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Kommentar : Klingt nach Rohrkrepierer

Er muss sich verdammt beeilen, wenn er Sheriff werden will: Martin Schulz am Sonntag in Schweinfurt. Bild: EPA

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen?

          Viel Zeit hat Martin Schulz nicht mehr. Mit dem heutigen Mittwoch sind es genaugenommen noch vier Monate – vier Monate, die natürlich ganz regelrecht aus dreißig beziehungsweise einunddreißig Tagen zu je vierundzwanzig Stunden à sechzig Minuten à sechzig Sekunden bestehen werden. Das macht dann 10.627.200 Sekunden – eine ganze Menge, sollte man meinen. Und Schulz hat noch Glück: Von den vier Monaten haben drei einunddreißig Tage, sonst wären es nur 10.540.800 Sekunden gewesen oder, man denke an den Februar, noch weniger.

          Was die objektive Dauer dieser 10.627.200 Sekunden betrifft, so kann Schulz ganz beruhigt sein: Der Sekundenzeiger wird in dieser Zeit über die Striche und Ziffern in demselben, absolut gleichförmigen Tempo hinwegtrippeln wie zu jeder anderen Zeit auch. Es wird dem Kandidaten dabei zwar so vorkommen, als liefe ihm die Zeit davon; aber das ist völlig normal und in Ordnung. Von einem gewissen Lebensalter an hat jeder Mensch dieses Gefühl, je älter er ist, desto stärker, da kann er nichts machen, zuletzt rast die Zeit nur so, man weiß irgendwann wirklich nicht mehr, wo sie geblieben ist.

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          Sollte es aber so sein, dass die nächste, jetzt noch genau vier Monate dauernde Zeit für Schulz besonders schnell vergeht, schneller als für uns Nicht-Kandidaten, dann wird das daran liegen, dass wir Wähler nicht mehr davon zu verlieren haben als sonst auch, während Schulz sehr viel davon zu verlieren hat und gut beraten ist, den so unerschütterlich gleichmütig trippelnden Lauf des Sekundenzeigers scharf im Auge zu behalten, so wie Gary Cooper in „Zwölf Uhr mittags“, wobei es dort gar keinen Sekundenzeiger gibt, wohl aber das gleichfalls mit äußerster Regelmäßigkeit hin und her schwingende Pendel, tick-tack, tick-tack. Man sieht: Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten, sonst ist alles verloren, Frank Miller ballert dann wieder ungehindert in der kleinen Stadt herum, die SPD ist wieder da, wo sie gerade erst herkommt, im Keller.

          Mit anderen Worten: Schulz muss sich verdammt beeilen, wenn er Sheriff werden will, und darf dabei kein Detail aus dem Auge verlieren. Denn mag es sich bei der Frage, ob das nun vorgestellte SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ oder „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ heißen soll, auch um ein Detail handeln – hier steckt der Teufel garantiert drin. Schulz wollte das Motto aus dem Winter seines Vergnügens beibehalten, was auch sinnvoll gewesen wäre: „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ meint einfach, dass es (an der) Zeit ist, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“, wie es stattdessen heißt (keiner weiß, warum), klingt dagegen jetzt schon nach einem Rohrkrepierer.

          Ein „mehr“ bei der „Gerechtigkeit“ wegzulassen, bedeutet ja, so zu tun, als gebe es bisher überhaupt noch keine – das kann die SPD, die von den letzten zwölf Jahren acht mitregiert hat, uns nicht erzählen wollen. Und dass es für diese Gerechtigkeit dann „mehr Zeit“ geben soll, ergibt keinen Sinn. Oder will man sich damit etwa extra Zeit lassen, mit anderen Worten: Zeit verlieren? Man muss sie nur einfach einmal einführen, diese Gerechtigkeit, dann hat man, anders als Schulz jetzt, wieder Zeit für etwas anderes.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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