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Mormonen-Tempel Wo Mitt Romney betet und zelebriert

11.01.2012 ·  Neben ihrem heiligen Buch haben die Mormonen auch eine besondere Ästhetik. Wer den Republikaner Mitt Romney verstehen will, muss die amerikanischste aller Religionen kennenlernen.

Von Lorenz Jäger
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Sind es Kirchen? Manches an den Tempeln der Mormonen erinnert an mittelalterliche Sakralbauten, rezipiert und verwandelt durch den Filter des modernen amerikanischen Geschmacks; man möchte eher von „Gothic“ als von Gotik sprechen. Aber auch die Ästhetik der Wolkenkratzer spielt in diese Bauwerke hinein, das Chrysler Building in New York City mag für den Tempel in San Diego ein Vorbild gewesen sein. In Dallas sieht man postmoderne Türme in der Art von schlanken Obelisken oder monströsen Antennen.

Man denkt an Phantasieschlösser aus Disneys Märchenfilmen, nur leicht ins Unheimliche und Unnahbare hinübergezogen; ganz so, als hätten H.P. Lovecraft oder HR Giger sich an den Vorlagen der Brüder Grimm versucht, oder als habe Peter Jackson sich hier für seine bizarren schnittigen Türme der Verfilmung von Tolkiens „Herr der Ringe“ inspirieren lassen. In obligatem Weiß oder Hellgrau sind sie gehalten. Nachts sind die Turmspitzen in Salt Lake City von innen erleuchtet.

Wie hiesige Hotelempfangshallen in den sechziger Jahren

Nein, es sind keine Kirchen, es sind „Tempel“, nach dem Vorbild des Alten Testaments konzipiert, mit strenger Einlasskontrolle. Nur Mitglieder der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints) dürfen die Gebäude betreten. Hier finden besondere Riten statt, um deren Natur lange ein Geheimnis gewoben war. Manches geht wohl auf die Freimaurerei zurück, auch gibt es bei der Einweihung (endowment) eine verpflichtende Unterkleidung (garment) für die Adepten.

Die eigentlichen Kirchen der Glaubensgemeinschaft sind dagegen vergleichsweise unscheinbare Versammlungshallen. Das zugleich Erhabene und Abweisende, an Trutzburgen erinnernde der Tempel erklärt sich aus der Frühgeschichte der „Kirche“, als sie gelegentlich angegriffen wurde. Der Prophet und Gründer Joseph Smith jr. wurde am 22. Juni 1844 gelyncht, als er in Untersuchungshaft saß. Die Innenräume, „Celestial Rooms“, erinnern dagegen an Empfangshallen von teureren Hotels, plüschig und kitschig - so, wie sie in den sechziger Jahren bei uns üblich waren und heute in China aussehen.

Amerika soll leuchten

Die Heiligen der letzten Tage lehren etwas, das mehr oder weniger allen Bürgern der Vereinigten Staaten in Fleisch und Blut übergegangen ist. Nämlich: dass Amerika eine Rolle in der Heilsgeschichte zu spielen hat. Selbst in katholischen Kirchen kann man zuweilen, als sei es selbstverständlich, das Sternenbanner links vom Altar sehen. Nur haben die Mormonen diesen Glauben in einer eigenen heiligen Schrift, dem „Buch Mormon“, in allen Einzelheiten ausbuchstabiert. Es sind nämlich schon Teile der antiken Hebräer mit dem Schiff in die Neue Welt gelangt und haben sich so vor Religionsverfolgung gerettet. Später kam auch Christus nach Amerika und feierte ein neuerliches Abendmahl.

Als Mitt Romney im Dezember in der Debatte der republikanischen Vorwahlkandidaten im Staate Iowa sprach, da erklärte er in einem pathetischen Schlusswort, die Vereinigten Staaten müssten wieder zu einem Jerusalem der Welt werden, einem leuchtenden Zionsberge gleich, „the shining light on the hill“.

Die Anstrengung der Anerkennung

Romney, der den Mormonen angehört und in jungen Jahren auch für sie in Frankreich missionierte, gilt als eher gemäßigter Republikaner; er könnte Wähler erreichen, die den rhetorisch schärferen neokonservativen Kandidaten ihre Stimme verweigern würden. Andererseits ist sein Mormonentum für die wichtige Gruppe der evangelikalen Protestanten doch ein arges Handicap. Denn selbst sie halten die „Heiligen der letzten Tage“ nicht für Christen. Sie sind es auch nicht, wenn man die Autorität der Bibel als Kriterium nimmt, denn sie haben ihr eigenes heiliges Buch.

„Wenn ich von einer Religion höre“, schrieb Johannes Gross am 22. August 1997 im Magazin dieser Zeitung, „die in Amerika gestiftet ist, dann halte ich sie gleich für Schwindel, und es braucht eine Anstrengung, um die Frömmigkeit für ehrlich und achtenswert zu halten, die sie erwecken kann.“ In genau dieser Lage findet sich der Europäer gegenüber einem Mann, der womöglich der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein wird.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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