http://www.faz.net/-gqz-8wpve
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 09.04.2017, 14:27 Uhr

Nach Giftgasattacke in Syrien Was Putin wollte

Sterben achtzig Menschen an Giftgas, wird eingegriffen. Doch werden Zehntausende Zivilisten von Bomben und Granaten zerfetzt, passiert nichts dergleichen. Ein Gastbeitrag über Zweck, Ziel und Mittel des Luftschlags gegen Syrien.

von Sönke Neitzel
© AFP Der dosierte Militärschlag war schon immer ein Machtmittel der Großmächte, um missliebigen Potentaten den eigenen Willen aufzuzwingen.

Giftgas ist Teufelszeug. Es tötet besonders grausam und wahllos. Unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind, Jung und Alt. Der Kampfstoff wirkt archaisch, und man denkt sofort an den Ersten Weltkrieg, wo er Hunderttausende Opfer forderte. In manchem Kolonialkrieg wurde es verwendet, in Marokko, in Äthiopien. Sein Einsatz war immer ein Akt der Verzweiflung, wenn alle anderen Mittel versagt hatten. Die Briten wollten mit Giftgas den irakischen Aufstand von 1920 niederschlagen, sahen dann aus Sorge vor der öffentlichen Meinung aber davon ab. International geächtet seit dem Genfer Protokoll von 1925, setzte es selbst Hitler im Zweiten Weltkrieg nicht ein, obgleich seine Arsenale unter anderem mit dem Nervengas Sarin prall gefüllt waren.

Auf die Giftgasattacke am vergangenen Dienstag folgte am frühen Freitagmorgen prompt eine Reaktion der Vereinigten Staaten. Militärisch gesehen war die ganze Sache minimalinvasiv. Keine eigenen Verluste, kein Risiko, keine zivilen Kollateralschäden. Ein paar Dutzend Marschflugkörper auf einen von der syrischen Luftwaffe genutzten Flughafen, von dem angeblich die Giftgasattacke gestartet wurde. Auch für postheroische Gesellschaften ist das auszuhalten. Schließlich wurde mit dem Einsatz von chemischen Kampfstoffen zum wiederholten Mal eine Grenze überschritten. Doch übersieht die Weltöffentlichkeit schnell, dass seit 2011 in Syrien alle erdenklichen Kriegsverbrechen begangen wurden. Hunderttausende starben nicht minder grausam als die Opfer von Chan Scheichun. Die westliche Welt funktioniert nach merkwürdigen Regeln. Sterben achtzig Menschen an Giftgas, greift man ein, werden Zehntausende Zivilisten von Bomben und Granaten zerfetzt, passiert nichts dergleichen.

Zuallererst ein innenpolitisches Signal

Es geht bei diesem Militärschlag also eigentlich gar nicht um die Syrer. Zuallererst ist es ein innenpolitisches Signal. Der angeschlagene amerikanische Präsident ergriff eine ihm offenbar willkommene Gelegenheit. Kein Gericht und kein Parlament konnten ihm diesmal den Auftritt vermiesen. Als Oberbefehlshaber kann er jederzeit zum Angriff blasen, und der Kongress darf höchstens die Fortführung der Operationen stoppen. So demonstriert Trump, dass er nicht nur rote Linien zieht, so wie Obama, sondern handelt.

45759677 © AP Vergrößern Ein von der syrischen Luftwaffe genutzter Flughafen, von dem angeblich die Giftgasattacke gestartet wurde, nach dem Angriff der Vereinigten Staaten

Der dosierte Militärschlag, wie wir ihn gerade in Syrien erlebt haben, war zwar schon immer ein Machtmittel der Großmächte, um missliebigen Potentaten den eigenen Willen aufzuzwingen. Der eigentliche Adressat dürfte aber nicht Assad, sondern Putin gewesen sein. Womit Washington die russische Herausforderung in Syrien annimmt. Und irgendwie war das doch immer das, was der Kreml wollte. Auf gleicher Höhe mit Washington sein. Von Weltmacht zu Weltmacht. Krieg zwischen den beiden, wie mancher voreilige Kommentar mutmaßt, wird es natürlich nicht geben. Das wollen weder der russische noch der angeschlagene amerikanische Präsident.

Mehr zum Thema

Und Syrien ist nicht Serbien – um noch einmal zur Analogie von 1914 zu greifen. Mit begrenztem Einsatz wird nun gezockt und geblufft. Wichtigster Partner sind dabei die Medien. Fox News meldete einen vollen militärischen Erfolg, Russia Today hingegen zahlreiche Treffer in umliegenden Dörfern und zivile Opfer. Auch in Deutschland waren die Reaktionen erwartbar: Merkel stärkt dem Allianzpartner den Rücken, die SPD pocht auf eine friedliche Konfliktlösung, und bei der Linken liest sich manches Statement, als ob es von Russia Today abgeschrieben wäre. Aber es gab auch Kommentare, die weniger der Parteilinie als einer Sachlogik folgten. So forderte der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter, dass die Vereinigten Staaten die Beweise für den Giftgaseinsatz Assads herausrücken sollten. Wohl wahr!

Nachdem sich am Freitagmorgen die Kunde vom Militärschlag in Windeseile verbreitete, machte sich eine Heerschar von Kommentatoren sogleich daran, über Clausewitz’ magischen Dreiklang zu reflektieren. Was waren wohl Zweck, Ziel und Mittel gewesen? Von den 59 Tomahawks gab es bloß einige verschwommene Bilder. Der Rest blieb im Nebel. Reflexartig versuchen wir uns die dürren Nachrichten rational zu erklären. Doch was Trump mit seinen Marschflugkörpern wirklich erreichen will, wissen wir nicht. Vielleicht weiß er es selber nicht.

© afp, AFP Ein Überlebender berichtet von Assads Giftgasangriff
Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 53

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage