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Nach dem Wahlkampf Amerika sieht auf einmal anders aus

05.11.2008 ·  Gnade und Grazie mischen sich in Barack Obama mit einer Selbstverständlichkeit und in einer Schwerelosigkeit, wie es in unserer prosaischen Zeit schwer in Worte zu fassen ist. Aber die Glorifizierung der Heilsfigur wird auch zu ihrer Demontage anregen.

Von Jordan Mejias
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Strahlender Sieger. Überragender Sieger. Verdienter Sieger. Armer Sieger. Wie soll er je erfüllen, was Amerika, was die Welt von ihm erwartet? Wie soll einer, der als Messias verklärt und auch schon verhöhnt wurde, hienieden im naturgegebenen Wirrwarr für Ordnung sorgen? Es kann doch jetzt nur noch Enttäuschungen geben.

Nach diesem Wahlkampf, der ziemlich einstimmig als historisch, als episch, als unvergleichlich gepriesen wurde. Nach der angeblichen Unmöglichkeit, dass ein weithin ungetesteter, bis vor kurzem noch unbekannter Schwarzer von einer mehrheitlich immer noch weißen Nation zum Präsidenten gewählt werden könnte. Nach dem Abschied von den alten Wahlkampfregeln, die nicht länger bestimmen, wie Geld gesammelt wird, wie Wähler an die Urnen gelockt und Attacken der Gegner pariert werden. Nach all den Nachrichtenfluten, die weder gefiltert noch zeitversetzt übers Land schwappten. Nach der Umerziehung der öffentlichen Meinung durch Blogs, Emails, Handys und die noch immer nicht wirklich durchschaubare Virulenz sozialer Netzwerke. Nach endlosen Bildschirmparaden mit leuchtenden interaktiven Landkarten, die dank neuen, jungen, ethnisch geprägten Wählerschichten sich Blau sogar dort einfärbten, wo das republikanische Rot sonst das gesamte gesellschaftliche und politische Gewebe zu durchdringen schien. Jetzt wird von dem neuen Präsidenten also auch erwartet, dass er in den nächsten vier Jahren alles neu, alles anders, alles besser macht und das auch noch mit soviel durchschlagendem Erfolg, wie ihm bei der Wahl nun beschieden war.

Die Verlierer sind noch lange kein bedeutungsloses Häuflein

Armer Sieger. Selbst im Lichte der achtjährigen politischen Katastrophe, die ihm voranging, wird er nicht automatisch glanzvoller dastehen. Denn was sein Vorgänger angerichtet hat, muss er ausbaden. Die Aufräumungsarbeiten könnten auch den einfallsreichsten Herakles überfordern. Aber das sind Probleme für morgen. Heute und in den nächsten Tagen darf sich zur Abwechslung einmal Euphorie ausbreiten. Über Nacht soll Amerika anders aussehen. Der ugly American, von dem jeder die Nase voll hat, soll sich endlich wieder als verträglicher, aufgeschlossener Weltbürger entpuppen. Was natürlich, etwas genauer betrachtet, gar nicht so leicht passieren kann.

Auch wenn das Wahlergebnis deutlich ausfiel und der Jubel etwa in Manhattan, wo Barack Obama die Stimmen von sagenhaften 85 Prozent der Einwohner bekam, kein Ende finden will, sind die Verlierer noch nicht zum bedeutungslosen Häuflein geschrumpft. Sie werden nicht kampflos zulassen, dass Amerika auf den Kurs, den Gegenkurs von Obama umschwenkt. Vorausgesetzt darf darum werden, dass die Glorifizierung der Heilsfigur auch zu ihrer Demontage anregt. Obama wird sein gesamtes harmoniestiftendes Potential einsetzen müssen, um ein Amerika, dessen Spaltung der Wahlausgang kaum geheilt hat, nicht weiter auseinanderbrechen zu lassen. Sogar als Wahlkämpfer hat er das immer wieder versucht, und als Präsident muss er, auch wenn es an Gegenbeispielen nicht fehlt, erst recht versuchen, für alle da zu sein.

Sogar Hollywood wäre davor zurückgeschreckt

Was Bush nie anstrebte, was auch ein Clinton nicht hinbekam, soll und will Obama nun in Angriff nehmen. Im Hochgefühl des Augenblicks wäre da aufzuseufzen: Warum nicht? Als er in den Ring stieg, gab ihm niemand eine Chance. Als neben ihm nur noch Hillary Clinton übrigblieb, war sie die haushohe Favoritin. Als er dann doch für die Demokraten in die Schlacht gehen durfte, begannen die Ängste, Befürchtungen und Vorbehalte, von seiner Unerfahrenheit bis zu seiner Hautfarbe, so richtig zu florieren. Obama hat die enormen Hürden, die vor ihm aufgebaut waren, mit einer eleganten Lässigkeit und Überlegenheit genommen, die auch seinen Gegnern bisweilen den Atem raubten und im Rückblick noch genauso atemberaubend sind. Die Dramatik dieses politischen und menschlichen Schauspiels ist bis zum Wahltag nicht abgeflaut.

Sogar Hollywood wäre davor zurückgeschreckt, die Großmutter des Kandidaten, die Frau, die ihn erzogen und geprägt hat, einen Tag vor der Wahl sterben zu lassen. Wenigstens ihre Stimme, so wird uns versichert, hat sie noch für den Enkel bei den Frühwahlen abgeben können. Der Kandidat hat geweint. Der designierte Präsident hat die Tränen präsidial unterdrückt, als er Zehntausenden in Chicago von ihr erzählte. Wieder traf der Mann, der am Ziel zugleich am Start war, den richtigen Ton, um so das Öffentliche mit dem Privaten zu versöhnen. Amerikanern bietet sich da die beneidenswerte Möglichkeit, von grace zu sprechen. Gnade und Grazie mischen sich in Obama mit einer Selbstverständlichkeit und in einer Schwerelosigkeit, wie es in unserer prosaischen Zeit nur schwer in Worte zu fassen ist. Amerika sieht auf einmal wirklich ganz anders aus, allein dank ihm.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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