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Milo Yiannopoulos : Jung, schwul, rechtsradikal?

  • -Aktualisiert am

Milo Yiannopoulos bei einer Konferenz in New York Bild: AP

Ein Homosexueller, der Minderheiten diskriminiert – wie kann das gehen? Es gab immer auch eine radikal rechte Spielart schwuler Identität. Die Äußerungen von Milo Yiannopoulos zur Pädophilie stehen in dieser Tradition.

          Die alternative Rechte in den Vereinigten Staaten hat ihren Popstar verstoßen. Minutenlang hatte Milo Yiannopoulos, Blogger und Gründer der Bewegung „Gays for Trump“, in einem Interview mit dem amerikanischen Podcast „Drunken Peasants“ über die heilsame Wirkung pädophiler Beziehungen doziert. Über den Halt und die Orientierung, die solche Beziehungen den Jungen böten, ja, dass sie sogar ein notwendiger Initiationsritus seien. Als dieses Interview sich dann in der vergangenen Woche in den sozialen Medien verbreitete und zum Skandal wurde, kündigte Yiannopoulos’ Verlag Simon & Schuster ihm den Vertrag für seine Autobiographie, strich ihn die „Conservative Political Action Conference“ von der Rednerliste - und schließlich zog auch Yiannopoulos sich selbst als Reporter der rechtspopulistischen „Breitbart News“ zurück.

          Yiannopoulos, 32, Brite mit griechischen Wurzeln, hatte es in den letzten Monaten als ein Star der Trump-Kampagne zu Weltruhm gebracht: ein überzeugter Frauenfeind, bekennend schwul und ultrarechts. Ein Mann überschäumender Exzentrik und scheinbar unauflöslicher Widersprüche - ein Homosexueller, der politisch nicht liberal ist, der nicht für Minderheiten eintritt, sondern sie im Gegenteil diskriminiert, wie kann das gehen? Seit den ersten Regungen homosexueller Emanzipation gab es aber immer auch eine radikal rechte Spielart schwuler Identität. Und wie Yiannopoulos über Pädophilie denkt, steht in ebendieser Tradition.

          Besondere Stärke und Tugend

          Um das zu verstehen, muss man zurück in das Berlin der Kaiserzeit, Geburtsstadt der ersten Schwulenbewegung überhaupt. Ende des 19. Jahrhunderts behauptete der junge Charlottenburger Arzt Magnus Hirschfeld, dass Männerliebe nicht, wie bis dahin angenommen, ein moralisches Fehlverhalten zügelloser Charaktere sei: Vielmehr sei die Homosexualität angeboren, der Homosexuelle ein „drittes Geschlecht“ und deshalb kein Fall für das Strafgesetzbuch.

          Hirschfeld wurde rasch zum Kopf der ersten organisierten Homosexuellenbewegung - doch ebenso rasch formierte sich in der Berliner Schwulenszene Widerstand gegen ihn: Schneidige Deutschnationale und völkische Antisemiten verstanden sich keineswegs als biologische Normabweichung, sondern als virile Männer von besonderer Stärke und Tugend. Seit der Antike hätten homosexuelle Männerbünde im Zentrum jeder kulturellen Entwicklung gestanden: Denn nur wo das „weibische Element“ ausgeschlossen sei, könnten Gesellschaften gedeihen.

          „Ein guter Päderast“

          Auch Milo Yiannopoulos träumt sich in seinen Reden gern in die Männerwelt des alten Griechenlands - und ebenso wie er waren auch die rechten Homosexuellen der Kaiserzeit der Ansicht, dass ein Meister-Schüler-Verhältnis die Grundlage jedes Männerbundes sei. Wie in der attischen Gesellschaft sollte der „Jüngling“ in die männliche Gemeinschaft als Lustknabe eingeführt werden. Benedict Friedlaender, ein Vordenker der rechten Schwulen, fasste den Leitsatz der Bewegung in den Ausruf: „Es ist eine ewige Wahrheit: Nur wer ein guter Päderast ist, kann ein vollkommener Pädagoge sein.“

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          So wurde zuerst noch in der Subkultur gedacht. Kurze Zeit später aber machte sich der junge Schriftsteller Hans Blüher daran, das aufregendste Kulturphänomen des späten Kaiserreichs zu beschreiben: den Wandervogel. Tausende Jungen marschierten mit ihren Anführern durch die Wälder, schwärmerisch, romantisch, naturverbunden. Blüher deutete den Wandervogel - zum Entsetzen der Öffentlichkeit - als „erotisches Phänomen“. Erwachsene Wandervogelführer von besonderem Charisma würden ihre jungen „Lieblinge“ durch „Freundeserotik“ an sich binden. Und ebendiese kultivierte Pädosexualität habe den Wandervogel zu einer solch vitalen Bewegung gemacht.

          In den intellektuellen Zirkeln des deutschen Reichs wurde Blühers Skandalschrift teils begeistert diskutiert: Freud, Rilke, Kafka und Thomas Mann - sie alle waren beeindruckt vom Mut des jungen Autors. Beflügelt vom Erfolg, baute der seine Wandervogelschriften wenige Jahre später zur Staatstheorie aus: Der Wandervogelführer wurde zum Führer des deutschen Volkes, aus den jugendbewegten Bünden wurde die männerbündische (und judenfreie) Elite eines nationalen Geistesadels. In den frühen Weimarer Jahren avancierte Blüher zum Chefideologen der rechten Homosexuellenbewegung - und zu einem der meistgelesenen Autoren der Republik.

          Die Rückkehr zur Männlichkeit

          Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen sich einige der ersten Homosexuellengruppen weiter auf Blüher und die Theorie der kulturstiftenden Beziehung zwischen alten Männern und jungen Knaben. Doch bald schon wurden die „Homophilen“, wie sie sich in der frühen Bundesrepublik noch verschämt nannten, von der jungen Schwulenbewegung verdrängt, die von staatstragender „Knabenliebe“ nichts mehr wissen wollte und ihre Homosexualität als Subversion, als expliziten Normbruch lebte.

          Das rechte Denken starb in der Szene aber nicht aus. Mit Blüher und den Männerbündlern konnte man Schwulsein als Signum eigener Stärke und Überlegenheit zelebrieren. Und so schrieb Michael Kühnen, der bekannteste Neonazi der achtziger Jahre, bei seinem inoffiziellen Coming-out über ordensähnliche Männerbünde und kulturschaffende Mann-Knabe-Beziehungen als Fundament des kommenden „Vierten Reichs“.

          Wenn sich Milo Yiannopoulos jetzt über die „Verweiblichung“ der politisch korrekten Gesellschaft erregt und theatralisch die Rückkehr zur unverbrüchlichen Männlichkeit fordert, kommt er einem vor wie eine Version des jungen Tabubrechers Hans Blüher, nur eben von heute, eingewiesen in das Spiel mit der Identität und der Aufmerksamkeitsökonomie. Blüher, Yiannopoulos: Auf dem radikal rechten Flügel der homosexuellen Bewegung war die Pädophilie immer auch Ideologie.

          Quelle: F.A.S.

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