29.11.2005 · Wie gefährlich ist für westliche Wissenschaftler ein Aufenthalt im Irak? Ein Interview über Entführungen, Raubgrabungen und ein ganzes Land auf der Liste gefährdeter Weltkulturgüter.
Die Entführung der deutschen Archäologin Susanne Osthoff hat den Fokus des Interesses wieder auf die Zustände im Irak gerichtet. Vor zwei Jahren erregte die Museumsplünderung in Bagdad Aufsehen; sie geriet aber bald wieder in Vergessenheit. Nicht so bei den Fachleuten: Sie verfolgen im internationalen Austausch die Situation der antiken Kunstschätze und ihrer Bedrohung durch Raub und Schmuggel.
Der World Monuments Fund in New York hat mit dem Irak sogar erstmals seit seinem Bestehen ein ganzes Land auf seine Liste gefährdeter Weltkulturgüter gesetzt. Margarete van Ess, wissenschaftliche Direktorin der Orient-Abteilung am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin, Leiterin der deutschen Ausgrabungen in Uruk und Mitglied der internationalen Expertenkommission, zieht eine vorläufige Bilanz.
Das Schicksal Susanne Osthoffs im Irak zeigt, wie gefährlich der Aufenthalt dort für westliche Wissenschaftler ist. Wann waren Sie zum letzten Mal im Irak?
Sie werden verstehen, daß ich mich aus ersichtlichen Gründen zu dem aktuellen Entführungsfall nicht äußern werde. Ich selber war seit unserer Reise mit der Expertenkommission vor zwei Jahren aus Sicherheitsgründen leider nicht mehr im Irak. Wir halten uns aber durch persönliche Kontakte am Ort und durch regelmäßige Expertentreffen auf dem laufenden.
Und wie ist der Befund heute, gemessen an den Befürchtungen, die man vor zwei Jahren haben konnte?
Der Schaden ist weit schlimmer. Auf Plünderungen waren wir gefaßt. Die Bevölkerung war seit dem Embargo verarmt und durch Umsiedlungen teilweise entwurzelt. Wir befürchteten die Plünderung von Privathäusern, Institutionen, Museumssammlungen. Unerwartet war für uns jedoch das Ausmaß der Raubgrabungen.
Gehen die heute weiter?
Tagtäglich. Wir haben in der letzten Unesco-Expertenrunde neue Satelliten- und Luftbilder gesehen. Für all jene von uns, die mit den Orten vertraut sind, war das ein neuer Schock.
Kommen diese Grabungen im ganzen Land vor?
Hauptsächlich im Südirak, etwa von Diwaniya, rund hundert Kilometer südlich von Bagdad, bis zur Gegend südlich von Nasiriya. Ein Gebiet von der Größe Baden-Württembergs liegt weitgehend in den Händen von Raubgräbern.
Sind das kleine Spontangräber, oder steht eine Mafia dahinter?
Die Diktatur hatte die Sache ziemlich gut im Griff und leistete auch Aufklärungsarbeit. Archäologie zählte zum Fernsehprogramm und gehörte zum „nation-building“. Damals baute sich aber das Netz von Käufern und Weiterverkäufern schon auf. Inzwischen sind die Plünderungsgebiete offenbar unter verschiedene Organisationen aufgeteilt.
Was kann man dagegen tun?
Die irakische Antikenverwaltung hat mit internationaler Hilfe zusätzliche Wächter eingestellt. 1300 von den vorgesehenen 1700 neuen Wächterposten sind besetzt und von den multilateral forces teilweise auch mit Waffen ausgerüstet. Doch bleibt die Situation schwer kontrollierbar.
Vor zwei Jahren wurden von Interpol und Icomos rote Listen mit verschwundenen Objekten erstellt. Hat das Ergebnisse gezeitigt?
Das kommt darauf an, wie man an den Grenzen damit umgeht. In Deutschland gibt es das Problem, daß es de facto nicht illegal ist, Antiquitäten zu importieren, solange man nicht gegen die Zollgesetze verstößt. Kleinere Objekte des Kunstschmuggels fallen einfach durch die weiten Maschen der deutschen Gesetzgebung. Inzwischen wird die Lage peinlich, denn Deutschland droht den Anschluß an die internationale Bewußtseinsnorm zu verlieren. Dabei hat der Kunstobjektschmuggel laut Unesco das Wertvolumen von Waffen- und Drogenschmuggel erreicht und ist wohl auch mit diesem verknüpft. Dagegen wird wenig getan, abgesehen von einigen Ländern wie Italien, wo inzwischen Objekte aus dem Museum von Bagdad aufgetaucht sind, oder auch von den Vereinigten Staaten. In Deutschland scheint Frankfurt am Main eine Durchgangsstation zu sein.
Wie sieht die Situation heute im Museum von Bagdad aus?
Die ist gegenwärtig einigermaßen sicher. Etwa ein Drittel der verschwundenen Objekte ist offenbar wieder da. Die Museumsmagazine sind zugemauert. Das bedeutet allerdings, daß dringend notwendige Restaurierungen nicht vorgenommen werden und auch keine genauen Inventarlisten erstellt werden können.
Was weiß man heute über die Verluste?
Es gab im Museum einerseits die Chaosbereiche, wo ungezielt geplündert wurde, und andere Bereiche, wo offenbar Profis am Werk waren. Dort haben die Diebe einen ersten Saal des unterirdischen, unbeleuchteten Magazins unangetastet gelassen und sind gezielt zu zwei bestimmten Sammlungen vorgedrungen. Zum einen war das die Rollsiegelsammlung, bestehend aus den kleinen steinernen Zylinderrollen mit eingeritzten Szenen, die auf feuchtem Material wie Lehm abgerollt wurden. Das andere Hauptziel der Diebe war eine Sammlung von wertvollen Kleinobjekten wie Schmuck und Gefäßen, die seit der Rückkehr von einer Wanderausstellung in Italien Ende der achtziger Jahre noch nicht wieder eingeräumt war.
Welche Wirkung hat die Entscheidung des World Monuments Fund, den Irak auf die rote Liste zu setzen?
Es handelt sich um einen ganz erstaunlichen Schritt, denn normalerweise überlegt der World Monuments Fund sich sehr genau, welches einzelne Gebäude geschützt werden soll. Wenn nun ein ganzes Land auf die Liste gesetzt wird, hat das enorme Signalwirkung und ist ein Aufruf zur internationalen Hilfe. Die unmittelbare Wirkung ist, daß der Einsatz von Nichtregierungsorganisationen für gezielte Rettungsoperationen erleichtert wird.
Wie sieht die Lage konkret in Uruk aus, in Ihrem Grabungsgebiet?
Von da sind die Nachrichten ermutigend. Ich weiß, daß der Wächter weiterhin vor Ort ist, telefoniere ab und zu mit ihm und lasse mir die Auskünfte auch auf anderen Wegen bestätigen. Offenbar ist dort fast nichts passiert. Das mag an unseren guten Beziehungen mit dem dort ansässigen Beduinenstamm liegen. Die Grabungen begannen 1912, und unser Institut ist dort seit fünfzig Jahren tätig. Wir haben praktisch mit derselben Familie über mehrere Generationen hinweg verhandelt. Sie weiß, daß wir den Kontakt halten und daß auch die Gehälter regelmäßig kommen.
Welche Länder sind kulturell besonders aktiv im Irak?
Am aktivsten, auch finanziell, sind die Vereinigten Staaten, Japan und Italien. Kleinere europäische Länder wie Schweden, Norwegen, die Niederlande, Belgien, Lettland sind mit gezielten Projekten tätig. Deutschland, Frankreich und England haben eine Zwischenposition.
Wann denken Sie, werden Sie nach Uruk zurückkehren zu können?
Sobald die Entführungswelle abnimmt. Ich würde wohl auch heute schon von der dortigen Bevölkerung geschützt. Doch würde ich diese selbst in Gefahr bringen. Eine Ausländerin stellt gegenwärtig eine zu hohe potentielle Erlössumme dar.