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Veröffentlicht: 29.06.2016, 10:35 Uhr

Hooligans Einblick in die Kampfzone hinter der Tür

Die Fußball-Euromeisterschaft hat wieder einmal bewiesen, dass Hooligans nicht ausgestorben sind. Doch wer sind Hooligans? Was tun sie? Und vor allem: Warum? Ein Gastbeitrag.

von Philipp Winkler
© Imago Nicht beim Matchen, sondern als Zuschauer beim Spiel: ein ungarischer Hooligan während der EM in Frankreich.

Gäbe es eine Tür zur Szene, sie wäre fensterlos, stabil, hätte an der Außenseite keine Klinke. Nur eine Metallplatte dort, wo das Schloss sein müsste. Ein Schild wäre fest ans Blatt genietet. Denn von innen bollert und rumst es ordentlich dagegen. Nein, das Ganze müsste schon was aushalten. Das Schild wäre vielleicht rot oder schwarz. In fetten Druckbuchstaben würde darauf stehen: „KEIN ZUTRITT! WEITERGEHEN!“

Drücken wir, an die das Schild sich richtet, uns auf der anderen Straßenseite herum und beobachten. Was sehen wir? Wen sehen wir an die Tür herantreten und klopfen? Nicht zaghaft mit den Fingerknöcheln, sondern in vollem Selbstvertrauen mit der Handkante der geballten Faust dagegenwummern. Männer. Männer in Sweatpants und Laufschuhen. Oder Trailschuhen, denn die bieten im freien Gelände mehr Grip. Männer in teuren Marken-Polohemden und Cargoshorts. In Anzügen. Männer mit Sporttaschen. In den Sporttaschen wiederum Jogginghosen, Blanko-T-Shirts, Bandagen und Zahnschutze. Männer verschiedensten Alters. Junge Erwachsene. Alte Haudegen. Daddys in den Dreißigern und Vierzigern.

Männer, die von der Schicht kommen. Männer, die bald wieder auf Montage müssen. Studenten. Türsteher. Kindergärtner. Nachtwächter. Beamte. Arbeitslose. Selbständige. Landschaftsbauer. Müllmänner. Anwälte. Krankenpfleger. Nationalisten. Konservative. Rechte. Sozialdemokraten. Nichtwähler. Männer, die beachtliche Wampen vor sich hertragen. Spargeltarzane. Pumper. Regelrechte Wandschränke. Dünne Heringe. Männer mit manikürten Fingernägeln am Ende von Armen, so dick wie Delphinbabys. Männer mit kurzen Haaren. Mit kahlgeschorenen Schädeln über Stiernacken. Mit Boxerfrisuren und Militärschnitt.

Treffpunkte zum Matchen

Männer mit längeren Haaren sieht man da nicht. Denn an langen Haaren lässt sich hervorragend ziehen. Das wissen die aus dem Security-Bereich schon von Haus aus. Aber das macht man nicht. Man weiß doch noch vom Schulhofgebalge, dass so was nur die Mädchen machen. Da kann man ja gleich kratzen und beißen und kneifen. Allerdings, so mitten im Getümmel? Da liegt ein kräftiges Zerren an den Haaren, um sich zu befreien, sich Raum zu verschaffen, nicht so fern. Das sieht schon keiner. Spricht doch nachher eh keiner mehr drüber. Sondern nur über Sieg oder Niederlage. Aber man macht das ja nicht.

Wir Außenstehenden, die wir versuchen, einen Blick durch den Türspalt zu werfen, merken relativ schnell, dass es sich bei den Eingeweihten exklusiv um Männer handelt. Nehmen wir einmal kurz unsere herbeiphantasierte Tür und stellen uns vor, anstatt in Deutschland befände sie sich in einer beliebigen Wand irgendwo in Russland: Zwischen den Unmengen asketisch austrainierter Bärbeißer würden sich dort immer wieder auch Frauen beobachten lassen, die das richtige Klopfzeichen kennen. Dieses Spiel könnte man so oft treiben, wie es Länder, Regionen, Städte mit einer eigenen Szene gibt, und jedes Mal würde sich das Bild der Eintretenden zumindest um Nuancen verändern. Doch zurück zum ursprünglichen Türspalt und dem, was dahinter liegt, oder vielmehr dem, was wir aus der Position als Unbeteiligte dahinter zu erahnen in der Lage sind.

Was man dort, hinter der Tür, nicht finden wird, ist das bunttosende Flirren rundum überwachter Fußballstadien. Stattdessen Monochromie. Das Grau abgelegener Industriegebiete und -brachen oder einsamer Pendlerparkplätze an Sonntagen. Grüntöne von Wiesen und Wäldern. Das tiefe Braun von Äckern und Feldern. Das sind Treffpunkte zum sogenannten Matchen. So sieht es in der Regel hinter der Tür aus.

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