22.02.2010 · Das Frankfurter Städel Museum lässt seine Geschichte zwischen 1933 und 1945 erforschen. Erste aufsehenerregende Ergebnisse liegen vor. Bei der Tagung „Museum im Widerspruch“ wurden sie nun der Öffentlichkeit vorgestellt.
Von Julia VossZum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat ein Museum eine externe Forschergruppe herangezogen, um die Rolle des eigenen Hauses im Nationalsozialismus zu recherchieren. Im Jahr 2008 beauftragte Max Hollein, Direktor des Städelmuseums, des Liebieghauses und Leiter der Schirn Kunsthalle, die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ unter der Leitung des Kunsthistorikers Uwe Fleckner, den widerspruchsvollen Weg des Städelschen Kunstinstituts zwischen 1933 und 1945 nachzuzeichnen. Nun wurden die Resultate auf einer Tagung erstmals öffentlich im Frankfurter Städel vorgestellt – eine Publikation folgt. Und es zeigte sich jetzt schon: Die Ergebnisse sind bahnbrechender, als sich das irgendeiner der Beteiligten zu Beginn hätte vorstellen können. Was die Forschergruppe in einem vollen Saal vortrug, wird Modellcharakter haben: Es ist wegweisend sowohl für die Kunstgeschichte als auch für die Museumspolitik. Man hat eine Mikrogeschichte unter die Lupe genommen und sich dabei die Struktur einer Makrogeschichte erschlossen. Sie reicht über 1945 hinaus.
Um zu verstehen, was in Frankfurt nicht nur zum Fall einer einzelnen Institution auf dem Tisch kam, muss man sich vergegenwärtigen, dass die Kunstgeschichte, inbesondere die deutsche, ein hochmoralisches Fach ist. Vor ein Bild habe jeder sich hinzustellen „wie vor einen Fürsten“, dozierte Arthur Schopenhauer im neunzehnten Jahrhundert, und die Kunstgeschichte nahm es sich zu Herzen. Die Rhetorik des Fachs prägt bis heute ein Vokabular der Rührung und Überwältigung, der Verehrung, Hingabe, Erschütterung und Demut. Wer kunsthistorische Texte aufmerksam liest, wird feststellen, dass darin Bilder häufig den Status von Personen haben.
Man fragte nach Kunst, nicht nach Menschen
Auf die kunsthistorische Forschung zum Nationalsozialismus bezogen, heißt das, dass die Geschichte der sogenannten „entarteten Kunst“ ganz ausgezeichnet erforscht ist. Als sich 2007 die berüchtigte gleichnamige Ausstellung im Münchner Haus der Kunst zum siebzigsten Mal jährte, gab es zahlreiche Ausstellungen; Kataloge und Bücher erschienen. Im Haus der Kunst erinnern schon lange Tafeln daran, dass hier Bilder und Skulpturen beschimpft, verhöhnt und verleumdet wurden. Die Aufgabe, die Diffamierung der Moderne zu revidieren, wurde nach 1945 so ernst betrieben, als ginge es um die Rettung einer Person.
Das klingt erst einmal vielversprechend, nach einem Fach, das in seiner Geschichte ordentlich aufgeräumt hat – wenn diese Personifikation von Kunstwerken nicht eine unheimliche Kehrseite hätte, eine fest verschlossene Blackbox, die in Frankfurt nun geknackt wurde. Was alle Vorträge zeigten, war, dass die Personifikation von Bildern oder Skulpturen verblüffend häufig Hand in Hand mit der Entpersonalisierung von Menschen gehen kann. Es zeichnet sich eine unheimliche Kontinuität ab, die die Zeit des Nationalsozialismus überragt. Auf die Nachkriegskunstgeschichte bezogen, heißt das: Die großen Debatten drehten sich um Kunstwerke, um Fragen des Stils, ob etwa figürlich oder abstrakt gemalt werden sollte. Zahlreiche Museumsdirektoren bemühten sich darum, die moderne Kunst wieder in ihren Häusern zu zeigen, also die „entartete Kunst“ zu rehabilitieren.
Viel seltener wurde jedoch nach den Schicksalen derer gefragt, denen diese Kunstwerke einmal gehörten, den Sammlern – also einfach nach den Menschen. Zugespitzt formuliert gestaltete sich die Vergangenheitsbewältigung in etwa so: Man weinte um Dr. Gachet, aber nicht um Dr. Weinberg. Das eine war ein Bild, das andere ein Mensch. Der Verlust von Vincent van Goghs „Porträt des Dr. Gachet“, das 1937 als sogenannte „entartete Kunst“ aus dem Städel beschlagnahmt worden war, wurde tiefer empfunden als die Auslöschung und Vertreibung von Sammlerfamilien wie den Weinbergs, den Nathans oder den Goldschmidt-Rothschilds.
Als fielen die Bilder vom Himmel
Wie weit diese Verschiebung gehen konnte, zeigte sich im Verlauf der fünf Vorträge der Tagung. Im Brennpunkt standen Ernst Holzinger und Alfred Wolters, die Direktoren des 1816 gegründeten Städel Museums mit seinen beiden Teilen: Holzinger stand dem Städelschen Kunstinstitut von 1938 bis 1972 vor, Alfred Wolters leitete die Städtische Galerie von 1928 bis 1949. Was die Kunsthistoriker in dem kurzen Zeitraum, seitdem sie 2008 mit der Recherche beauftragt worden waren, an Forschungsarbeit geleistet haben, kann nur beeindruckend genannt werden. Denn will man die Geschichte rekonstruieren, muss man ins Detail gehen. Das doppeldeutige Stichwort, das immer wieder fiel, um die Arbeitspraxis von Holzinger und Wolters zu beschreiben, lautete „Dienst am Museum“. Auch von der „Verpflichtung gegenüber der Institution“ oder der „Sicherung der Objekte als oberstem Gebot“ war die Rede.
Und tatsächlich, wenn Bilder vom Himmel fallen würden, also niemanden gehörten, schon gar nicht deportierten Juden, dann müsste man das Verhalten von Wolters und Holzinger vorbildlich nennen. Beide waren nie Mitglieder der NSDAP, sie waren keine Antisemiten, sie traten engagiert für die Kunstwerke in ihren Sammlungen ein, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichnet wurden, und versuchten weiterzuführen, was der langjährige Direktor Georg Swarzenski angestoßen hatte. Mehr noch: Als Swarzenski 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung von der Stadt als Direktor der Städtischen Galerie entlassen wurde, behielt man ihn trotzdem bis 1937 als Direktor in der privaten Stiftung des Städels. 1938 emigrierte Swarzenski in die Vereinigten Staaten und wurde Kurator am Museum of Fine Arts in Boston.
Nie eine antisemitische Handlung
Der Einsatz für die Kunst der beiden Direktoren konnte bis zum Ungehorsam gehen: Wie die Berliner Kunsthistorikerin Tanja Baensch berichtete, reichte Wolters im Mai 1938 ein schriftliches Rücktrittsgesuch bei der Stadt ein, da er die „entartete Kunst nicht als entartet empfinden“ könne. Die Bilder des Malers Jakob Nussbaums lagerte er in falsch etikettierten Kisten, um sie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. Holzinger ging ein hohes persönliches Risiko ein, als er die bedeutende Sammlung expressionistischer Werke von Carl Hagemann ebenfalls im Städel versteckte. Und noch im April 1941 besuchte Holzinger den Maler Max Beckmann in dessen Amsterdamer Exil und bemühte sich, ihm einen Auftrag für die Illustration der Apokalypse zu vermitteln.
Aber dies ist nicht die ganze Geschichte. Dass es einen doppelten Boden gab, erfuhr eine breitere Öffentlichkeit im Jahr 2000, als Monica Kingreen, Mitarbeiterin des Frankfurter Fritz Bauer Instituts, einen Artikel über bisher unbekannte Tätigkeiten von Holzinger verfasste. Es stellte sich heraus, dass er auch als Sachverständiger des Reichserziehungsministeriums arbeitete, eine Funktion, in der er Wert und Qualität von beschlagnahmtem jüdischem Kunstbesitz zu überprüfen hatte. Zwischen 1940 und 1942 unternahm er außerdem Dienstreisen in die besetzten Gebiete, in die Niederlande und nach Paris, wo er enteignete Kunst für die Sammlung ankaufte.
Auf der Frankfurter Tagung berichtete nun die Schweizer Historikerin Esther Tisa Francini, dass Holzinger in 55 Fällen als Sachverständiger enteignete Sammlungen begutachtete. Auf die Stücke Frankfurter Sammlungen erhob das Museum besonderen Anspruch. Wolters hatte dabei 1936 die Aufgabe übernommen, Listen von „national wertvollem Kulturgut“ in Frankfurter Sammlungen zu erstellen, dessen Ausfuhr polizeilich verhindert werden sollte. Wolters setzte darauf unter anderem die berühmte Sammlung Goldschmidt-Rothschild oder die der Witwe Martha Nathan. Nathans Sammlung wurde 1938, ein Jahr nachdem Martha mit einigen Kunstwerken bereits in die Schweiz emigriert war, auf die Liste gesetzt, so dass ein Export ausgeschlossen wurde. Eva Mongi-Vollmer, Mitglied der Forschungsgruppe und Kuratorin am Städel, trug vor, dass Wolters in einem Schreiben bat, sechs Werke für die Städtische Galerie aus der Sammlung Nathan einzuziehen.
Unheimliche Kontinuität nach 1945
Fast noch aufschlussreicher ist nun der weitere Verlauf nach 1945. Für die Zeit des Nationalsozialismus gilt, dass viele Handlungen unter Druck ausgeübt wurden. Was aber geschah nach Kriegsende? Davon berichtete der abschließende faktengesättigte Vortrag der Berliner Kunsthistorikerin Dorothea Schöne. Offenkundig muss sich doch ein Unbehagen eingestellt haben. Nicht nur gegenüber der amerikanischen Militäradministration, die nun Holzinger am Central Collecting Point in Wiesbaden als Berater einsetzte, verschwieg er seine Tätigkeit als Sachverständiger; er verschwieg sie bis zu seinem Tod. Als der Rechtsanwalt von Martha Nathan sich aber nach 1945 wegen der Restitution von Bildern an Holzinger wandte, erhielt er die Antwort, das „Städelsche Kunstinstitut hat nachweislich nie eine antisemitische Handlung vorgenommen“. Niemand wusste besser als Holzinger und Wolters, dass die Witwe Nathan Kunstwerke unter Zwang veräußern musste. Beide beharrten dennoch darauf, diese rechtmäßig erworben zu haben. Bereits 1952 forderte Holzinger zudem, zusammen mit weiteren deutschen Museumsdirektoren, den baldigen Abschluss aller Restitutionsverfahren (siehe auch: Restitution ist keine Stilfrage).
Die Abgründigkeit dieser Haltung brachte in der anschließenden Diskussion die Frankfurter Kunsthistorikerin Daniela Bohde auf den Punkt: „Man konnte gegen Juden handeln, ohne Antisemit zu sein.“ Der Dienst am Museum wurde auch nach 1945 über die Rechte von Personen gestellt. Die Debatte um die Fetischisierung von Kunstwerken und die Entpersonalisierung von Menschen wird nicht nur die Museen, sondern auch die Kunstgeschichte noch lange beschäftigen müssen.
Oh je, da wird ein Faß aufgemacht...
Hans-Jörg Eitel (schnippchen)
- 22.02.2010, 21:13 Uhr
Kunstgeschichte bashen?
Matthias Weiß (zzmetty)
- 25.02.2010, 11:38 Uhr