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Junge Amerikaner klagen an : Ihr lasst Kinder sterben!

  • -Aktualisiert am

David Hogg, einer der Überlebenden des Amoklaufs in Parkland, und seine Mitstreiter beim „March for Our Lives“ in Washington. Bild: Reuters

Nach dem Amoklauf an einer Highschool in Florida im Februar wendeten sich die Schüler, die ihn überlebten, mit einer Botschaft an die Welt: Es reicht. Tut was. Und zwar sofort. Jetzt erscheint ihr Manifest als Buch. Ein Vorabdruck.

          Vor dem 14. Februar glaubten wir, viel Zeit zu haben. Wir wollten etwas tun, um die Welt zu verbessern. Wir wollten irgendwann als Anwälte, Aktivisten oder Investigativjournalisten für Gerechtigkeit sorgen, verantwortungsbewusste Bürger sein und unsere Kinder zu anständigen Menschen erziehen. Aber erst mal mussten wir die Highschool abschließen. Seit dem 14. Februar wissen wir, wie schnell die Zeit ablaufen kann.

          Wir haben an der Marjory Stoneman Douglas so viel gelernt. Wir haben uns mit Entscheidungen des Supreme Court befasst, Shakespeare gelesen und die Mysterien schwarzer Löcher erforscht. In unseren Psychologiekursen ging es unter anderem um Tod, Trauer und psychische Erkrankungen. Wir debattierten über schärfere Waffengesetze und die NRA. Eine ganze Woche lang beschäftigten wir uns mit Amokläufen an Schulen. Aber all das schien recht weit weg zu sein, fast wie ein Traum. Entweder waren diese Dinge schon vor unserer Geburt passiert oder ganz woanders.

          Als es uns passierte, wachten wir auf. Wir wussten, dass wir nicht warten konnten, bis wir auch noch das College abgeschlossen hätten und ins Berufsleben eingetreten wären. Wir mussten die Welt jetzt verbessern. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod.

          Die Profiteure des Chaos sind noch gut im Geschäft

          Also sind wir aufgestanden und haben versucht, uns Gehör zu verschaffen. Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge – es genügt noch nicht. Und die Profiteure des Chaos sind immer noch gut im Geschäft. Es ist jetzt schon fast Sommer, und die Zahl der Opfer in Amerika steigt weiter. Ohne eine radikale Veränderung der Prioritäten und der hierzulande geltenden Waffengesetze werden unsere Proteste vergeblich gewesen sein. Macht und Zynismus lenken nicht bereitwillig ein. Aber wir haben nicht die Absicht aufzuhören.

          Nachdem man sich ein paar Stunden lang in einem Klassenzimmer versteckt hat, während Schulkameraden und Lehrkräfte abgeschlachtet wurden, kann man einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie irrsinnig das ist. Man muss sich vielmehr fragen, wie es sich ändern lässt. Freiwillige Mitarbeit bei politischen Kampagnen? Etwas am Umgang mit psychischen Erkrankungen ändern? Gegen die Waffenlobby kämpfen? Auf umfassende Background-Checks bei Waffenkäufern drängen? Wir denken, dass ihr das tun solltet. Wir hoffen, ihr tut das. Eine ganze Welt gilt es zu verändern.

          Aufstehen, die Stimme erheben und die Welt verändern

          Wahrscheinlich wisst ihr nicht, wer Tyra Hemans ist. Sie war an jenem Tag in Parkland, und Freunde von ihr starben dort. Sie war mit uns in Tallahassee, als wir die Abgeordneten unseres Bundesstaats aufforderten, etwas zu tun. Sie war auch beim Marsch in Washington dabei. Sie ist eine tolle Rednerin und ein liebevoller Mensch.

          Oder was ist mit Zion Kelly? Im September 2017 wurde sein Zwillingsbruder Zaire in Northeast Washington, D. C., von einem Jugendlichen erschossen. Zaire – ein herausragender Schüler und Sportler an der Thurgood Marshall Academy – war gerade mal sechzehn gewesen. Um das Andenken seines Bruders zu ehren und einen Sinn in seinem Verlust zu finden, hat Zion, der eigentlich so schüchtern ist, wie Zaire extrovertiert war, es zu seiner Mission gemacht, aufzustehen, seine Stimme zu erheben und die Welt zu verändern.

          Oder was ist mit den Protesten in Liberty City, Miami? Dort wurden im April vier Kinder angeschossen, zwei von ihnen starben. Eines hätte demnächst in die National Honor Society aufgenommen werden sollen. Hunderte von Schülern demonstrierten. Nur eine einzige Zeitung berichtete darüber, nur ein Reporter machte sich die Mühe, die Schüler zu interviewen. Das Bildmaterial fürs Fernsehen wurde von einem Hubschrauber aus gedreht, so dass der Protest von Liberty City wie ein Straßenkrawall aussah.

          Wir machten Schlagzeilen, die Demonstranten von dort nicht. Diese Jugendlichen haben genau wie wir versucht, sich Gehör zu verschaffen. Sie haben genau das Gleiche durchgemacht wie wir. Aber sie leben nicht in einer bewachten Wohnanlage. Sie stammen aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen und haben eine andere Hautfarbe.

          Menschen hören nur zu, wenn weiße Kinder sterben

          Anstatt mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen und auf ihren iPhones National Public Radio zu hören, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass jemand auf sie schießen könnte, mussten sie sich tatsächlich tagtäglich Sorgen darüber machen. Nach groben Schätzungen ist für sie die Wahrscheinlichkeit, erschossen zu werden, doppelt so hoch wie für uns. Und eine Menge amerikanischer Kinder und Jugendlicher wie sie leben an Orten, wo die Todesrate höher ist als unter den Soldaten in Afghanistan.

          Wenn die Menschen nur aufhorchen, wenn privilegierte weiße Kids getötet werden – und selbst das nur, wenn die Anzahl der getöteten Kinder so hoch ist, dass es eine Meldung in den Nachrichten „wert“ ist –, dann werden wir dieses Problem nie in den Griff kriegen.

          Pipeline von der Schule ins Gefängnis

          An der Stoneman Douglas haben wir letztes Jahr einen Monat lang pro und contra darüber debattiert, ob man an den Schulen mehr Sicherheitsbeamte einstellen sollte. Das würde die Schulen zwar vermutlich sicherer machen, doch rufen solche Sicherheitskräfte viel öfter reguläre Polizisten, um gegen schwarze Schüler vorzugehen als gegen weiße. Was wiederum bedeutet, dass Schüler mit nicht-weißer Hautfarbe mit größerer Wahrscheinlichkeit in die „Pipeline von der Schule ins Gefängnis“ geraten.

          Es gibt dann einen Vermerk in ihren Akten, was ihre Chancen, einen Job zu finden, verschlechtert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die Gefängnisse irgendetwas tun werden, um sie zu rehabilitieren, ist gering bis nicht vorhanden. Insbesondere dann, wenn sie in eines der Privatgefängnisse kommen. Man sollte also eher von einer „Pipeline von der Schule ins Gefängnis in ein kriminelles Leben“ sprechen. Das ist verrückt. Wir würden das Problem also de facto verschärfen. Das ist, als läge eine düstere Zukunft vor uns.

          Was werdet ihr tun?

          Also, was könnte man dagegen tun? Nun, Gefängnisstrafen werden ja häufig mit Armut assoziiert, und Bildung ist der beste Weg aus der Armut. Also sollten wir vielleicht stärker versuchen, dafür zu sorgen, dass arme Menschen an den Schulen bleiben. Und wir sollten dafür sorgen, dass sie bessere Schulen bekommen. Mehr Bildung für Frauen und Mädchen ist die beste Methode, um die Schwangerschaftsrate bei Teenagern zu senken, was wiederum eine der besten Möglichkeiten ist, das Armutsrisiko zu verringern.

          Wenn Armut und Gefängnis und die Möglichkeit, in der Schule erschossen zu werden, nur Dinge sind, die man im Fernsehen sieht; wenn man glaubt, nichts dagegen tun zu können, selbst wenn man wollte, dann neigt man dazu, diese Dinge einfach auszublenden. Wir alle kennen dieses Gefühl. Man nennt es „erlernte Hilflosigkeit“. Ein paar Tage vor dem Amoklauf haben wir das im AP-Kurs Psychologie gelernt: Wenn man in einer schrecklichen Situation denkt, nichts tun zu können, dann gibt man einfach auf. Es ist furchtbar, dass Kinder in Schulen abgeschlachtet werden, aber was werdet ihr dagegen tun?

          Das Recht, am Leben zu bleiben

          Und um gegen die erwähnte Hilflosigkeit anzugehen, ist es wichtig, erst einmal mit der Arbeit an einem Teil des Problems zu beginnen, damit man eben nicht von einem Problem überwältigt wird, das so groß ist, dass es unlösbar erscheint. Es war eine Kriegswaffe, die das angerichtet hat, deshalb wollen wir an dem Punkt ansetzen. Versteht uns nicht falsch: Wir rebellieren gegen dieses Weltbild, das einen lehrt, Probleme seien nur deshalb unlösbar, weil etwas schon immer so war – aber schickt ruhig weiter die berühmten Gedanken und Gebete. In unserer Stadt stehen wir auf gegen laxe oder nicht vorhandene Waffengesetze, die zulassen, dass Kinder nach wie vor umgebracht werden.

          Und so engagieren wir uns für Waffengesetze, die dem gesunden Menschenverstand folgen. Sie sollen das Recht unserer Mitbürger auf Waffenbesitz respektieren, aber gleichzeitig auch das Recht, am Leben zu bleiben. Hier unsere Zehn-Punkte-Strategie. Diese Punkte sollen nur ein Anfang sein.

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          DAS MANIFEST

          1. Finanzielle Mittel zur Erforschung von Waffengewalt. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Regierung, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Genau wie wir Datenmaterial bei jeder anderen allgemeinen ernsthaften Gesundheitsgefährdung heranziehen, benötigen wir dies auch beim Thema Waffengewalt, um gute Politik machen zu können.

          2. Digitalisierung der Akten der Sicherheitsbehörde für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoff (ATF). Wir schreiben das Jahr 2018. Warum, um Himmels willen, sind diese Unterlagen immer noch nur auf Papier verfügbar, als wären wir im Jahr 1918? Um den Zugriff darauf zu erschweren, darum. Aufgabe der ATF ist es, die Öffentlichkeit zu schützen. Aber mächtige Interessen haben es sich zur Aufgabe gemacht, der ATF ihre Arbeit nach Kräften zu erschweren.

          3. Universelle Background-Checks. Sie funktionieren und retten Leben – Punkt. Und die überwältigende Mehrheit der Amerikaner ist dafür. Wenn euer Kongressabgeordneter oder Senator nicht aufhört, diese populäre und sinnvolle Maßnahme zu verschleppen, dann wählt diese Leute ab.

          4. Verbot von Hochkapazitätsmagazinen. Es verletzt niemandes Rechte im Rahmen des Second Amendments, wenn er oder sie innehalten und nachladen muss. Das wird Leben retten.

          5. Verbot von Sturmgewehren. Diese werden nicht nur bei Amokläufen benutzt, sondern auch überproportional oft bei anderen Gewaltverbrechen. Kriegswaffen haben in unseren Straßen und Schulen nichts zu suchen. Die Gründerväter würden das genauso sehen.

          6. Finanzierung von Interventionsprogrammen. Das Waffenproblem an der Wurzel anzugehen, ist nur ein Teil der Lösung. Wir müssen auch die Akteure vor Ort stärken und erfolgreiche Modelle zur Gewaltprävention fördern, wie zum Beispiel Group Violence Intervention, Cure Violence und die Hospital-Based Violence Intervention.

          7. Warnsignal-Gesetze (Extreme Risk Protection Orders – ERPO). Solche Risikobefugnisse funktionieren. Als man in Connecticut nach Sandy Hook ein solches Gesetz erlassen hat, fanden, nach einem Bericht des „Christian Science Monitor“, „Polizisten in 99 Prozent der Fälle, in denen eine Risikobefugnis erteilt worden war, mindestens eine Waffe und beschlagnahmten im Durchschnitt sieben Waffen pro Person“.

          8. Ausschluss von Menschen, die aktenkundig häusliche Gewalt verübt haben. Es gibt ein Bundesgesetz, das einige Täter daran hindert, Waffen zu kaufen, aber es gilt nur für diejenigen, die wegen häuslicher Gewalt gegen einen Ehepartner oder Ex-Ehepartner verurteilt wurden. Nicht bei Gewalt gegen jemanden, mit dem sie nur liiert waren. Oder für Stalker.

          9. Eine Lösung auf Bundesebene, um den Schwarzhandel von Waffen zwischen einzelnen Bundesstaaten zu unterbinden. Laxe Waffengesetze in manchen Staaten machen es sehr einfach, Waffen in einen Bundesstaat mit strengerer Gesetzgebung zu verschieben. Nur Washington kann das lösen.

          10. Sichere Aufbewahrung und verpflichtende Meldung von Diebstahl. Gesetze zur sicheren Aufbewahrung würden helfen, Kindern den Zugang zu Waffen zu erschweren, gegen Waffendiebstahl wirken und auf diese Weise Leben retten. Also, machen wir eine 11-Punkte-Strategie daraus, denn dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste von allen:

          11. Lasst euch registrieren und geht wählen.

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