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Alt-Athener Brexit-Lehre : Man müsste bloß wieder zurückrudern

  • -Aktualisiert am

Sonnenaufgang über dem Hafen von Mytilene auf Lesbos Mitte April 2016 Bild: Reuters

Ein Schiff, die Abtrünnigen zu vernichten, eines, den widerwärtigen Auftrag zurückzunehmen: Wie man eine folgenschwere Entscheidung doch noch rückgängig machen kann, können die Briten von den alten Athenern lernen.

          Zu den überraschend selten ausgeleuchteten Gründen für die teilweise hysterischen Reaktionen auf den „Leave“-Beschluss der Briten gehören dessen Handlungs- und Temporalqualität: die Entscheidung und der Moment. Zu unendlich komplexen Verhältnissen einer integrierten Staatengemeinschaft und globalisierten Welt, in denen alles mit allem verknüpft erscheint, passen Aushandlung, Kompromiss und der Prozess. In ihnen ist für die demokratietheoretische Variante des Heroischen, nämlich ein einfaches, aber höchst folgenreiches Entweder-oder, kein Platz.

          Es gibt freilich noch Entscheidungssimulationen, aber wenn nach einer Wahl fast jeder mit jedem koalieren und ein Programm leicht einkassiert werden kann, steht am Ende der inklusive Kompromiss, bei dem es keine sichtbaren Verlierer mehr gibt. Es ist auch kein Moment des „So oder ganz anders“ mehr sichtbar, nur noch dessen inszeniertes Satyrspiel, wenn am Ende die Anführer der Verhandlungsdelegationen nach elfstündigem Sitzungsmarathon das Ergebnis übernächtigt als Augenblick der Entscheidung vorführen.

          David Cameron: Sein „Bye bye“ als Premierminister ist wohl endgültig besiegelt, aber gilt das Gleiche auch für Großbritanniens Trennung von der EU?

          Der Morgen nach dem britischen Referendum hat, vielleicht nur für kurze Zeit, die Illusion des Neu-Anfangens geschaffen, das Hannah Arendt als einen Kern des Politischen auffasste. Doch die Prozessualität könnte auch hier am Ende obsiegen. Denn gegen das Drängen der beleidigten Granden in Brüssel und in den Hauptstädten, den Austritt nun auch schnell zu vollziehen, formiert sich auf der Insel eine Neigung, erst einmal nichts zu tun, vielleicht mit der vagen Option, die Entscheidung nichtig zu machen, mit einer neuen Entscheidung oder der Umdeutung des ersten Votums als irrelevant. Das ist eine demokratietheoretisch hochinteressante Konstellation, für die es einen historischen Präzedenzfall gibt.

          Ein Exempel sollte statuiert werden

          Im Jahr 428 vor Christus hatten die Athener die ersten Jahre des Peloponnesischen Krieges hinter sich. Alle hochfliegenden Erwartungen zu Kriegsbeginn waren durch die verheerende Seuche in der Stadt zuschanden geworden; man stellte sich langsam auf einen langen, zehrenden Kampf ein. Das Hauptkriegsziel der Feinde auf der Peloponnes lautete, Athen müsse seinen Seebund auflösen und die Verbündeten aus dem Würgegriff einer immer festeren Integration in sein imperiales System entlassen. Deshalb löste die Nachricht, die Stadt Mytilene auf Lesbos habe ihren Austritt aus dem Seebund erklärt, heftige Reaktionen aus. Eine athenische Flotte belagerte die Abtrünnigen, worauf es dort einen politischen Umsturz gab und die neue Regierung kapitulierte.

          Athen hatte nun im folgenden Jahr zu entscheiden, wie mit den Besiegten zu verfahren sei. Die Redner auf der Pnyx überzeugten die offenbar zornig erregte Volksversammlung davon, ein Exempel zu statuieren, um künftige Erosionen im Seebund zu verhindern: Alle erwachsenen Männer Mytilenes sollten hingerichtet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft werden. Ein Schiff wurde sogleich losgeschickt, um den Auftrag den Feldherren vor Ort zu übermitteln.

          Keine mehrheitliche Akzeptanz für korrektes Votum

          Am folgenden Tag aber, so berichtet Thukydides, „überkam sie dann plötzlich Reue und der Gedanke, es sei doch ein sehr roher und schwerwiegender Entschluss, eine ganze Stadt auszurotten anstatt nur die Schuldigen“. Die anwesenden Mytilener sowie die unterlegenen Athener bestürmten nun die Zuständigen, den Rat der Fünfhundert, eine neuerliche Abstimmung anzusetzen, und sie hatten Erfolg, war doch „auch jenen klar, dass die Mehrheit der Bürger nur auf jemanden warte, der ihnen Gelegenheit zu nochmaliger Beratung gebe“.

          Egon Flaig hat in seinem fulminanten Buch über die Mehrheitsentscheidung die Besonderheit dieses Falles herausgearbeitet: Anders als üblich schloss sich die unterlegene Minderheit der abstimmenden Bürger nicht dem Mehrheitsbeschluss an, sondern blieb bei ihrer ablehnenden Haltung, ja, sie entfachte sogar eine Kampagne zur Revision.

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