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Nach dem Amoklauf Der Wahn totaler Prävention

14.03.2009 ·  Warum gibt es schon so viele Erklärungen für die Morde von Winnenden? Ein Automatismus hat von der Diskussion über den Amoklauf Tim K.s Besitz ergriffen, der neue Präventionsforderungen vor die Aufklärung der Tatumstände verlagert. Wie aber kann eine Gesellschaft Amokläufe wirksam verhindern?

Von Patrick Bahners
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Der in Winnenden ermittelnde Staatsanwalt hat die Öffentlichkeit auch darüber unterrichtet, dass der minderjährige Massenmörder nach dem Stand der polizeilichen Erkenntnisse keine feste Freundin hatte. Er setzte hinzu: „Das ist aber keine Erklärung dafür, dass acht von neun Opfern in der Schule weiblich sind.“ Ermittlungstechnisch gesehen, ist diese Aussage voreilig. Es kann ja sein, dass Mitschüler noch darüber berichten werden, wie sehr Tim K. darunter gelitten habe, dass die Mädchen ihn geschnitten hätten. Und es könnten Belege ohne den retrospektiven Charakter solcher Zeugenaussagen gefunden werden. Alles, was jetzt aus der Erinnerung über Tim K. gesagt wird, soll der Erklärung seiner Taten dienen. Aber wenn etwa ein Tagebuch gefunden würde, in dem der Täter seinen Hass auf die Mädchen seiner Klasse protokolliert hätte, könnte hier am Ende doch eine Erklärung für einen Aspekt der Taten gesehen werden, die Auswahl der Opfer in der Schule. Erklärung bedeutet nicht mehr als hypothetische Rekonstruktion. Das ist im Kontext solcher Extremtaten keine erkenntnistheoretische Trivialität.

Warum hat der Staatsanwalt diese eine mögliche Teilerklärung schon ausgeschlossen? Alle Erklärungsvorschläge werden in der öffentlichen Diskussion als Lektionen verstanden. Aus den Ursachen muss man lernen, wie solche Taten künftig zu verhindern sind. Das versteht sich von selbst.

Alle Faktoren sollen unschädlich gemacht werden

Allerdings hat ein Automatismus von der Diskussion Besitz ergriffen, der tentative, möglicherweise plausible Erklärungen des Einzelfalls umstandslos in generalisierte Präventionsprogramme verwandelt. Bundesfamilienministerin von der Leyen äußerte schon am Mittwoch, zuerst müsse gefragt werden, wie man präventiv tätig werden könne. Zuerst! Wie kann es sein, dass schon vor der Aufklärung der Umstände der Tat die präventiven Konsequenzen gezogen werden sollen?

Für eine Prävention durch Regierungshandeln oder gar durch „die“ von vielen Kommentatoren angesprochene „Gesellschaft“ kommt es nicht auf die im Einzelfall zufällig wirklichen, aber eben nie sicher nachweisbaren, sondern auf alle möglichen Ursachen an. Sie werden in der gegenwärtigen Diskussion als gleichrangig behandelt. Zur Sicherheit möchte man alle Faktoren unschädlich machen, die eine solche Tat mutmaßlich auslösen können.

Im Sinne einer lückenlosen Vorsorge wird gefordert, alle Killerspiele zu verbieten (kein ästhetischer Verlust) und den Schießsport gleich mit (nur ein Hobby). Alle Erklärungen für die fünfzehn Morde weisen Verantwortung zu. Sollte der junge Mann also doch wegen erotischer Zurückweisung geschossen haben, was kein aus dem Anthropologischen herausfallendes Motiv wäre, ergäbe sich die Lehre: Mädchen, die von einem Jungen nichts wissen wollen, sollten ihm das schonend beibringen und auf seine Gefühle Rücksicht nehmen, zumal wenn man nicht weiß, was er eigentlich stundenlang am Computer treibt.

Man erkennt die Zeichen erst im Rückblick

Dieses groteske Szenario der vorverlagerten Prävention geht nur einen kleinen Schritt über das hinaus, was den Lehrern jetzt zugemutet wird. „Wenn Jugendliche sich extrem zurückziehen, müssten sofort die Alarmglocken schrillen“, hat der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth erklärt. Das elektromechanische Bild charakterisiert das hier an den Tag tretende Denken.

Eine Alarmglocke sollte vielleicht auf dem Polizeirevier oder beim Schützenverein schrillen, wenn ein Sportschütze seine Waffenkiste unverschlossen lässt. Sind Ereignisse, durch die sich die Gefahr der Amokläuferkarriere ankündigt, von derselben Art?

Die Rede von den Zeichen, die man hätte erkennen müssen, hat eine hohe Suggestivität. Es gilt aber für jedes aus heiterem Himmel hereinbrechende Verbrechen, dass man im Rückblick erkennt, was auf die Katastrophe vorausweist.

Das gilt sogar für jedes große Unglück, wie den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Dort klammern sich die mutmaßlichen Verantwortlichen an die Möglichkeit, dass es sich allen Rissen zum Trotz um eine unvorhersehbare Naturkatastrophe gehandelt hat. In der Vorgeschichte eines Amoklaufs hat man es nicht mit Sachen unter den Naturgesetzen, sondern mit Personen zu tun.

Die Gesellschaft kann die Rache eines Menschen nicht verhindern

Die Deutung des Verhaltens von Personen ist ein sozialer Akt, wird von Personen vorgenommen und hat Rückwirkungen auf die gedeuteten Personen. Wo die Zuwendung zu den Einzelgängern, die sich ausgestoßen fühlen, zum gesamtgesellschaftlichen Programm gemacht würde, mit Wochen des Händchenhaltens an den Schulen, läge das Risiko auf der Hand, das Gegenteil des Erwünschten zu bewirken. Personen können, anders als die Hirnforschung postuliert, Angebote annehmen oder zurückweisen.

Wenn Roth die Unauffälligkeit als entscheidendes Merkmal des Amokläufers bestimmt, benennt er eine Voraussetzung, die in der Vorbereitung jedes Kapitalverbrechens erfüllt sein muss. Müssten Eltern und Lehrer alles unauffällige Verhalten künftig automatisch als auffällig identifizieren, würde eine wahnhafte Hermeneutik des Verdachts installiert.

Es gibt seriöse Amokforschung. Sozialpsychologische Täterprofile haben ihren Sinn und sind für Lehrer und Polizisten nützlich, die es mit Menschen solchen Typs zu tun bekommen können. Dem Abdriften gefährdeter Personen vorzubeugen wird Sache von Personen bleiben, die diese Personen kennen. Man traue doch den Lehrern und auch den Schülern zu, dass sie die Zeichen zu lesen verstehen. Sie wissen, dass es in der Schule oft ungerecht zugeht und dass das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, sich von jedem Anlass lösen, ja selbst seine Anlässe schaffen kann. Die Gesellschaft kann nicht verhindern, dass ein Mensch sich an der Welt rächt, von der er sich gedemütigt glaubt.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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