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Walser und Friedman : Wir können nichts mehr gutmachen

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Im Gespräch über „Unser Auschwitz“: Martin Walser und Michel Friedman im Frankfurter Schauspielhaus Bild: Helmut Fricke

An diesem Abend sollte es um „Unser Auschwitz“ gehen, und es hätte der Höhepunkt der Thementage des Frankfurter Schauspiels werden können. Eine verpasste Gelegenheit: Martin Walser und Michel Friedman in Frankfurt

          Als Martin Walser im letzten Herbst dem jiddischen Dichter Sholem Yankev Abramovitsh unter dem Titel „Shmekendike Blumen“ eine Liebeserklärung machte, umarmte er darin das Jiddische ebenso wie die untergegangene ostjüdische Welt des Schtetl, die Abramovitsh beschreibt. Von vielen Rezensenten wurde Walsers Essay, der flankierend zu Susanne Klingensteins Abramovitsh-Biographie erschien, als Rückkehr eines Verirrten auf den richtigen Weg gelesen. Das wiederum irritierte, ja verletzte den Schriftsteller, der sich zeitlebens immer wieder mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Wohl auch, um das Gedächtnis der Leser in dieser Hinsicht aufzufrischen, ist soeben der Band „Unser Auschwitz“ erschienen, der auf vierhundert Seiten Romanauszüge, Essays, Reden und Aufsätze Walsers aus fünfzig Jahren versammelt, eben seine „Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld“. Die Auswahl hat der Wuppertaler Germanist Andreas Maier getroffen; hätte man alles einbezogen, was es in Walsers wucherndem Werk zu diesem Themenkomplex gibt, wäre das Buch wohl doppelt so umfangreich geworden.

          „Unser Auschwitz“ bot nun den Hintergrund für ein Gespräch zwischen Walser und dem jüdischen Frankfurter Anwalt und Publizisten Michel Friedman - oder vielmehr: Es hätte den Hintergrund bieten können. Der Austausch zweier meinungsstarker Männer des Wortes über ihren und unseren Umgang mit Auschwitz war als einer der Höhepunkte der Thementage des Schauspiels gedacht; der erfahrene Fernsehjournalist Gert Scobel sollte die „Erinnern für die Zukunft“ überschriebene Veranstaltung moderieren. Doch zu einem Austausch kam es so wenig wie zu einer Moderation, die sich der Befragung beider Seiten hätte widmen müssen.

          Aneinander und am Gegenstand vorbei

          Stattdessen sah sich Walser mit gleich zwei höchst insistierenden Fragestellern konfrontiert, die ihm eine Art Beichte abzunehmen versuchten. Immer wieder unterstellten Friedman und Scobel in ihren Fragen, dass der Walser des Jahres 1998, der in der Paulskirche von der Nicht-Delegierbarkeit des Gewissens und der Unmöglichkeit, sich von dem, was er kritisiere, selbst auszunehmen, gesprochen hat, ein anderer gewesen sein müsse als der freudig Abramovitsh-lesende Walser von heute. Die Anmaßung, dass es dieses Kreuzverhör auf die Beweisführung einer Läuterung anlegte, wurde kaum gemildert durch die offenkundige Überzeugung der beiden, Walser damit sogar einen Dienst zu erweisen. So wurde das Publikum Zeuge von Wortwechseln, die über weite Strecken aneinander und damit auch am Gegenstand vorbeigingen. Schuld daran war vor allem jener Mangel an Empathie, den Friedman und Scobel Walser unterstellen wollten. Dabei hatten sie selbst offenbar vergessen, dass ihnen ein Schriftsteller gegenübersaß und keine Verlautbarungsmaschine.

          Nun war Martin Walser noch nie ein Schriftsteller des Abstrakten. Um nicht eine, sondern seine ureigene Sprache für das zu finden, was ihn umtreibt und bewegt, ist es ihm notwendig, sich Gegenstände und Themen anzueignen, sie vom Allgemeinen ins Persönliche zu wenden. Das war, wie man jetzt in „Unser Auschwitz“ leicht nachlesen kann, in Romanen wie „Halbzeit“ oder „Ein springender Brunnen“ nicht anders als in legendären und immer noch lesenswerten Aufsätzen wie „Unser Auschwitz“ aus Anlass der Frankfurter Auschwitzprozesse im Jahr 1965 oder „Auschwitz und kein Ende“ von 1979. Das Problem, eine Sprache für die Erinnerung, für den Umgang mit Auschwitz zu finden, ist für Walser eines, dass er nicht ein für alle Mal, sondern allenfalls immer wieder aufs Neue zu lösen versuchen kann - und nur für sich. Darum mussten die vielen Fragen zur im Band dokumentierten Paulskirchenrede (Friedman: „Würden Sie diese Rede heute noch mal so halten?“ Walser: „Ich habe heute ein anderes Verhältnis dazu.“) unergiebig bleiben. Friedmans und Scobels Versuche, ihn vom Persönlichen ins Politische zu drängen, scheiterten ein ums andere Mal.

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