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Afrikas Musikszenen : Rap ist eine Nachrichtensprache

  • -Aktualisiert am

Ohne Frauen geht auch im Afro-Jazz nichts mehr - ohne wirksame Urheberrechte schon. Bild: Guillaume Bassinet/MIAF

Zu den Rohstoffen des afrikanischen Kontinents zählt auch die Musik: Ein Kongress im Senegal versucht zu klären, wie man sie nachhaltig nutzt – ob zum Lebensunterhalt oder als Informationsmedium.

          Afrika sei ein Kontinent der Hoffnung mit einer einzigartigen Fülle von Musikkulturen, sagt Baaba Maal, internationale Koryphäe der senegalesischen Musik, und er ermuntert die Jungen, ihr musikalisches Talent gewinnbringend zu nutzen und sich das nötige Wissen anzueignen. Wie funktioniert die Musikindustrie? Wer ist und was macht der Produzent, der Verleger, der Agent? Und wie bewege ich mich in diesem Feld? Seine Fragen treffen den Nerv der Gegenwart. Für die musikbegeisterten jungen Afrikaner in den städtischen Regionen ist Musik heute ein Vehikel, um zu sozialem Ansehen und einem bescheidenen Einkommen zu kommen, ein Mittel auch der Verständigung über aktuelle Probleme des Alltags und der Politik.

          Professionalisierung auf allen Ebenen, vom Verfassen eines Songs bis zur unabdingbaren Präsenz im Internet, ist das Gebot der Stunde. In den urbanen Zentren formiert sich die neue Musikkultur als Synthese eigener Traditionen mit Einflüssen von außen. Das Publikum ist jung, und als Katalysator wirkt die Musikindustrie – unter dem Begriff versteht man hier nicht in erster Linie die Multis aus den Vereinigten Staaten und Europa, sondern die unübersehbare Vielfalt lokaler und regionaler Unternehmungen und Netzwerke.

          Die zitierten Äußerungen fielen im Eröffnungsreferat zum panafrikanischen Musikkongress Acces, der nun in der senegalesischen Hauptstadt Dakar zwei Tage lang Musiker, Produzenten, Organisatoren und Kulturpolitiker aus ganz Afrika zusammenbrachte. Veranstaltet von der Miaf, der Music in Africa Foundation, und unterstützt von der Münchner Siemens Stiftung und dem Goethe-Institut Senegal, gewährte die Zusammenkunft mit ihren Panels und Diskussionen einen faszinierenden Einblick in die aktuellen musikalischen Entwicklungen auf dem Kontinent.

          Die senegalesische Musikerkoryphäe Baaba Maal und  Philip Küppers, Direktor des Goethe-Instituts Senegal in Dakar.
          Die senegalesische Musikerkoryphäe Baaba Maal und Philip Küppers, Direktor des Goethe-Instituts Senegal in Dakar. : Bild: Guillaume Bassinet/MIAF

          Hinter dem Treffen steckt eine siebenjährige Aufbauarbeit. Initiiert wurde die Miaf 2010 von der Siemens Stiftung und dem Goethe-Institut mit dem Ziel, die Kooperation und den Informationsaustausch unter den afrikanischen Musikern und Musikinstitutionen zu fördern und zu stabilen Strukturen beizutragen. Die Aktivitäten spielen sich auf zwei Ebenen ab. Basis und Nervenzentrum ist das Webportal musicinafrica.net, eine umfangreiche Datenbank in Englisch und Französisch mit Essays, tagesaktuellen Nachrichten und Videodokumentationen sowie Selbstporträts von inzwischen vierzehntausend afrikanischen Musikern, Produzenten und Veranstaltern quer durch den Kontinent. Eine zweite Ebene bilden die Kooperationsprojekte, Workshops und Bildungsaktivitäten mit Partnern vor Ort. Alle Aktivitäten liegen in afrikanischen Händen.

          Die beispielhafte Initiative wird bisher finanziell und organisatorisch von den beiden genannten Institutionen aus Deutschland unterstützt; doch dem Initiator Jens Cording schwebt vor, dass sich das in kurzer Zeit gewachsene Netzwerk mit Zentrale Johannesburg eines Tages selbst trägt. Die Chancen dazu stehen gut, die Leitung ist mit ausgewiesenen Fachleuten aus den Bereichen Musikmanagement, Urheberrecht und Finanzen besetzt; Vorsitzende ist die Senegalesin Aïsha Dème, Informatikerin und Inhaberin eines internetbasierten Kulturbüros in Dakar.

          Zensur und Kulturkampf

          In den auf den Kongresspodien behandelten Themen spiegelte sich das afrikanische Musikleben in seiner ganzen Breite, Probleme wurden nicht ausgespart. Mit Ausnahme von Südafrika hapert es noch weitherum an funktionierenden Inkassosystemen für die Urheberrechte: Das Geld kommt nicht bei den Musikern an. Probleme gibt es auch mit der Mobilität. Flugtickets innerhalb Afrikas sind horrend teuer, die Visabestimmungen schwerfällig, der teure Geldtransfer frisst große Teile des Honorars auf. Von der für 2020 von der Afrikanischen Union geplanten Einführung eines einheitlichen afrikanischen Passes erhoffen sich Musiker und Veranstalter wesentliche Erleichterungen.

          Eine Gesprächsrunde widmete sich der Lage der Musik in den Konfliktgebieten der südlichen Sahara, wo gegenwärtig das vom Auswärtigen Amt geförderte Programm Mia-Connects zur Unterstützung des stark angeschlagenen Musiklebens läuft. Aus erster Hand wurde über die kulturellen Zerstörungen berichtet: In Nordmali wurden nach dem Überfall der Dschihadisten vor fünf Jahren die Musiker mit Tod und Verstümmelung bedroht und flüchteten in den Süden, wo inzwischen das „Festival sur le Niger“ in der Stadt Ségou ein Auffangbecken bildet. In Nordnigeria wurde die Scharia eingeführt, jedes neue Lied muss heute die Zensur passieren. In Somalia wiederum ist ein Kulturkampf entbrannt: „Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir, dass die Musik als Ausdruck unserer Humanität überlebt, oder schauen wir zu, wie sie gewaltsam zum Verschwinden gebracht wird?“, fragt Jama Musse Jama von der Red Sea Cultural Foundation.

          Hip-Hop als Medium der politischen Auseinandersetzung

          An der Westküste ist davon nichts zu spüren. Musik ist hier ein Teil der enormen gesellschaftlichen Dynamik. Im Senegal, wo das Durchschnittsalter neunzehn Jahre beträgt, ist Hip-Hop allgegenwärtig und zum wichtigsten Medium der politischen Auseinandersetzung geworden. Seit vor einigen Jahren eine Gruppe von Rappern die Bewegung „Y’en a marre“ („Mir reicht’s“) gründete, hat sich der Hip-Hop als politische Kraft blitzschnell im Land ausgebreitet. Im Netz hat sich das „Journal rapé“ etabliert, eine politische Tagesschau, wo mit gerapten Nachrichten und Kommentaren zum Angriff auf die etablierte Politik geblasen wird.

          Die Bewegung schwappt auch auf die umliegenden Länder über. Als erneuernde Kraft wirkt sich auch die senegalesische Frauenbewegung mit Wurzeln in den sechziger Jahren aus. Selbstbewusste Musikerinnen erobern sich in der machohaften Hip-Hop-Bewegung zunehmend ihren Platz. Dabei gibt es aber noch feine Abstufungen: Choristinnen sind Normalität, Solosängerinnen schon weniger und Instrumentalistinnen Seltenheit. Doch so wird es nicht lange bleiben, denn in der afrikanischen Musik ist alles in Bewegung.

          Quelle: F.A.Z.

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