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Michel Houellebecq zur Wahl : Von wegen Champagner

„Als sie anfingen, sich anzuschreien, bin ich eingeschlafen“: Nicht-Wähler Michel Houellebecq hat den Wahlkampf genau verfolgt. Bild: France 2, Screenshot F.A.S.

Nach Spekulationen, der bekannteste französische Schriftsteller liebäugele mit Marine Le Pen, waren viele auf dieses Bekenntnis gespannt: Michel Houellebecq sagt auf France 2, was er wählen würde, wenn er wählen ginge.

          Der bekannteste Schriftsteller Frankreichs, Michel Houellebecq, werde heute zu Gast im Studio sein, hieß es am Donnerstagabend auf France 2 in der von Léa Salamé und David Pujadas moderierten Sendung „Émission politique“. Wer seinetwegen eingeschaltet hatte, durfte sich dann allerdings knappe zwei Talkshowstunden lang gedulden, bis Houellebecq, nicht im Parka, sondern, wie alle anderen Gäste auch, ganz in Dunkelblau, durch die Tür kam, um die letzten zehn Minuten der Sendung zu bestreiten und auch gleich zu sagen, wen er an diesem Sonntag wählen würde, wenn er denn wählen ginge.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf genau dieses Bekenntnis waren viele gespannt. Denn seit im letzten Jahr Gavin Boyd ein Buch veröffentlicht hat, in dem er von einem Abendessen berichtet, das im Januar 2013 bei Houellebecq zu Hause stattgefunden habe, kursiert das Gerücht, Houellebecq liebäugele mit Marine Le Pen. Boyd ist der Übersetzer und ein Freund des Autors. „Ich werde ein Interview geben, in dem ich zum Bürgerkrieg aufrufe, um den Islam in Frankreich zu vernichten. Ich werde dazu aufrufen, Marine Le Pen zu wählen!“, habe Houellebecq bei diesem Abendessen angekündigt.

          Zunehmendes Unbehagen und Scham

          Das sprach sich schnell herum. Ob es ernst oder unernst gemeint war und so stimmte, spielte in der Überlieferung keine Rolle: Man wisse nicht, ob der Schriftsteller Michel Houellebecq nach dem Erfolg von Marine Le Pen bei den französischen Präsidentschaftswahlen „in Champagner gebadet“ habe, schrieb noch vor einer Woche Thomas Assheuer in der „Zeit“ und erklärte den „politischen Intellektuellen“ Houellebecq zum „Idioten“, obwohl seine Zeitdiagnosen es „in sich“ hätten. Man wisse nur, dass er aus seinen politischen Vorlieben kein Geheimnis mache. „Sein politisches Herz“, so Assheuer, „schlägt rechts, weit rechts, und auf sein Wort dürfen Demokraten nicht hoffen.“

          Nun saß Michel Houellebecq bei Léa Salamé und erzählte, wie er die letzten Monate des Präsidentschaftswahlkampfs mit zunehmendem Unbehagen und mit Scham verfolgt und wie spannend er diesen Wahlkampf gefunden habe, manchmal spannender als die dänische Fernsehserie „Borgen“. Auch das Fernsehduell zwischen Macron und Le Pen habe er sich angesehen, allerdings nicht bis zum Schluss: „Als sie anfingen, sich anzuschreien, bin ich eingeschlafen.“

          Prinzipiell wählt er nur bei Volksabstimmungen

          Er erklärte, dass diejenigen, die Le Pen wählten, für ihn zu einem Frankreich der Peripherie gehörten, zu der er den Kontakt verloren habe, von deren Wirklichkeiten er sich abgeschnitten fühle und über die zu schreiben ihm deshalb unmöglich sei. „In Paris existiert Le Pen nicht. Ich gehöre zur globalisierten Elite. Ich gehöre zu dem Frankreich, das Macron wählt, weil ich zu reich bin, um für Le Pen oder Mélenchon zu stimmen. Und da ich kein Erbe bin, gehöre ich auch nicht zur Klasse, die Fillon wählt.“ Dass die Weltanschauung entscheidend sei für die Wahl, glaube er nicht. Entscheidend sei allein die soziale Klasse.

          Trotzdem wird er nicht hingehen. Beim ersten Wahlgang am 23. April ist er nicht hingegangen, und an diesem Sonntag werde er es auch nicht tun, sagte er. Er sei ein Anhänger der direkten Demokratie. „Ich wähle prinzipiell nur bei Volksabstimmungen“, die Schweiz sei für ihn ein Vorbild.

          Dem Engagement so nah wie nie zuvor

          Dass die Wahlkampagne von Macron ihm vorgekommen sei wie eine Gruppentherapie, die alle in Optimisten habe umwandeln wollen, sagte er noch. Dass de Gaulle es geschafft habe, die Franzosen glauben zu lassen, Frankreich sei ein großes Land. Dass der letzte Politiker, für den er sich begeistert habe, Édouard Balladur gewesen sei. Dass er nicht glaube, die Krise der Demokratie in Frankreich sei überwunden. Und, ja, der Wahlkampf inspiriere ihn für einen neuen Roman, nicht für jetzt gleich, aber mit einigem Abstand schon. „Ich wäre gern in einem Büro der ,Républicains‘ dabei, versteckt in einer Ecke, um zu hören, was sie da sagen. Das könnte sich lohnen.“

          Le Pen gegen Macron : Schicksalswahl für Frankreich und Europa

          „Warum haben Sie sich entschieden, ein engagierter Intellektueller zu sein?“, fragte Michel Houellebecq den französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy in „Volksfeinde“, ihrer im Herbst 2008 erschienenen E-Mail-Korrespondenz. Er müsse sich für andere verantwortlich fühlen, um zu existieren, antwortete Lévy, er sei engagiert auch aus „Abenteuerlust“, auf der Suche nach „Unrecht, das bekämpft werden muss“. Houellebecq, der es nie geschafft hat, Sartre ernst zu nehmen, hat die Option des engagierten Schriftstellers für sich immer radikal ausgeschlossen – aus, wie er das kokett nannte, „ideologischer Bescheidenheit“ und aus dem Gefühl heraus, nicht wirklich „Staatsbürger“, sondern allenfalls ein „Nutzer“ des Staates zu sein. Auch in der „Émission politique“ trat er als dieser nicht-engagierte Houellebecq auf.

          Auf paradoxe Weise war er dem Engagement an diesem Abend aber so nah wie nie zuvor: Indem er erklärte, zumindest theoretisch zum Macron-Lager zu gehören, eröffnete er anderen die Möglichkeit, an diesem Sonntag für Emmanuel Macron zu stimmen wie der bekannteste Schriftsteller Frankreichs – wenn der zur Wahl ginge.

          Quelle: F.A.S.

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