrolle in Erscheinung tritt, ohne die Tradition nicht denkbar. Denn die Vorstellung, dass sich das Leben des Einzelnen durch die Nachkommenschaft in einem endlosen Strom der Generationen verlängert, dass also jeder Mensch seine Stellung und seinen Sinn erst durch die potentiell unsterbliche Familie empfängt, bleibt auch unter den veränderten Bedingungen lebendig. Sie äußert sich in der rückhaltlosen Verehrung, die nunmehr das Einzelkind nicht bloß seitens seiner beiden Eltern, sondern auch der insgesamt vier Großeltern erfährt. 4:2:1 wird die drückende Last dieser geballten Aufmerksamkeit in China beziffert. Auf dem Einzelkind ruhen all die überkommenen Erwartungen von Ehre, Reichtum und Ewigkeit, die sich früher auf viele Nachkommen verteilten. Entsprechend hoch sind die Investitionen vor allem in die Bildung des Kindes - auch dies die Nachwirkung eines traditionellen Konzepts, des Vertrauens in die Macht der Beamtenprüfungen, die einstmals das Scharnier für alle Schlüsselpositionen im Reich darstellten.

Die restlos durchökonomisierte Gesellschaft

Doch dieses vertraute Muster bringt heute ganz widersprüchliche Wirkungen hervor. Der Grund dafür ist der Markt, mit dem die Einkindpolitik aufs engste verbunden ist. Eine kommunistische Idee war sie in China zunächst nicht; Mao hatte sich in den fünfziger Jahren gegen Geburtenkontrolle gesperrt und die Malthusianer aus einflussreichen Positionen entfernen lassen. Je mehr Chinesen, desto besser für den Aufstieg des Landes, so lautete das durch Maos dezisionistisches Temperament ebenso wie sein ländliches Herkommen geprägte Credo. In der traditionellen bäuerlichen Gesellschaft, in der es eine hohe Erwartungssicherheit über das immer gleichbleibende Verhalten der Familie gibt, stellen Kinder, ökonomisch gesehen, eine langfristige Alterssicherung dar: Da wollen gerade die Ärmsten immer mehr Kinder.

In einer durch Geldverkehr und rasch sich bietende und vergehende Möglichkeiten geprägten Gesellschaft dagegen, in der man nur noch kurzfristig planen kann, werden Kinder, ökonomisch gesehen, vor allem als finanzielle Belastung empfunden. Deshalb startete China in den siebziger Jahren unter dem Einfluss von Tschu En-lai die Kampagne: „Ein Kind ist ideal, zwei sind genug, drei sind zu viel.“ Bezeichnenderweise war es jedoch erst der Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen, der 1979 die rigide Einkindpolitik einleitete. Wenigstens am Anfang wurde sie mit Massenkampagnen und drakonischen Mitteln durchgesetzt; oft wurden Frauen zu Abtreibung und Sterilisierung gezwungen. Um auf dem globalen Markt konkurrenzfähig zu sein, wollte man eine schlanke, bewegliche, restlos durchökonomisierte Gesellschaft. So fasste der zuständige Minister unlängst seine Bilanz dieser Politik, die dem Land in den vergangenen Jahrzehnten vierhundert Millionen Menschen erspart habe, in der Feststellung zusammen, sie habe zu „Chinas sozioökonomischer Entwicklung“ beigetragen.

Der Mensch wird immer kleiner

Ob nun mehr oder weniger Kinder eingefordert werden: Jedes Mal erscheinen sie als Verfügungsmasse des Staates, der mit ihnen zum so oder so vorausgesehenen Nutzen des Allgemeinen operiert. Deshalb ist die chinesische Familie heute zwischen globalem Kapitalismus und einem autoritären Staat mit sozialtechnologischen Visionen eingekeilt. Beides läuft der überkommenen Vorstellung zuwider, über die der China-Interpret Lin Yutang einmal schrieb: „In China hat man den Menschen immer für größer und wichtiger als den Staat gehalten, aber nie für größer und wichtiger als die Familie, denn außerhalb der Familie hat er keine wirkliche Existenz.“ Das war über eine Zeit gesprochen, als China vom Westen noch nicht den nationalistischen Gedanken übernommen hatte; auf den familiären Beziehungen beruhten die des gesamten Gemeinwesens. Jetzt aber ist der Mensch auf jeden Fall kleiner und unwichtiger als der Staat, und inwiefern die Familie größer ist als er, muss sich erst noch herausstellen.

Denn das neue, von mehreren Generationen konzentriert umsorgte Einzelkind vereint ein ganzes Bündel einander widersprechender Erwartungen in sich. Es ist der bevorzugte Gegenstand der traditionellen Selbstverpflichtungen, die sich von ihm eine Fortdauer der eigenen Familie und deren Welt erhoffen. Zugleich aber wird in ihm der neue Individualismus verehrt, der als Bedingung gilt, um sich in der kapitalistischen Gesellschaft durchzusetzen. Deshalb schwanken heute viele Eltern etwas ratlos zwischen den alten Erziehungsrezepten und den neuen pädagogischen Angeboten hin und her. Weitblickende Eltern bevorzugen Kindergärten, in denen man nicht bloß Englisch studiert, sondern auch das Fragen statt das Auswendiglernen lernt und die Kinder auch mal öfter in den Arm nimmt. So sollen sie den Anforderungen von Kreativität und Persönlichkeit genügen, die der moderne Wettbewerb stellt.

Aber wenn sie dort bestehen, sich also erfolgreich vereinzeln, lassen sie die Familie oft hinter sich. Die Einzelkind-Generation der in den Achtzigern und danach Geborenen ist in China zum beliebten Debattenthema geworden, zum Orakel, was aus der Gesellschaft als Ganzer werden mag. Es ist üblich, sie als selbstsüchtig, materialistisch und verantwortungslos zu bezeichnen. Sie selbst beschreibt sich als konfus und gestresst und gibt zu, dass der Respekt vor Älteren abgenommen habe. Von den jungen Erfolgreichen verbringen immer mehr das chinesische Neujahrsfest nicht mehr, wie es seit je üblich war, im Kreis der Familie, sondern sie fliegen nach Thailand in den Urlaub. Einzelkinder-Paare dürfen heute in mehreren Städten ein zweites Kind bekommen; doch Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit von ihnen (in Peking: 52 Prozent) das schon gar nicht mehr will, weil es zu teuer sei. Je mehr die Kontingenz der vielen Möglichkeiten zunimmt, desto weniger fraglos und selbstverständlich wird das feste Gefüge der Familie.

Die Kinder werden immer dicker

Auf der anderen Seite zeigt sich, dass die traditionelle Fürsorge, die vor allem die Großeltern anstatt der arbeitenden Eltern dem Stammhalter zukommen lassen, Resultate zeitigt, die wenigstens unter Marktgesichtspunkten unbefriedigend sind. Der Gehorsam, der den Kindern abverlangt wird, macht sie zu autoritätsfixiert für einen Wettbewerb, bei dem es auf Selbständigkeit ankommt. Die viele Zeit vor dem den ganzen Tag über angestellten Fernseher lässt sie zur Apathie neigen. Und die ständige Aufforderung, mehr zu essen, gern auch bei amerikanischen Schnellimbissen, hat zu einer früher bei Chinesen ganz unüblichen Verbreitung von Fettleibigkeit geführt. Auch unter jungen Leuten sind traditionelle Astrologie- und Gesundheitsvorstellungen beliebt, und ein gemeinsames Einkaufen oder Tanzen im Park ist für die verschiedenen Generationen weiterhin üblich. Noch entsprechen die Einzelkinder also keineswegs vollkommen jenen marktförmigen Idealen, die die Familien auf Dauer gefährden können, doch paradoxerweise tun die Familien alles, damit sie ihnen künftig entsprechen.

Umgekehrt gibt ein erfolgreicher Vermarktungsprozess auch vermehrte finanzielle Möglichkeiten, die Einkindpolitik zu unterlaufen. Die staatliche Presse berichtet immer wieder von Wohlhabenden und Prominenten, die sich mehr Kinder leisten, indem sie einfach die fälligen Geldbußen zahlen. Jetzt plant die Regierung, die Kreditfähigkeit dieser Gesetzesbrecher einzuschränken, indem sie ihnen einen entsprechenden Vermerk bei ihrer Bankverbindung verpasst. Vom Land werden nach wie vor rauhere Auseinandersetzungen berichtet, wenn Bauern etwa gegen Familienplanungsbüros rebellieren, die immer mehr Geld aus ihnen herauszupressen versuchen.

Selbst in regierungsnahen Kreisen ist die Bevölkerungspolitik mittlerweile nicht mehr unumstritten. 29 Abgeordnete der Politischen Konsultativkonferenz riefen in diesem Frühjahr dazu auf, die Einkindpolitik abzumildern: „Sie verletzt das Naturgesetz und wird auf lange Sicht dazu führen, dass Mutter Natur sich rächt.“ Die Autoren der Eingabe weisen auf demographische Probleme hin, aber auch auf die psychologischen Schwierigkeiten von Kindern, die keine Geschwister und Cousins mehr zum Spielen haben.

Doch vorläufig will die Regierung von einer Abschaffung ihres Gesetzes nichts wissen, auch wenn sich die Anwendung je nach Region und Bevölkerungsgruppe weiter ausdifferenziert; auf dem Land ist ein zweites Kind schon länger erlaubt. Ansonsten beschränken sich die Reformen vor allem auf die Weise der Vermittlung. Die alten Plakate mit Slogans wie „Besser zehn neue Gräber als ein neuer Mensch“ seien nicht mehr zeitgemäß und sollten sofort entfernt werden, wurde kürzlich von der zuständigen Behörde dekretiert. Statt dessen heißt es jetzt: „Kontrolliere die Bevölkerung, sorge für Mutter Erde“, oder, noch zeitgemäßer: „Zu viele Kinder verringern den Wohlstand einer Familie.“ Wäre es allein der gelenkige Pragmatismus, der die chinesische Kultur ausmacht - man brauchte sich um ihre Tradition nicht zu sorgen.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 35
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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