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Eine zeitgemäße Utopie : Wie wollen wir leben?

  • -Aktualisiert am

Jenseits der Wachstums-Ideologie: In unserem Dossier zum Thema Nachhaltigkeit denken Journalisten, Wissenschaftler und Künstler über die Zukunft des Wirtschaftens nach. Eine Einladung.

          Vieles, was wir unter Alltagsgesprächen oder in der Rubrik Einkaufs- und Kochtipps abspeichern, sind in Wahrheit politische Themen. Denn die Bürger sind gespaltene Persönlichkeiten: In ihrer Eigenschaft als Wähler favorisieren sie das „Weiter so“, in ihrer Eigenschaft als Verbraucher, Wirtschaftssubjekte oder Freizeitgestalter suchen sie zunehmend Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit. Es ist auch eine Reaktion des Selbstschutzes: Der Burn-out ist die Krankheit, die Metapher und die Empfindung der Zeit. Kaum jemand glaubt noch, dass das immer mühsamere Streben nach mehr Wachstumspunkten eine sinnvolle Sache ist. Kaum jemand mag sich vorstellen, dass auch Kinder und Enkelkinder mit dem Gefühl leben müssen, trotz großer Anstrengung immer weniger Lohn zu bekommen und immer weniger subjektive Zufriedenheit zu empfinden.

          Manche Autoren wie der Brite Sir Richard Layard beklagen die Vernachlässigung des Glücks als Ziel der Politik, während immer utopischere Wachstumsziele als alternativlos beschworen werden. Layard nutzte die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, um einmal herauszufinden, was seine Landsleute denn tatsächlich zufrieden oder gar glücklich macht. Und da war ein höheres Einkommen keineswegs der entscheidende Faktor, jedenfalls nahm ab einer gewissen Grenze der Auskömmlichkeit die Fähigkeit, sich über ein Lohnplus zu freuen, ab. Andere Faktoren wie eine Fernbeziehung, häufige Umzüge oder gar eine Scheidung betrübten das Leben weit mehr, als dies ein Zuwachs des verfügbaren Einkommens ausgleichen könnte. Die permanente Optimierung des Wachstums kommt also recht bald auch beim Einzelnen an Grenzen. Und die Menschen spüren das.

          Auf der Suche nach Alternativen

          Es wachsen Unternehmen, die Vermögen der Vermögenden und damit auch Steuereinnahmen; aber die Leute fühlen sich nicht besser. Sie reagieren darauf mit individuellen, privaten Strategien. Wer hat in den letzten Jahren nicht öfter mal, von Freunden, Bekannten oder Kollegen, den Satz gehört, man könne sich vorstellen, „mal etwas ganz anderes zu machen“? Warum kaufen sich so viele eine Zeitschrift, die das Leben auf dem Lande beschwört? Es gibt eine manifeste Bereitschaft, das Leben zu ändern. Und sie hat schon spürbare und sichtbare Auswirkungen. Wer mit wachen Augen durch einen beliebigen Supermarkt streift, kann nicht verkennen, dass die einst nur einer kuriosen Minderheit vorbehaltenen Produkte mit Bio- oder Fairtrade-Label in die großen Regale vorgerückt sind. Die Leute verlangen heute vegane Produkte, verlangen Joghurt ohne Milch und Milch ohne Milchbestandteile mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man einst nach „guter“ Butter und „schönem“ Schweinefleisch verlangt hatte.

          Wann immer wir in diesem Feuilleton Gespräche mit Meinhard Miegel brachten, in denen dieser die Erschöpfung der Wachstumsideologie analysierte und in anschaulichen Beispielen und eindrucksvollen Zahlen Belege dafür fand, dass ein Umdenken und Umlenken besser früher als später stattfinden sollte, waren die Reaktionen der Leser sehr eindrucksvoll. Wir haben uns daher vorgenommen, dieses Themenfeld auch in Zusammenarbeit mit renommierten Fachjournalisten einmal ausführlicher darzustellen und so die ganze Vielfalt des Denkens und Handelns über Nachhaltigkeit abzubilden. Lange Zeit krankten die Appelle ans Umdenken an ihrer Nähe zu Katastrophenszenarien oder zum reinen Kitsch. Solcher emotionale Stress schadet einer guten Sache aber eher, als dass er nutzt.

          Wir begegnen in diesen Texten und Studien entschiedenen, aber keinen verbissenen Akteuren. Und sie kommen aus und agieren in der im Wahlkampf so oft beschworenen Mitte der Gesellschaft: Familienunternehmer, Künstler, Wissenschaftler, die für sich weitergedacht haben als die stets so zögerlichen Spitzenpolitiker. Denn die Medien sind natürlich auch ein Teil des Problems: Selbst in einem historischen Wandel begriffen, setzen sie bereitwillig auf Optimierung und Maximierung der herrschenden Prinzipien, auf Rezepte, die bisher immer gewirkt haben, und darauf, das Bestehende als das Vernünftige darzustellen. Es wäre aber fatal, wenn darüber die Beschreibung eines bereits stattfindenden Wandels vergessen würde. Darum geht es auf den folgenden Seiten – Gründe und Wege abzubilden, die entwickelt wurden, weil Menschen das Gefühl hatten: So geht es nicht weiter.

          Quelle: F.A.Z.

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