15.04.2009 · Kann Mode wirklich kritisch sein? Nein, sagt die österreichische Designerin Elisabeth Prantner. Ihre Kundinnen will sie mit ihren Entwürfen dennoch zu einem besseren Leben bekehren. Ein Atelierbesuch.
Von Sarah ElsingLisa D. entwirft Reiz-Wäsche. Das kleine Schwarze mit Babyleichen-Applikation, Korsagen in der Form gewölbter Hungerbäuche, glitzernde Abendkleider aus Tablettenpäckchen, schwarzseidene Morgenmäntel mit dem Slogan „Feel good, fight war“. Wer auf den Sex-Appeal der Victoria's-Secret-Schauen steht, wendet sich angewidert ab. Und doch übt diese Art der modischen Provokation einen gewissen Reiz aus. Man muss diese Kleider ja nicht erregend finden, bei der Botschaft sieht es schon anders aus.
Und wenn genau das geschieht, einen also die Botschaften dieser Kleider erregen, dann hat Lisa D. ihr Ziel erreicht. Die österreichische Modedesignerin will uns zu einem bewussten, kritischen Umgang mit Mode bewegen. Zwischen Bohrmaschine und Sägemehl steht sie in ihrem Atelier-Geschäft in den Hackeschen Höfen in Berlin und dirigiert die Handwerker. Der grobe blaue Stoff ihres Kleides und ihre durchdringende Stimme passen zu dieser Pose. Trotzdem haftet dieser großen, kraftvollen Erscheinung eine gewisse Eleganz an. Das Gesicht ist sehr weiß, noch weißer im Kontrast zu den roten Haaren, die zu einem langen Pferdeschwanz gebunden sind. Make-up trägt Lisa D. grundsätzlich nicht, nur bei Lippenstift macht sie eine Ausnahme.
Politische Performances nach Ladenschluss
Solche Bodenständigkeit scheint in diesem Chaos nötig, denn in zwei Wochen soll hier der neue Laden eröffnen. Die Räume weiterhin nur als Atelier und Schneiderwerkstatt zu nutzen, konnte sich Lisa D. nach einer Mieterhöhung im Herbst nicht mehr leisten. Obwohl sie eine der ältesten Mieterinnen hier ist. Seit zwölf Jahren bereits verkauft Elisabeth Prantner in den Hackeschen Höfen unter dem Künstlernamen Lisa D. ihre Mode. Gutbetuchte finden bei ihr die Ausstattung für eine extravagante Persönlichkeit. Auch wenn diese mal „versehentlich bürgerlich“ ausfällt, wie das Motto einer älteren Kollektion lautet, bleibt die Botschaft klar: Du bist einzigartig, zeige es auch!
Aber das Geschäft ist nur die eine Seite der Existenz von Elisabeth Prantner. Nach Ladenschluss macht die studierte Soziologin politische Performances. Für sie sind Mode und kritisches Bewusstsein eins geworden. Benetton vermarktet bunte Pullover mit Skandal-Werbung, American Apparel einfarbige T-Shirts mit politisch korrekter Produktionsweise, Straßenhändler weltweit verkaufen Billighemden mit Che-Guevara- und „Fuck Bush“-Aufdrucken. Mit ihrem internationalen Kunstprojekt „Global Concern“ versuchte Lisa D. diesen Trend zu ironisieren. Sie entwarf Kleider wie Trojanische Pferde. In das schöne Tuch webte sie mit schillerndem Faden Kinderarbeit, Armut, Hunger und Verfolgung ein, das heißt: Sie füllte runde Plastikkorsagen mit Maiskörnern, auf eng anliegende Häkelkleider applizierte sie die Umrisse von Kinderleichen. Beim Tragen sollte eine zynische Botschaft aufleuchten: Das Elend dieser Welt mit Kleidern zu bekämpfen, fühlt sich fast besser an als Seide auf der Haut.
Keiner kann heute noch so tun, als ob er außen stünde
Auch das schöne Schaulaufen der Modebranche ging Lisa D. auf die Nerven. Um es zu Fall zu bringen, schickte sie ihre Models aufs Eis. In ihrer Performance „Bienen“ ließ sie arbeitseifrige Globalisierungsverlierer einen vertikalen Laufsteg hinabklettern. So soll sie sein, die moderne dienstleistende Arbeitsbiene: immer einsatzbereit, immer flexibel und kurz vor dem Absturz.
Mittlerweile stößt Lisa D. solch plakatives Moralisieren aber selbst übel auf. Slogans wie „Schlank gegen Hunger“ würde sie heute nicht mehr auf abgemagerte Modelkörper projizieren. Keiner könne heute noch so tun, als ob er außen stünde, und sich von dort ein Urteil erlauben, sagt sie. „Trotz unserer Aufgeklärtheit machen wir alle mit im Spiel der globalen Ausbeutung.“ Sie kenne zum Beispiel eine Frau, die einerseits einen Eine-Welt-Laden führt und andererseits ihre Nicaragua-Kaffeetüten zu Hause mit Tchibo-Bohnen fülle. Auch sie selbst werde immer wieder Opfer ihrer Begierden. Zuletzt habe sie einer jungen Näherin einen Plastik-Haarreifen beim Textil-Discounter H & M nachgekauft. Die Wut, sich diesen Widersprüchen nicht entziehen zu können, versucht Lisa D. in Schaffenskraft umzuwandeln. Ihr schlechtes Gewissen wird sie damit jedoch nicht los.
„Geiz ist Geil“ für Intellektuelle
Auch persönlich befindet sie sich in der Zwickmühle. Zwar liebt sie die Offenheit Berlins, trotzdem ziehe es sie immer wieder zurück in die Enge Österreichs. Erst aus dem Pendeln entwickele sich ihre Kreativität, sagt sie. Sie sei eben keine Gläubige, die sich dem Einen ganz hingebe. Die vielfältigen Möglichkeiten der Mode, an andere Kunstformen anzudocken, entsprächen ihrem Charakter. Eine Identität zwischen Kritik und Kommerz, zwischen Großstadt und Brunnen auf dem Dorfplatz.
Lisa D. weiß, dass Mode nicht wirklich kritisch sein kann. Dennoch ist ihr aktuelles Kunstprojekt wieder eine bissige Auseinandersetzung mit der eigenen Branche und ihrem schlechten Gewissen. Für das Kunst-Label „boatpeople“ entwarf sie aus Billigtextilien, die in asiatischen Dumpinglohnländern für reiche Kunden im Westen hergestellt wurden, extrem teure Einzelstücke und präsentierte sie während einer Performance am Wiener Burgtheater mit dem Werbeslogan „Hippness und Awareness zu unfairen Preisen“. Aus geblümten Babystramplern wurde ein tief ausgeschnittenes Abendkleid mit Schleppe, aus bunten Spiderman-Hemdchen ein hautenger Zweiteiler mit freiem Rücken. Auch wenn die Kleider siebenhundert bis achthundert Euro kosten, heftete sie die Preisschilder der Originalware als Zeichen der aktiven Teilhabe am Ausbeutungsprozess wieder an: Geiz ist Geil für Intellektuelle.
Viele Kundinnen finden das erotisch
Die Firmenphilosophie von „boatpeople“ soll Michel Foucaults Konzept der Biomacht nachahmen. Dem französischen Philosophen zufolge wirken Machtverhältnisse nicht nur in der politischen Sphäre, sondern auch im äußerst Privaten und hinterlassen ihre Spuren auf dem Körper und im Leben. Mit der politischen Mode von Lisa D. vollziehen die Kundinnen am oberen Ende der Produktionskette den Prozess der Ausbeutung nach, indem sie sich dem Reiz der Differenz zwischen sündhaft teurem Kleid und billigst hergestelltem Rohmaterial aussetzen. Wenn sie das Kleid tragen, schreibt sich dieser Widerspruch in ihre gepflegten Frauenkörper ein. Diesen Reiz am eigenen Körper zu spüren, finden viele Kundinnen erotisch, berichtet Lisa D.
Auf den Verkaufsschauen, die jetzt weltweit stattfinden, sind es vor allem Frauen aus Japan und der Schweiz, die diese Mode kaufen. Warum? Vielleicht weil es die Kundinnen mit dem größten Geldbeutel und dem schlechtesten Gewissen sind.
Performative Insolvenz
Ganz der Aktualität entsprechend, soll das Kunst-Label „boatpeople“ demnächst Konkurs anmelden. Auch dieser Moment der Firmengeschichte soll wieder mit einer Performance im Wiener Burgtheater begangen werden. Wie genau dieses Ereignis aussehen wird, weiß Lisa D. noch nicht. Zunächst ist sie damit beschäftigt, das Überleben ihres realen Labels zu sichern. Auch dabei soll die Kunst helfen. Deshalb heißt ihre neue Kollektion in Anlehnung an Brechts Lied von der Solidarität „Vorwärts und nicht$ vergessen“. Deshalb soll es im Laden bald auch kritische Literatur über Mode geben. Die Kundinnen sollen Flaubert und Bret Easton Ellis lesen, vor allem aber Elfriede Jelinek.
Und deshalb werden die Handwerker auch bald auf dem Boden knien und dort trittfeste Lyrik anbringen: Inger Christensens „Alphabet“ - als Metapher für das hoffentlich stetige Kommen und Gehen der Kundinnen. Ob Kunst tatsächlich dazu taugt, den Kommerz zu retten, bleibt dahingestellt; einen Versuch ist es jedenfalls wert.