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Neue Wortschöpfung „lindnern“ : Meierei

Christian Lindner auf dem Weg Bild: AP

Dass der Nachname des FDP-Vorsitzenden derart schnell in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, kann kaum verwundern. Doch bei „lindnern“ schwingt mehr mit, als die allgemeine Definition fasst.

          Was ist die Sprache eigentlich? Zweifellos ein Gebilde. Man könnte auch sagen: ein Haus. Und zwar ein schon recht altes Haus, seit langem reparaturbedürftig, aber zum Abriss noch nicht freigegeben. In diesem Haus gibt es, genau wie in Gottes Haus, viele Wohnungen. Das Miteinander der Parteien sollte man sich allerdings nicht zu gesellig oder harmonisch vorstellen. Nehmen wir die nomina propria, Eigennamen wie zum Beispiel „Christian“, „Lindner“ oder „Jamaika“: Diese Ausdrücke sind oder halten sich für etwas Besonderes, kategoriell anderes als, sagen wir, Wörter wie „Politik“, „Koalition“ oder „Verantwortung“, nomina appellativa, die ohne weiteres austauschbar sind, ja, manchmal einfach überhaupt nichts bedeuten.

          Die Eigennamen wohnen in dem alten Haus Sprache strikt für sich. Keine Tür, kein Fenster gibt es zwischen ihnen und den übrigen Wörtern, anders als Leibnizens Monaden leben sie in totaler Isolation. Dass jemand von den Eigennamen einmal hinübergeht zu den appellativen Mietern, geschieht selten und ist dann natürlich eine Ehre. Gerd Müller beispielsweise existiert zum einen als Person, zum anderen ist mit seinem Namen etwas bezeichnet, was er zwar besonders gut konnte, aber auch von anderen beherrscht wird: Tore schießen. Man nennt das, jeder weiß es, „müllern“.

          Kaum verwunderlich

          Der Nachname eines ehemaligen Bundespräsidenten wurde sogar zum Synonym einer Behörde; und das Verbum „gaucken“ trat auf den Plan, sobald sich jemand für den öffentlichen Dienst in den neuen Ländern bewarb und per Anfrage an die Behörde nachweisen musste, dass er kein Stasi-Spitzel war. Geradezu schillernd dann die Bedeutung von „wulffen“, einem von persönlicher Tragik umflorten Tätigkeitswort: „jemandem eine lange Nachricht auf der Mailbox hinterlassen“, „nicht die ganze Wahrheit sagen, ohne ausdrücklich zu lügen“ oder, platterdings, „möglichst viel mitnehmen, ohne zu bezahlen“. Wie steht es in diesem Zusammenhang mit „lindnern“?

          Dass der Nachname des jungen FDP-Vorsitzenden derart schnell in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, wird Leute, die den Aufstieg dieses Mannes aus der Nähe verfolgt haben, kaum noch wundern. Die offizielle Definition spricht von jemandem, der sich aus einer „gemeinsam geplanten Gruppenaktivität zum spätestmöglichen Zeitpunkt“ zurückzieht. (Warum es der „spätestmögliche“ sein soll, erschließt sich nicht; es war ja eher der frühestmögliche, nämlich noch vor den eigentlichen Koalitionsverhandlungen). Es schwingt bei „lindnern“ auch mit: etwas lieber gar nicht tun (regieren) als falsch tun. Wie die Dinge liegen, so wird es wohl bald noch einen neuen Ausdruck geben, und zwar für „umstimmen“, „zur Räson bringen“. Lindner freilich wird kaum noch gesteinmeiert werden, der hat sich bis auf weiteres selbst abgemeiert.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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