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Meinungsforschung : Demokratie dank Demoskopie: Mehrheit als Meinung

Genießt das Gemeinte: Schröder in der „Berliner Runde” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Meinungsforschung nervt, stört und führt in die Irre. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat soeben ein Gesetz zu ihrer Eindämmung gefordert. Dabei könnte man das Übel auch mit den eigenen Waffen schlagen.

          Der Philosoph Peter Sloterdijk hat soeben ein Gesetz zur Eindämmung der Meinungsforschung gefordert. In der Demoskopie erkennt er nach dem Fernseh- und Politikgeschehen der letzten Wochen die Gefahr einer „außerparlamentarischen Herrschaftsinstanz“. Ja, er spricht sogar von einer „unlegitimierten Meinungsdiktatur“.

          Sieht man einmal von der Möglichkeit ab, im selben Geiste auch ein Gesetz zur Eindämmung des unkontrollierten Gebrauchs der Begriffe „Herrschaft“ und „Diktatur“ zu fordern, berührt die Einlassung Sloterdijks tatsächlich ein Problem. Meinungsumfragen sind zu einer Wirklichkeitsbeschreibung eigenen Ranges geworden. Ständig mißt ein anderes Barometer das soziale Klima, wird je nach Bedarf den Investoren, den Zuschauern oder den Wählern der Puls gefühlt. Das geht bis ins Private, wenn kaum ein Monat vergeht, ohne daß eine junge Stimme am Telefon - „Haben Sie einen Moment Zeit?“ - Auskunft darüber erbittet, was der Teilnehmer denn von der Globalerwärmung, den wichtigsten Autoversicherern oder vom ostdeutschen Weißwein hält.

          Isolation statt Widersprüchlichkeit

          Bereits bei solchen Umfragen nützt es überhaupt nichts, dem Fragepersonal mitzuteilen, man habe nicht einmal einen Führerschein und ostdeutsche Weißweine seien einem bisher nicht zur Kenntnis gelangt: „Können Sie mir trotzdem sagen, was Sie dazu meinen?“, lautet die penetrante Entgegnung. Das Meinen verselbständigt sich also auch jenseits der notorischen Stammtische. Auch Leute, die den Namen „Wolfgang Gerhardt“ zum ersten Mal hören, werden zur Einschätzung gebeten, ob sie seinen Träger gern als Außenminister hätten.

          Doch nicht nur gegenüber der Kenntnis verselbständigt sich das Meinen, auch gegenüber sinnvollen Anwendungskontexten. Vor Tagen stellte ein Institut im Auftrag der „Bild“-Zeitung neuerlich fest, wen die Deutschen wirklich zum Kanzler wollen. Ob die entsprechende Frage wohl lautete: „Wenn vor einer Woche keine Bundestagwahlen gewesen wären, wen hätten Sie dann gewählt?“?

          Und schließlich löst sich das Meinen auch als erforschtes von den mindesten Ansprüchen an Konsistenz: Der Wähler, der in Ergebungen Wirtschaftsfragen am wichtigsten findet, der CDU darin mehr zutraut als der SPD, Schröder aber mehr als Merkel, und der dann SPD wählt, obwohl er gleichzeitig zu Protokoll gibt, nicht daran zu glauben, daß Rot-Grün es schafft, wird von den Meinungsforschern nicht als expressives Widerspruchswesen wiedergegeben, dem man offenbar alles zutrauen muß. Man isoliert die Antworten vielmehr und erhält so ein Bild von entsprechender Chaotik: meinungsstark und nicht rekonstruierbar.

          Im Genuß des Realitätsverlusts

          Eben dieses aber ist ein Bild, das Anspruch auf einen repräsentativen Charakter erheben kann - folgte ihm doch sogar der wichtigste Repräsentant selber. Gerhard Schröder nahm die angebliche Hörigkeit gegenüber Meinungsumfragen zum Anlaß einer Attacke gegen Journalisten, unbekümmert darum, daß ohne Rückgriff auf die vor Wochen aus dem Volk herausgefragte Minderschätzung seiner Partei er niemals zum Befund seines so großartigen Wahlsieges und auch nicht darauf gekommen wäre, daß die Leute ihn und nicht Frau Merkel wollen.

          Auch daß viele Journalisten den Ausgang seines TV-Duells mit der Bewerberin für diese günstiger einschätzten als der Wählerdurchschnitt, hält er für einen Hinweis auf massenmediale Meinungsmache. Wie denn nun? Soll der Journalismus das getreue Echo der auf Dauer gestellten Umfrage, sollen die Medien eine Art PR-Abteilung des Volkes sein - oder gerade nicht? Es scheint, als habe die Demoskopie den Demokratiebegriff tief mit ihrem Durchschnitts- und Stichprobendenken eingefärbt. Wenn die Tatsache genügt, daß ein paar Journalisten etwas anders sehen als ein ausgerechneter Durchschnittsbürger, um den Kanzler zu skandalisieren, dankt das Verständnis von dem, was normal ist, ab. Oder es hat an dieser Stelle Sloterdijk recht, wenn er sagt, der Kanzler leide nicht unter Realitätsverlust, er genieße ihn vielmehr.

          Was halten Sie von Meinungsumfragen?

          Die Effekte der Meinungsforschung sind insofern gerade keine diktatorischen. Sie zwingt niemanden, sie verwirrt nur alles, weil aus ihren Zahlen alles gemacht werden kann und alles gemacht wird, und das ganz unabhängig davon, ob sie zutreffen oder nicht. Zwar wird oft der Eindruck erweckt, die Meinungsforschung - die bemerkenswerterweise fast stets von „Instituten“ außerhalb der universitären Wissenschaft betrieben wird - sei in erster Linie eine Forschung, weshalb man vermuten dürfe, sie stehe mit Tatsachen in Kontakt. Das Fernsehen versorgt sich so mit vermeinter Objektivität.

          Doch Meinungen sind eben eine besondere, ganz untatsächliche Art von Tatsachen. Adolphe Quetelet, der belgische Erfinder des „homme moyen“, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts als erster das Individuum als Bruchteil der Gattung bezeichnete und damit die Idee des Stichprobenziehens aufbrachte, dachte dabei noch an Daten wie Alter, Einkommen, Kinderzahl oder Gesundheitszustand. Erst in der Ehe, die um 1930 herum die Demoskopie mit dem Radio einging, wurden auch Meinungen als Tatsachen adoptiert.

          Seitdem die Leute an die elektronischen Medien angeschlossen sind, gilt der Bürger als verläßlicher Lieferant von Informationen, deren statistische Bearbeitung ihm dann ihrerseits sagt, was er von seinesgleichen halten soll. Was diese einflußreiche Illusion zerstreuen könnte, ist kein Gesetz zur Kontrolle der Demoskopie. Es ginge viel einfacher. Denn eigentlich fehlt nur eine Meinungsumfrage, in der zwei Drittel der Leute mitteilen, sie seien gegen Meinungsumfragen.

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