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Mauerfall-Jahrestag Blindflug in die Vergangenheit

09.11.2007 ·  Achtzehn Jahre nach dem Mauerfall scheint sich ein neuer Mythos zu etablieren: Fast achtzig Prozent der älteren Ostdeutschen zählen laut einer „Spiegel“-Umfrage das Schulsystem zu den „besonderen Stärken“ der DDR. Regina Mönch kommentiert.

Von Regina Mönch
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Nichts geht über die eigene Erinnerung. Was aber, wenn in einer „Spiegel“-Untersuchung fast achtzig Prozent der älteren Ostdeutschen zu den eindeutigen „besonderen Stärken“ der DDR deren Schulsystem zählen? Sehnsucht nach dem Fahnenappell? Nach strammer Wehrerziehung von Kindesbeinen an und sozialistischer Selektion? Gerade mal zwölf Prozent eines Jahrgangs durften in der DDR das Abitur machen; und weil das fast vergessen ist, kann die SED-PDS-Linke heute ihre Neuauflage der Einheitsschule als Gerechtigkeits-Wundertüte verkaufen.

Achtzehn Jahre nach dem Mauerfall scheint sich ein neuer Mythos zu etablieren – diametral zum Herbst 1989, als Margot Honeckers so genannte Volksbildung noch ein respektabler Fluchtgrund für Zehntausende war. Die Daheimgebliebenen füllten die Versammlungssäle und stritten besonders leidenschaftlich über genau die Schule, nach der sich die Leute heute angeblich wieder sehnen. 1989 aber galt sie ihren zahlreichen Gegnern genauso wie ihren Verteidigern als die Hauptstütze jenes Staates, der gerade zum Teufel gejagt wurde. Sie war der Hort der Lüge, wo man im schlimmsten Fall sogar die Kinder verriet.

Schizophrenie der Anpassung

Christa Wolf veröffentlichte damals einen legendären Artikel in der „Wochenpost“, in dem sie über die Schizophrenie der totalen Anpassung schrieb; ein Zustand, der viele Menschen, auch Lehrer zermürbte, weil sie nicht mehr wussten, was eine eigene Meinung ist. Die Schule war der Ort, an dem dieses Verhalten eingeübt und jede Abweichung davon tabuisiert worden war. Und wer das Tabu brach, hatte mit bitteren Konsequenzen zu rechnen. Das haben auch Lehrer erfahren müssen, die auf Fremdenhass und Rechtsradikalismus in der DDR hinwiesen oder sich weigerten, Kinder zu stigmatisieren, deren Eltern beantragt hatten, in den Westen zu gehen. Dieser Artikel war 1989 der Impuls zu einer großen Debatte über das Erziehungssystem der DDR und die gravierenden Versäumnisse dieser Schule – die erste und leider auch die letzte, bis auf den heutigen Tag.

Vielleicht ist das eine Erklärung für den irritierenden Befund der „Spiegel“-Umfrage. Aus dem Wendestreit aber sind Hunderte Briefe erhalten („Angepasst oder mündig?“, 1990 im Verlag Volk und Wissen erschienen), darunter viele von Lehrern, die belegen, wie schwierig es war, das eigene Leben zur Disposition zu stellen. Immerhin wurde damals verblüffend offen über Militarismus und den verlogenen Antifaschismus gestritten, über Ausgrenzung und Indoktrination und über eine Schulreform mit vielen neuen Lehrern. Das hielt – so schien es zumindest – eine Mehrheit für unerlässlich.

Verklärung der Diktatur

Stattdessen aber standen im Oktober 1990 die gewendeten Lehrer auf den Schulhöfen der östlichen Republik und sangen mit ihren Schülern ohne Stocken „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!“. Nur ein Jahr zuvor hätten sie sich dafür noch selbst angezeigt. Auf einem Schulhof im Prenzlauer Berg, der damals noch kein Berliner Szeneviertel war, verweigerte eine Gruppe Sechzehnjähriger diesen neuen Gehorsam und schwieg. Sie bekamen einen Tadel, wie gewohnt. Wenn Lehrer sodann demonstrierten, ging es nur noch um Tarife (West), um den Status des Beamten (möglichst schnell). Der Arbeiter-und-Bauernstaat ging unter, am schlimmsten traf es bekanntlich die Arbeiter und Bauern. Die Stützen des Staates aber, die Lehrer, wurden fast geräuschlos transformiert. Nicht alle waren darüber froh. Opportunismus wurde belohnt, oppositionelle Lehrer jedoch, die zu DDR-Zeiten aus Verzweiflung oder auf Druck ihrer Genossen Kollegen den Dienst quittieren mussten, hatten es schwer, wieder eingestellt zu werden. Selbst wenn ihnen das gelang, wurden sie nicht unbedingt glücklich unter ehemaligen Parteisekretären und Vergangenheitsverklärern. Diese zweite Beschneidung der Welt auf das Kleinformat der DDR rächt sich nun. Sie rächt sich, wenn es um ein klares Bild vom Leben in der Diktatur geht, und Eltern klagen über antiwestliche Ressentiments in den Schulen. Sie rächt sich, wenn über Rechtsradikalismus gestritten wird. Als die NPD in den Sächsischen Landtag einzog, belegte eine Studie, dass erschreckend viele Pädagogen nebulös das kapitalistische System für Fremdenhass und Extremismus verantwortlich machten. Lehrer, die sich mehrheitlich links definierten, erkannten nicht, wie sehr sie gefährdete Jugendliche noch bestätigten in ihrer antidemokratischen Verblendung.

Berlin, die ehemals geteilte Stadt, hätte es anders haben können. Immerhin, einigen Schulen im Osten verhalf die Ostwestmischung zum Erfolg, unheimliche Balancen wurden neu austariert. Doch wie man hört, gibt es inzwischen Lehrerlisten mit Versetzungswünschen zurück in den Westen. Begründung: unerträgliche Ressentiments und Verklärung der Diktatur. Der größte blinde Fleck kollektiver Erinnerung ist offenbar der Alltag in der DDR geblieben. Ein Einheitsdenkmal wird daran nichts ändern.

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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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