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Brüsseler Museum in der Kritik : Ist die Geschichte Europas überhaupt darstellbar?

Gasmasken sehen dich an: Blick in die Brüsseler Ausstellung Bild: European Union 2017 / Dominique Hommel

Jedes Land denkt ausschließlich im nationalen Rahmen. Dennoch wirbt die Europäische Union für ein vereintes Europa. Das ist mehr als bloß ein Marketingproblem.

          Außer den Europa-Parlamentariern äußern sich die EU-Beamten in Brüssel fast alle „off the record“. Sie erzählen einem etwas, was man nur unter Wahrung der Anonymität veröffentlichen darf. Es gibt zwischen dreißig- und sechzigtausend EU-Beamte verschiedener Rang- und Gehaltsstufen, die Zahlen schwanken je nach Quelle. Sie alle leben in dem, was sie selbst durchaus realistisch als „bubble“ bezeichnen, einem Biotop von hervorragend ausgebildeten Leuten, die oft drei oder vier Sprachen sprechen und das Nicht-EU-Brüssel in den Arbeitsstunden kaum wahrnehmen. Verständlich, dass niemand von ihnen seinen Namen in der Zeitung gedruckt sehen will, denn wo käme man hin, wenn jeder sagen würde, was er weiß?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Europäische Union ist der Demokratisierungsmotor eines ganzen Kontinents. Doch zugleich muss sich die EU um 28 (demnächst 27) verschiedene Länder kümmern und dafür in 24 Sprachen kommunizieren. Das ist nicht nur lästig. Es bedeutet auch einen gigantischen zeitlichen und materiellen Aufwand. Das tägliche Übersetzen des vielsprachigen Gebrabbels führt dazu, dass pro Jahr, vom Programmentwurf bis zur Presseerklärung, eine Million DIN-A4-Seiten Behördentext produziert werden. Und das wiederum dürfte dazu beigetragen haben, dass so oft vom bürokratischen Ungetüm die Rede ist oder auch vom „sanften Monster Brüssel“ (Hans Magnus Enzensberger).

          Doch jeder, der näher dran ist, weiß es besser. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse zog sogar für einige Monate nach Brüssel, um die Stadt richtig kennenzulernen, denn hier, so schrieb er in einer seiner zahlreichen Europa-Reden, würden heute „die Rahmenbedingungen meiner Lebensrealität produziert“. Das Schönste an der Arbeit in Brüssel, so sagt es uns der ehemalige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit, sei doch, dass man gezwungen werde, sich mit ganz Europa und besonders mit den verschiedenen Kulturen der EU-Abgeordneten auseinanderzusetzen: Differenz als Reichtum. Was denn das Schlimmste sei, fragen wir ihn, was ihn frustriert habe, und da muss Cohn-Bendit nicht lange nachdenken: „Die Ahnungslosigkeit der jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten davon, was in Brüssel passiert. Jedes Land denkt nur im nationalen Rahmen.“

          Das kann man laut sagen. Wer es nicht glauben will, frage sich einmal, wie viel er vom Ablauf der politischen Prozesse in der Europäischen Union versteht. Ob er weiß, was der Unterschied zwischen dem Europäischen Rat und dem Rat der Europäischen Union ist. Anders gesagt: Europa ist Lernstoff. Weil man das auch in Brüssel erkannt hat, ist die Gesprächsbereitschaft der EU-Stellen enorm. Es geht um mehr als ein Marketingproblem. „Ich bin Idealist“, erzählt uns ein junger Mann aus dem Kommunikationsapparat des Europäischen Parlaments. „Aber ich musste lernen, wie schwer es ist, Komplexität zu reduzieren. Denn das ist unsere Aufgabe: nicht nur die Ergebnisse zu verkaufen, sondern zu sagen, wie wir dahin kommen. Den Prozess zu erklären.“

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