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Musikpreis „Echo“ : Ablösereif

Die Rapper Kollegah (links) und Farid Bang bei der „Echo“-Verleihung. Bild: dpa

Welche Schlüsse sind aus dem „Echo“-Debakel zu ziehen? Die Veranstalter würden gerne eine „Debatte“ führen. Dabei haben sie den Musikpreis nach allen Regeln der Kunst schon selbst versenkt.

          Ist der „Echo“ noch zu retten? Dass die von der Deutschen Phono-Akademie, dem „Kulturinstitut“ der Deutschen Musikwirtschaft, ausgelobte und von Vox übertragene Auszeichnung, die an die antisemitische Ressentiments befördernden Rapper Kollegah und Farid Bang ging, ein Tabubruch war und der Preis desavouiert ist, haben viele verstanden: Vorneweg der Sänger Campino, der am Abend der Preisverleihung als einziger den Mund aufmachte. Dann das Notos Quartett, das seinen „Echo“ zurückgab.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das tun Preisträger inzwischen reihenweise, Musiker aller Gattungen distanzieren sich. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Christian Höppner, tritt aus dem „Echo“-Beirat aus. ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber – zuständig für den Eurovision Song Contest – würde den „Echo“ am liebsten abgeschafft sehen.

          Und der Bundesverband Musikindustrie? Dessen Vorstandsvorsitzender Florian Drücke lavierte zuerst herum: Man habe erkennen müssen, „dass wir uns in einem Umfeld wiederfinden, das den Preis in ein falsches Licht rückt.“ In ein falsches Licht freilich hat sich der Preis, verliehen nach Verkaufszahlen im Verbund mit dem Entscheid einer Jury und dem Votum eines sogenannten Ethik-Beirats, selbst gerückt. Das scheint auch Drücke zu dämmern. Er kündigte Reformen an – welche, verrät er nicht – und bezeichnete in einem Brief an Charlotte Knobloch die Auszeichnung von Kollegah und Farid Bang als „Fehler“. „Wir entschuldigen uns ausdrücklich dafür“, schreibt Drücke an die frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, die die Prämierung ein „verheerendes Zeichen“ genannt hatte.

          Bei Vox scheint noch die Devise zu gelten: Augen zu und durch. Auf der Website des Senders fällt kein Schatten auf den schönen Schein. Stattdessen zeigt ein Video-Zusammenschnitt der Show eitel Sonnenschein: Helene Fischer kann auch Latin singen, Newcomer freuen sich über ihre Preise „von Künstlern für Künstler“. Campinos Kritik an den fragwürdigen Rappern sowie die Rapper selbst werden weggelassen. Das ist schon dreist. Jegliche Verantwortung für Auszeichnungen weist Vox ohnehin von sich: „Zu der Nominierung und Auszeichnung lässt sich unsererseits nicht viel sagen, da wir als ausstrahlender Sender an beiden Prozessen nicht beteiligt sind“, heißt es auf Anfrage beim Sender, der zudem auf die Bundesprüfstelle verweist.

          Engagierter Auftritt: Campino bei der Echo-Verleihung am 12. April in Berlin.

          Campino gegen Kollegah beim Echo : „Provokation im Rap muss Grenzen haben“

          Eine moderierende Einordnung wäre das Mindeste gewesen. Sie fand nicht statt. Sie findet im Internetauftritt des Senders noch immer nicht statt, dessen Pressestelle weiter wissen lässt: Wäre es am fraglichen Abend zu antisemitischen Äußerungen gekommen, wäre man eingeschritten. Das lässt sich hinterher leicht sagen und ändert nichts daran, dass Kollegah und Farid Bang auch dank Vox eine große Bühne hatten.

          Was bleibt also vom „Echo“? Nicht mehr viel. Weglassen – das wäre wohl die beste Lösung für einen Preis, der sich selbst unmöglich gemacht hat, der nicht weiß, wo er zwischen Kommerz und Kritik steht und der Unfähigkeit zur Haltung bewiesen hat, als es darauf ankam. Ersatz muss übrigens nicht gesucht werden. Es gibt schon einen Musikpreis, bei dem es allein um Qualität geht: den Preis der deutschen Schallplattenkritik, der in seinen Anfangsjahren noch von der Deutschen Phono-Akademie mitgetragen wurde. Dann schlug diese den Weg Richtung Verkaufszahlenprämierung ein. Es war die falsche Abzweigung.

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