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Missbrauchsvorwürfe Du sollst diskret sein!

12.05.2010 ·  Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn lässt die römische Kurie erbeben und bricht das Gesetz der Diskretion. Dekan Angelo Sodano soll Missbrauchsvorwürfe vertuscht haben.

Von Christian Geyer
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Ein Tabubruch, den man gar nicht hoch genug veranschlagen kann: Ein Kardinal attackiert einen Kardinal - nicht hinter vorgehaltener Hand, nicht diplomatisch codiert, sondern öffentlich und frontal. Der attackierte Kardinal ist zudem keine Randfigur des Kardinalskollegiums, sondern deren Dekan und ehemaliger Chef des römischen Staatssekretariats: Angelo Sodano, jener Kardinal, der im Blick auf den Missbrauchsskandal zu Ostern die Formel vom „Geschwätz des Augenblicks“ geprägt hatte, während er gleichzeitig eine Ergebenheitsadresse an den Papst richtete. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn brach das Gesetz der geschlossenen Gesellschaft, als er Sodano jetzt öffentlich beschuldigte, vor fünfzehn Jahren verhindert zu haben, dass der Vatikan die Missbrauchsvorwürfe gegen Schönborns Vorgänger im Amt des Wiener Erzbischofs, Kardinal Hans Herrmann Groer, untersuchte.

So deutlich kann ein weltlicher Kritiker sprechen, nach den kirchendiplomatischen Gepflogenheiten aber keinesfalls ein Kardinal. Der Soziologe Franz Xaver Kaufmann hat kürzlich in dieser Zeitung Sodanos Rolle für die „moralische Lethargie in der Kirche“ denn auch weitaus schärfer kommentiert als Schönborn: „Die Ergebenheitsadresse an den Papst“, so schrieb Kaufmann, „welche der langjährige Kardinalstaatssekretär Sodano anlässlich des jüngsten Ostergottesdienstes verlas, ist nicht nur scheinheilig, weil Sodano selbst involviert ist. Sie verkennt auch völlig die Situation, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.“

Dissens aussprechen und nicht unterdrücken

Schönborns couragierte Art, sich über die Konvention des Beschweigens hinwegzusetzen, lässt in der Kurie die ohnehin strapazierten Nerven blank liegen. Der portugiesische Kurienkardinal José Saraiva Martins missbilligte die Wiener Intervention postwendend als „inopportun“. Bei seiner Äußerung habe Schönborn den Eindruck einer „von Polemik zerstrittenen Kirche erweckt“, es hätte andere, diskrete Mittel der Kritik, etwa die „brüderliche Zurechtweisung“, gegeben, nun sei die „Einheit der Kardinäle“ in Frage gestellt, erklärte Martins wiederum nicht auf dem diskreten Weg der brüderlichen Zurechtweisung, sondern per Zeitungsinterview. Es scheint, als habe Martins damit unfreiwillig das Anliegen Schönborns unterstützt: Dissens auszusprechen, statt ihn zu unterdrücken, Unbotmäßiges beim Namen zu nennen, statt es mit Berufung auf eine metaphysisch aufgeladene Einheit zu ignorieren oder als Geschwätz abzutun. Eine Einheit zu solch ermäßigten Standards, so lässt Schönborn durchblicken, ist eine Komplizenschaft, die aufgekündigt gehört.

Die Wucht, die der Missbrauchsskandal entfaltet, hat genau damit zu tun: dass man es leid ist, wenn säkulare Realitäten im Namen einer Übernatur, einer geistlichen Solidargemeinschaft, bestritten werden, welche sich dann doch nur als kulturelle Behauptung herausstellt. Im einen Jahrhundert geht es um Vertuschung bis zur Strafvereitelung, im anderen um ein Zensursystem gegen „Modernisten“ - stets im Namen einer privilegierten und später wieder revidierten Einsicht in das, was dem Heile dient. Schönborn verschreibt der Kurie die einzig wirksame Kur: Askese im Umgang mit Heilsrezepten dort, wo sie nichts zu suchen haben. Er mahnt, den alten kirchlichen Grundsatz, Ärgernis zu vermeiden, nicht zur Legitimation kirchlicher Gesichtswahrung zu missbrauchen. Damit leistet er seiner Kirche den heilsamen Dienst, den ihm Kardinal Martins in seiner Replik abspricht. Schönborn plädiert für jene unverstellte Problemwahrnehmung, gegen die in der Kurie das elfte Gebot „Du sollst diskret sein!“ in Stellung gebracht wird. Dort, wo es nottut, entlarvt Schönborn die Imperative zur Einheit und Diskretion als Ideologeme zur Sicherung angemaßter Geltungsansprüche.


Unerhört und folgenreich

Was immer die persönlichen Hintergründe des ungewöhnlichen Angriffs sein mögen - in der Sache hat Schönborn am neuralgischen Zentrum der römischen Machtstruktur gerührt: dem unter allen Umständen zu wahrenden Konsens der Kurie als Hofgesellschaft des Papstes. Allein die Tatsache, dass in dieser Mauer nun ein Loch klafft, dieses Loch sichtbar ist und von anderen Kardinälen öffentlich begutachtet wird, kommt einer Revolution gleich. Denn es setzt gegen die Macht des autoritativen Schweigens die Macht des freien Arguments, ein für die römische Kirchenzentrale ebenso unerhörter wie folgenreicher Vorgang.

Solange sich Kritik an der Zentrale nur von der Peripherie her meldet - auf Kirchentagen und im theologischen Seminar -, bestätigt die Peripherie die Zentrale; Kritik verweist auf das letzte Wort Roms, an dem sie abprallt. In dem Moment aber, in dem die Hermetik der kuriale Kommunikation von innen aufgebrochen wird, ist es um den Nimbus des letzten Wortes geschehen. Das abschließende Vokabular schließt nicht mehr ab, Schönborn hat den Schlüssel entwendet.

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Von Martin Otto

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