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Mobilität und Wohnen : Heimatlos in den eigenen vier Wänden

Multifunktionales Wohnen: das Yokohama-Apartment in der Nähe von Tokio Bild: Koichi Torimura

Du sollst nicht bleiben! So lautet das erste Gebot unserer auf Mobilität fixierten Gesellschaft. Jetzt erreicht es unsere Wohnzimmer. Der Trend geht vom Zuhause zum flexiblen Zwischenlager.

          Unlängst erschien die aktuelle Studie des Kelkheimer Zukunftsinstituts, die sich mit zentralen Wohntrends bis 2025 beschäftigt. Es ist, wie für solche Studien üblich, eine Hochglanzpublikation, die neben einigen Texten viele bunte Grafiken und Fotos versammelt. Was hier beschrieben wird, klingt wie ein Versprechen. Von „Collaborative Living“ (Teilen statt besitzen) ist die Rede, von „Conceptual Living“ (“Möbel als flexibles Element bekommen gerade in multigrafischen Lebensgestaltungen eine vollkommen neue Relevanz“) oder „Third Place Living“ (man setzt sich mit seinem Notebook immer häufiger ins Café und arbeitet dort).

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Räume mutieren zu „floating rooms“, Metamorphose als Dauerzustand. Dazu passt der Entwurf jener Küche, von der einmal eine Architektin erzählte: Herd und Kühlschrank waren mit langen Kabeln und Rollen versehen und ließen sich problemlos umherschieben. Nichts hatte mehr einen festen Platz. Man kann sich allerdings Angenehmeres vorstellen, als morgens verschlafen in die Küche zu tappen und den Kühlschrank suchen zu müssen, weil man nicht mehr weiß, wohin man ihn geschoben hat.

          Flexibilität vor Heimeligkeit

          Dieser Flüchtigkeitszustand hätte der von Robert De Niro gespielten Gangsterfigur in dem Film „Heat“ sicherlich gefallen. In einer Szene stehen De Niro und Val Kilmer in einer ziemlich leeren Wohnung, während hinter der Glasfront des Wohnzimmers das Meer heranrollt. Ob er seine Wohnung nicht endlich einmal einrichten wolle, fragt Kilmer De Niro, doch De Niro hat weder Zeit dafür noch Lust auf solche Nebensächlichkeiten. Sein Lebensmotto lautet: „Du darfst dich niemals an etwas hängen, das du nicht innerhalb von dreißig Sekunden problemlos wieder vergessen kannst, wenn du merkst, dass dir der Boden zu heiß wird.“

          Blick ins „Case Study #1“, ein flexibles Fertighaus auf der Internationalen Bauausstellung in Hamburg

          „Heat“ stammt aus dem Jahr 1995, einer Zeit, als Mobiltelefone größer als Miniterrier waren und bei dem Satz „My home is my castle“ kein Mensch irritiert die Augenbrauen hob, im Gegenteil.

          De Niros Bemerkung mutet heute geradezu visionär an: Sie misst dem Flexibilitätsgedanken ein größeres Gewicht bei als dem Heimeligkeitsgedanken. Im Vordergrund steht nicht das Bleiben, sondern das Verschwinden - auch wenn es hierbei in erster Linie um die Erfordernisse des Verbrecherdaseins ging.

          Durchdesignte, nutzerfreundliche, raumoptimierte Wohnungen

          In der Fachsprache wird zwischen Hardware und Flexware unterschieden. In die Kategorie Hardware fällt im Grunde nur noch das nackte Gemäuer. Kent Larson, Leiter der „Changing Places Group“ des MIT, hat die Flexwarespielerei auf die Spitze getrieben. In einem Vortrag mit dem Titel „Brilliant designs to fit more people in every city“ - also wie man am besten immer mehr Menschen in Städte verfrachtet (ohne dass sie gleich so zusammengepresst wie in Hongkong leben müssen) - hat er seine Ansichten sehr anschaulich erläutert. Der Vortrag lässt sich im Internet abrufen. Larson ist der Meinung, dass es keine intelligenten Wohnungen gebe. Man müsse, sagt er, vielmehr dumme Wohnungen bauen und sie mit intelligenten Dingen einrichten. Ginge es nach Larson, kann es von diesen intelligenten Einrichtungsgegenständen gar nicht genug geben.

          Hier könnte alles sein: Blick in die Küche von „Case Study #1“

          Wohin das raumtechnisch führt, zeigt Larsons Animation eines wandelbaren Apartments. Wir sehen eine Anordnung sich permanent verändernder Räume. Wie von Geisterhand fahren Wände hin und her, mal klappt ein Bett aus ihnen heraus, mal ein Laufband, je nachdem, ob der Bewohner lieber schlafen oder trainieren möchte. Wir sehen multifunktionale Tische, die für zwei Personen ebenso geeignet sind wie für zehn, und Couchlandschaften, die plötzlich verschwunden sind. Wohin, bleibt unklar. In Larsons Hightech-Behausungen definiert die Funktionalität den Wert eines Möbelstücks. Je ausgefeilter die Technik, desto besser.

          Und wer sollte etwas gegen durchdesignte, nutzerfreundliche, raumoptimierte Wohnungen hinter begrünten Fassaden haben, wo der Wohnraum in Städten wie München, Frankfurt oder Hamburg unaufhörlich knapper und teurer wird?

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