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Umkämpfter russischer Film : Das heilige Weichei Nikolai

Unser Mann in Moskau: Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger verkörpert den letzten russischen Zaren. Bild: Rock Film Studios/V.Sevastynov

Alexej Utschitels umkämpfter Film „Mathilde“ über die Jugendliebe des letzten Zaren läuft in Russland an. Trotz einiger Erfindungen der Regie findet das fesselndste Drama vor den Kinos statt.

          Vor dem Moskauer Kino „Oktober“ sind Absperrgitter aufgebaut, Polizisten patrouillieren. Sie schützen einen Film, der am heutigen Donnerstag anläuft, vor seinen radikalen Gegnern. Der Regisseur von „Mathilde“, Alexej Utschitel, spricht von „orthodoxen Extremisten“ und bezeichnet den Kinostart als „Sieg aller gesunden Menschen in diesem Land, der, davon bin ich überzeugt, überwältigenden Mehrheit“. Das sagt Utschitel auf einer Pressekonferenz in der Staatsnachrichtenagentur Tass. Schon dass er an diesem Ort im Stadtzentrum auftritt, zeigt, dass nicht seine Gegner gesiegt haben, sondern der Regisseur selbst, dessen Filmpremiere zum gesellschaftlichen Ereignis wurde.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wer den „am meisten erwarteten Film des Jahres“, wie es auf dem Plakat heißt, anschaut, wird kaum glauben, dass das Kostümepos über die Affäre der Primaballerina Matilda Kschessinskaja mit dem Thronfolger Nikolai Romanow Ende des vorvorigen Jahrhunderts vor Palästen, mit Dampflokomotiven, viel Tanz und wenig nackter Haut jemanden übermäßig erregen könnte. Auch wenn die Titelheldin eingangs einseitig barbusig tanzt und es karge Liebesszenen gibt. Doch über Wochen sah es so aus, als könnten die „orthodoxen Extremisten“ verhindern, dass der Film in die Kinos kommt.

          Duma-Abgeordnete für Zarenverehrung

          Anführerin der Kampagne gegen „Mathilde“ ist die Duma-Abgeordnete Natalja Poklonskaja, die die Zarenverehrung zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Im März behauptete Poklonskaja, auf der annektierten Krim, wo sie vor ihrer Duma-Wahl als Staatsanwältin wirkte, weine eine Büste des letzten Zaren „heilige Tränen“. Ihre Kampagne gegen „Mathilde“ startete zum Jahresbeginn. Der Film, von dem nur ein zweiminütiger Trailer im Umlauf war, beschädige das Ansehen eines Heiligen, so Poklonskaja – der von den Bolschewiken 1918 mit seiner Familie in Jekaterinburg erschossene Zar Nikolai II. wurde von der Russischen Orthodoxen Kirche 2000 kanonisiert. „Mathilde“, so die Abgeordnete, sei als „Beleidigung religiöser Gefühle von Gläubigen“ zu verbieten.

          Niemand nahm Poklonskaja ernst. Doch sie erhielt Unterstützung durch radikale, ultraorthodoxe Aktivisten, zunächst der Gruppe „Sorok Sorokow“, die gegen Bürger vorgeht, die gegen den Kirchenneubau in Moskauer Parks protestieren. Eine weitere Gruppe namens „Christlicher Staat – Heilige Rus“, deren Namen als Anspielung auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verstanden wird, teilte mit, sollte „Mathilde“ gezeigt werden, würden „Kinos brennen und vielleicht sogar Leute verletzt“.

          Drohungen und Anschläge zeigen Wirkung

          Seit dem Spätsommer gab es eine Serie von Anschlägen: Auf Utschitels Petersburger Studio wurden Molotowcocktails geworfen. In Jekaterinburg rammte ein Monarchist einen Kleinlaster voller brennbarer Substanzen in ein Kino und legte Feuer. In Moskau setzten Maskierte vor der Kanzlei von Utschitels Anwalt zwei Autos in Brand und hinterließen Zettel mit der Aufschrift „Brennen für Mathilde“. Der Anführer des „Christlichen Staats“ erklärte, man habe vor „destruktiven Kräften“ gewarnt, die die Ausstrahlung des Films verhindern wollten. Es gebe Leute, die Utschitel „die Beine brechen“ wollten.

          Die Drohungen und Anschläge wirkten: Das größte russische Kinonetz kündigte an, aus Sicherheitsgründen „Mathilde“ nicht zu zeigen. Zugleich wurde aus der Debatte über den Film eine über die Richtung des Regimes von Präsident Putin. Mancher sah die Gewalttäter als radikale Ausgeburt der Versuche des Kremls, die Gesellschaft orthodox zu ideologisieren, manchem schien es, mangels entschiedener Reaktionen der Sicherheitskräfte, als seien die Gewalttäter das neueste Einschüchterungsinstrument im Kampf für „traditionelle Werte“. Konturen und Grenzen der nationalkonservativen Wende sind Chefsache, aber unklar – und Putin schwieg.

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