http://www.faz.net/-gqz-vy2h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 18.10.2007, 17:06 Uhr

Massaker von Rechnitz Die Gastgeberin der Hölle

Fast zweihundert Juden wurden in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945, kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee, im österreichischen Rechnitz erschossen. Die Täter waren Gäste eines Festes, das die Gräfin Margit Batthyány auf ihrem Schloss ausrichtete. Darüber wurde bis heute nicht gesprochen. Von David R. L. Litchfield.

von David R. L. Litchfield
© David Lichtfield Davos, Palace Hotel, im Krieg: Gräfin Margit von Batthyány, ihr Ehemann Ivan und Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza

Vor gut vierzehn Jahren - Francesca (Chessy) Thyssen, heute Erzherzogin von Habsburg, hatte mich gerade in London ihrem Vater Hans Heinrich Thyssen Bornemisza de Kászon vorgestellt, den alle Welt nur „Heini“ nannte - begann ich ein Buch über die Familie Thyssen zu schreiben, nachdem ein früherer Kandidat für die Abfassung von Heinis Biographie den Machenschaften Tita Cerveras, der fünften Frau des Barons, zum Opfer gefallen war. Beinahe wäre auch ich ein Opfer desselben „Titanischen“ Drucks geworden, doch Francesca und Heinis Schwester Gaby überredeten mich, meine Arbeit fortzusetzen.

Ich ahnte damals nicht, worauf ich bei meinen Nachforschungen stoßen würde, und unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu den meisten Mitgliedern der Familie, die insgesamt nur wenig unternahm, um mir zu helfen. Heini Thyssen, der sich selbst zum Schweizer Industriellen stilisiert hatte und einen legendären Ruf als Kunstsammler genoss, behauptete stets, seine lebenslustige ältere Schwester Margit, die in seiner Nähe in der Schweiz gelebt hatte, sei in Wirklichkeit eine scheue, zurückhaltende Frau und ihr Schloss in Rechnitz sei während des Krieges von den Russen zerstört worden, so dass ein Besuch sich nicht lohne.

Mehr zum Thema

Ein schreckliches Geheimnis

Erstmals kam mir der Verdacht, dass er mich belog, als Heini Thyssens ungarischer Anwalt Josi Groh mir erzählte, Margit sei keineswegs scheu und zurückhaltend gewesen. Sie sei während des ganzen Kriegs auf Schloss Rechnitz geblieben, um die Aufmerksamkeit der SS-Offiziere zu genießen, die sich dort zur Erholung aufhielten. Doch erst sein wiederholter Hinweis, das Schloss oder was davon geblieben war, berge ein schreckliches Geheimnis, veranlasste mich schließlich, nach Rechnitz zu fahren. Leider zu spät, um den 2002 verstorbenen Heini noch mit den Tatsachen zu konfrontieren.

Dort erfuhr ich, dass Margit in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs auf dem Schloss ein Fest für SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Kollaborateure gegeben hatte, auf dem zur Unterhaltung der Gäste zweihundert Juden ermordet wurden. In den folgenden zweiundsechzig Jahren gelang es der Familie Thyssen, mit dieser Greueltat nie in Verbindung gebracht zu werden und das Ausmaß ihrer NS-Vergangenheit zu verschleiern.

Heinis Vater Heinrich Thyssen, einer der Erben eines der größten industriellen Vermögen der Welt, aber ohne die, wie er meinte, angemessene gesellschaftliche Stellung, erwarb 1907 die ungarische Staatsbürgerschaft und den Titel eines Barons. Er kaufte sich ein Schloss in Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze, wo er sich ansiedelte und seine Kunstsammlung aufbewahrte. Später überschrieb der Baron das Schloss seiner Tochter Margit, nachdem er sich in aller Stille davongemacht hatte, um sich in der sicheren Schweiz niederzulassen, wo ihn das deutsche Management seiner Unternehmensgruppe regelmäßig besuchte.

100.000 Zwangsarbeiter am „Südostwall“

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Fingerzeig auf den Finsterling im Weißen Haus?

Von Sibylle Anderl

An diesem Montag werden viele Amerikaner Zeugen eines Spektakels: totale Sonnenfinsternis. Die Himmelserscheinung ist Anlass für Spekulationen: Deutet sie auf Donald Trumps Aufstieg oder Ende hin? Mehr 23 11

Die wichtigsten Artikel zu Organisation, Erziehung, Finanzen, Schule, Wohnen und Freizeit.

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“