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Mohammed-Karikaturen : Der Westen darf sich nicht beugen

Muslimische Proteste gegen Dänemark und Frankreich Bild: REUTERS

Die Lektion, die der Islam in weiten Teilen noch vor sich hat, lautet: Zu jedem legitimen Selbstverständnis gibt es eine legitime Außenperspektive, die ihm zuwiderlaufen darf. Zum Streit über die Mohammed-Karikaturen.

          Ein Streit um Karikaturen im Gravitationszentrum der Weltpolitik? Morddrohungen, Boykottaufrufe, Massenproteste in weiten Teilen der arabischen Welt, weil eine dänische Tageszeitung Mohammed-Karikaturen verbreitet hat?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Zunächst muß man folgendes klarstellen: Es ist ein Akt der Entschärfung, nicht der Verschärfung, wenn jetzt immer mehr Zeitungen dazu übergehen, einzelne der zwölf im vergangenen September erstmals publizierten Karikaturen nachzudrucken. Das taten gestern etwa „Die Welt“ und „France Soir“. Die F.A.Z. hatte bereits am 3. November auf ihrer Medien-Seite eine der strittigen Mohammed-Karikaturen publiziert, als sie über den damaligen Stand des Konflikts berichtete.

          Ein Problem mit der westlichen Welt

          Tatsächlich ist in dieser Phase der Eskalation, in der wir seit der erzwungenen Entschuldigung der dänischen Zeitung stehen, nicht Kuschen, sondern Publizieren der gebotene Schritt zur Deeskalation. Nur wenn man in dieser Sache europaweit zu den Selbstverständlichkeiten der demokratischen Öffentlichkeit steht, nimmt man die Brisanz von dem einzelnen Presseorgan, dem einzelnen Land, das gerade erpreßt werden soll - und das diesem Druck naturgemäß nicht lange gewachsen ist. Nur in europaweiter Solidarität wird klar: Religiöse Fundamentalisten, die die Unterscheidung zwischen Satire und Gotteslästerung nicht respektieren, haben nicht nur mit Dänemark ein Problem, sondern mit der gesamten westlichen Welt.

          Dabei steht überhaupt nicht zur Debatte, ob solche Darstellungen die Grenzen des guten Geschmacks verletzen. Man kann sich sehr wohl auf den Standpunkt stellen, daß Salman Rushdie oder Theo van Gogh oder die Autoren irgendwelcher Jesus-Pamphlete solche Grenzen verletzen. Die Religion als Satiregegenstand hat ja immer auch etwas Billiges. Nicht umsonst gibt es die sensible sprachliche Wendung von den religiösen Gefühlen, die man besser nicht verletzt. Und es darf in der Tat als Zeichen des guten Geschmacks gelten, wenn solche Intuitionen funktionieren.

          Recht auf künstlerische Freiheit

          So mag das auch der dänische Ministerpräsidenten Rasmussen gemeint haben, wenn er jetzt sagt: „Ich würde nie Bilder von Jesus oder Mohammed veröffentlichen, durch die andere gekränkt werden könnten.“ Anderseits ändert es nichts am verbrieften Recht auf künstlerische Freiheit, wenn diese Intuitionen des guten Geschmacks versagen. Auch die Liebe ist tagtäglicher Gegenstand ätzender künstlerischer Produktion, ohne daß Verliebte in aller Welt sich deshalb das Recht herausnehmen würden, gegen eine mögliche Verletzung ihrer hochheiligen Gefühle Sturm zu laufen.

          Es gibt ein religiöses Bilderverbot des Propheten, das zu befolgen das gute Recht der Gläubigen ist und als solches vom liberalen Rechtsstaat nicht nur eingeräumt, sondern verteidigt wird. Aber in einem säkularen Gemeinwesen können die Gläubigen nicht erwarten und noch weniger erzwingen, daß ihre religiösen Gebote von allen befolgt werden. Genauso, wie der Rechtsstaat mit seinem Gewaltmonopol die Rechte der Minderheiten schützt, genauso schützt er die Rechte der Mehrheitskultur, wo sie von einer Minderheit in Frage gestellt werden.

          Die Zukunft des Islam

          Die Einsicht, daß mit diesem friedensstiftenden modus vivendi nicht der Wahrheitsanspruch der einzelnen Religion berührt wird, setzt eine Theologie voraus, die die Religionsfreiheit nicht als strategischen, sondern als genuin theologischen Wert begreift. Die Zukunft des Islam wird davon abhängen, ob er eine solche Theologie auszubauen und massenwirksam zu verkünden vermag. Aus gutem Grund ist nach dem Mord an Theo van Gogh in den Niederlanden entschieden worden, religiöse Symbole nicht, wie vom Innenminister des Landes seinerzeit gefordert, unter kulturellen Artenschutz zu stellen, sondern sie auch weiterhin der unberechenbaren künstlerischen Freiheit anheimzustellen.

          Letztlich steht in dem aktuellen Konflikt eine kulturelle Errungenschaft auf dem Spiel, die sich der Westen im Interesse des Friedens von keiner politischen oder wirtschaftlichen Macht wieder abhandeln lassen kann: die mühsam erworbene, gegen dogmatische und totalitäre Ansprüche aller Art durchgesetzte Differenzierung von Innen- und Außenperspektive. Die Lektion, die das Christentum gelernt hat und der Islam in weiten Teilen noch vor sich hat, lautet: Zu jedem legitimen Selbstverständnis gibt es eine legitime Außenperspektive, die diesem Selbstverständnis zuwiderlaufen darf.

          Erst wenn diese Lektion begriffen ist, werden Karikaturen unterbleiben, die Mohammed mit einer brennenden Lunte im Turban zeigen. Sie werden unterbleiben, nicht weil Bomben- und Boykottdrohungen Unterlassungserklärungen oder „Entschuldigungen“ erzwingen. Sie werden unterbleiben, weil es nichts Derartiges mehr zu karikieren gibt. Die Gläubigen des Propheten haben ein ganz einfaches Mittel, auf die Agenda der westlichen Karikaturisten Einfluß zu nehmen. Sie brauchen nur der Gewalt abzuschwören, die sie jetzt noch als einen religiösen Imperativ ausgeben. Solange dies unterbleibt, sind es die Gläubigen selbst, die die Karikatur ihres Glaubens ins Recht setzen.

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