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Nachrichten aus Iran Bitte glaubt alles, was ihr seht

24.06.2009 ·  Was geschieht derzeit in Teheran? Es ist schwer, Kontakt zu den Menschen in Iran zu halten. Nach und nach versiegen die Quellen. Eine Stimmensammlung unter Oppositionellen.

Von Swantje Karich
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An seinem ersten Tag auf der Straße, nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses, ist Basim noch vor der Polizei geflüchtet. Er ist einfach weggelaufen, als die Uniformierten kamen. Schlagstöcke hatten auch ihn getroffen. Danach war die Angst zu groß, sein Körper streikte, er blieb zu Hause. Basim wohnt in einem der am stärksten betroffenen - und deshalb extrem gefährlichen - Stadtteile von Teheran: in der Nähe vom Azadi Square, nicht weit entfernt von der Universität. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt. In seiner Straße wurde in den vergangenen Tagen viel gemordet. Basim ist nicht religiös, und er träumt von einem freien Iran.

Die Gewissensbisse, seine Freunde im Stich gelassen zu haben, aber quälten den Studenten. „Ich habe solche Angst, erschossen zu werden“, erzählte er mir nach seiner Flucht von der Straße. In einem späteren Telefongespräch aber log er plötzlich. Er sei nicht in Teheran, sondern in der Provinz und könne nicht sagen, was tatsächlich in der Hauptstadt passiere. Das war vergangene Woche.

Danach brach der Kontakt ab. Die Furcht vor dem Geheimdienst war zu stark. Eine Freundin, die von Deutschland aus immer wieder versuchte, ihn zu erreichen, sprach noch einmal mit ihm: „Sein Mut sei plötzlich wieder da gewesen. Ich habe immer wieder gesagt, dass er in der Wohnung bleiben soll, aber er ist rausgegangen. Wir sind stärker als die, hat er noch gesagt.“ Jetzt kämpft Basim für seine Grundrechte auf der Straße von Teheran. Ans Telefon geht er nicht mehr.

„Wir müssen rausgehen und kämpfen

Eine typische Geschichte. Denn es wird immer schwieriger, von Deutschland aus mit den Menschen in Iran Kontakt aufzunehmen. Erst wurde es auf den Internetplattformen still, jetzt werden auch authentische E-Mail-Botschaften immer seltener. Jede Form von offenen Telefonaten verbietet sich: Sie werden abgehört.

Wie der Student Basim zeigt auch eine andere junge Iranerin Mut: Schon vor dem Ausbruch der Gewalt hatte sie sich öfter als Junge verkleidet, und so läuft sie auch jetzt durch die Straßen von Teheran, um sich frei zu bewegen. Sie schrieb in einer verschlüsselten Mail: „Mir geht es gut. Gestern hat die paramilitärische Miliz, die Bassij, zu viele Menschen getötet. Eine Frau starb durch einen Schuss. Die Straßen sind extrem unsicher. ,Iran TV' wird zensiert. Jede Nacht kommen die Bassij mit Hizbullah-Flaggen. Ich war in drei Demonstrationen dabei und hatte Glück. Wir müssen rausgehen und kämpfen.“

Diese Mail ist ein paar Tage alt. Seitdem ist keine Reaktion mehr gekommen, auch nicht nach sorgenvollen Bitten.

Zusammengeschlagen und in den Kofferraum geworfen

Das Internet in Iran ist langsam. Und doch sind E-Mails meist die einzige Möglichkeit, um zu kommunizieren. Erstaunlicherweise versiegen die Videos auf Youtube nicht, vielmehr werden sie immer wichtiger. Sie dokumentieren die täglichen Straßenschlachten, die Morde der Bassij. „Bitte glaubt alles, was ihr bei Youtube seht“, schreibt mir ein Freund hastig. „Wir finden immer Möglichkeiten, die Bilder zu senden - und sei es kommentarlos von den Firmencomputern unserer Unternehmen. Sie sind oft mit schnelleren Verbindungen ausgestattet. Die einzige gültige Frage darf sein, wie viele Menschen wirklich getötet wurden, nur neun oder gar viele, viele mehr.“

Bei Facebook postet Parvin, die in Teheran lebt, alle paar Minuten einen neuen grausamen Film - die Quellen sind Youtube, CNN und BBC Persian. Zu Beginn der Ausschreitungen war sie bei Demonstrationen festgenommen worden und ein paar Tage später aber wieder freigekommen. In einem Video auf ihrer Facebook-Seite sieht man, wie ein junger Mann brutal zusammengeschlagen und in den Kofferraum eines Polizeiautos gesteckt wird. Die Polizisten schließen die Klappe und fahren mit dem blutüberströmten Mann weg. Doch nicht Parvin selbst hat diese Filme gedreht: Sie gibt sie nur weiter. Das Video wurde häufig kopiert: „Teilen“ nennt sich diese Funktion bei Facebook. Der Film wird dann automatisch in der eigenen Internet-Gemeinschaft sichtbar.

„Mussawi ist nicht unser Führer“

Während immer neue Bilder auf ihrer Seite erscheinen, beantwortet Parvin aber keine Mails mehr, ruft nicht an, reagiert auf keine Kontaktaufnahme. Vor einer Woche ließ sie mir noch Informationen durch ihren Bruder zukommen, der in den Vereinigten Staaten lebt : „Sie hat mich gebeten, Dir zu schreiben und Dir zu sagen, dass es sehr schwer ist, überhaupt Zugang zum Internet zu haben. Es geht ihr aber gut. Sie schläft wenig. Gar nicht seit einer Woche, aber sie ist stark, physisch und psychisch, und sie geht jeden Tag zwanzig Stunden demonstrieren. Sie hat Dinge gesehen, von denen sie immer noch nicht glauben kann, dass es wirklich passiert ist.“ Wie aber kommen die vielen Filme in ihren Facebook-Account? Eine Freundin aus Deutschland füllt die Website mit Informationen aus Iran - um so die Iraner über die Geschehnisse in ihrem Land auf dem Laufenden zu halten.

„Hier ist die Situation sehr schlimm“, schreibt eine andere Freundin aus Teheran. „Das meiste ereignet sich auf der Azadi-Straße, die eigentlich die Universitätsstraße ist. Viele Freunde von mir sind verprügelt worden. Die Regierung kümmert sich nicht um die Proteste und knüppelt die Menschen unterschiedslos brutal nieder und tötet sie auch. Ich bin sehr verzweifelt und deprimiert, und niemand weiß, was man wirklich machen könnte.“ Trotzdem geht auch diese junge Frau auf die Straße: „Ich selbst habe an zwei Demonstrationen teilgenommen, bei der die Menschen schweigend marschierten. Im Augenblick fahndet die Regierung nach Menschen, die bei den Protesten dabei waren, um sie festzunehmen und einzusperren. Ich hoffe, dass die Menschen in anderen Ländern angesichts dieser Tyrannei auf die Straßen gehen. Was sagen denn die Leute in Deutschland?“

Für die junge Frau und ihre Freunde gibt es nicht zwei demonstrierende Lager in Iran, nicht Mussawi gegen Ahmadineschad. Sie kämpft für eine freie Gesellschaft ohne religiöse Auflagen und Zwänge. Einen regelrechten Zusammenbruch des Systems will sie erreichen: „Mussawi ist nicht unser Führer, er ist nur eine Chance, er ist der Erste, der dem System etwas entgegensetzt. Wir sind enttäuscht vom System und haben begonnen, uns zu wehren, nun ist alles ins Rollen gekommen, und keiner kann mehr zurück.“ So stand es in ihrer letzten Mail.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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