http://www.faz.net/-gqz-91q20

Schulz fordert zweites Duell : „Lass gut sein, Matinn“

Attacke? Martin Schulz (SPD) Bild: AFP

Martin Schulz schreibt einen Brief an Angela Merkel und fordert ein zweites „TV-Duell“. Wem wäre damit geholfen? Dem Kanzlerkandidaten der SPD wohl nicht. Er müsste das etwas lässiger angehen.

          Per Twitter platzte die Bombe: „Ich habe heute Angela Merkel einen Brief geschrieben und sie zu einem zweiten TV-Duell aufgefordert“, so las man vorgestern Abend um 22.29 Uhr auf dem Account von Martin Schulz. Seitdem gibt es in den sozialen Medien Hohn und Spott, quer durch die weltanschaulichen und politischen Lager. Eine Auswahl: „Im Morgengrauen?“, „Merkel, wenn sie in zwei Wochen die Post durchgeht: ,Och, hätten wa ja eigentlich machen können‘“. „Warum genau?“ „Eine Sms hätte es auch getan“, „Weil es beim ersten Mal schon so gut lief?“ „Auf alle Fälle besser als ein saarländischer Tatort“, „Lass gut sein, Matinn“, „Eil: Schulz fordert jetzt auch noch eine zweite Bundestagswahl am 01. 10. 2017“, „Was hat Herr Schulz nicht verstanden, als Frau Merkel bereits vor dem 1. Duell ein 2. Duell ausgeschlossen hat?“, „Was erlauben Schulz?“, „Nein heißt nein“.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          So ließe sich fortfahren. In der Minderheit: solche Stimmen, die den Kampfgeist von Schulz rühmen und daran erinnern, dass ja in der Tat noch nicht alles gesagt worden ist, dass Bildung, Gesundheit, Rente und Umwelt beim ersten Duell zu kurz kamen. Sich vom Miteinanderreden etwas zu versprechen, ist ja zunächst noch nichts Anstößiges. Wo doch Gesprächsbereitschaft auch contre coeur und selbst wider besseres Wissen evolutionsgeschichtlich eher unwahrscheinlich ist und in jedem Fall eine Kultiviertheit ausdrückt, wie sie den egalitären, sozialdemokratisch unterfangenen Mustern des In-der-Welt-seins eingeschrieben ist.

          Schulz muss sich nicht dafür schämen, auch dann noch auf die Kraft des Arguments zu setzen, wenn längst alles an die Wand gefahren ist und selbst viele, die es gut meinen mit dem Kandidaten, sagen: „Lass gut sein, Matinn“. Das Problem liegt nicht in der Diskursgläubigkeit. Es liegt in dem – wie soll man sagen? – strukturellen Lässigkeitsdefizit des Kandidaten, dergestalt, dass immer erst einmal alles rhetorisch rund zu laufen scheint, bis durch irgendeinen winzigen Riss hindurch das Aufgesetzte, Angestrengte der jeweiligen Einlassung hindurchblitzt und man wieder einmal denkt: Schade, fast wäre doch alles gut gegangen.

          Hier, bei der Mitteilung seines Briefes, war es die in Büttenpapier gekleidete gravitätische Art, mit der Schulz seine aufreizend vergebliche Duellbitte derart wichtig nahm, dass das ganze Briefprojekt am Ende nur noch wichtigtuerisch gelesen werden konnte. Und doch: Besser die holprige, und damit wieder sehr menschliche Lässigkeit von Martin Schulz, dem regelmäßig die Gesichtszüge entgleisen, als die coolen Module des FDP-Spitzenmännekens.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kinderfotos gehen immer

          Blog #Wahlsplitter : Kinderfotos gehen immer

          Wie Schulz bei seiner Einschulung aussah, warum die Franzosen versuchen, Merkels Geheimnis zu ergründen und was es mit Wahlplakaten aus der Hölle auf sich hat: Der FAZ.NET-Blog #Wahlsplitter – für die kleinen Geschichten vor der großen Wahl.

          Schulz fordert zweites TV-Duell Video-Seite öffnen

          Wahlkampf : Schulz fordert zweites TV-Duell

          Knapp eine Woche vor der Bundestagswahl haben die Spitzenkandidaten von SPD und Union ihren Wahlkampf vorangetrieben. In Freiburg warf SPD-Kandidat Martin Schulz der Kanzlerin und Unionskandidatin vor, sich der direkten Konfrontation zu entziehen und forderte erneut ein weiteres TV-Duell.

          Endspurt im Wahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel gegen Schulz : Endspurt im Wahlkampf

          Nur noch wenige Tage bis zur Bundestagswahl. Und bei Bundeskanzlerin Angela Merkel jagt ein Wahlkampfauftritt den nächsten. Am Dienstag war die Kanzlerin unter anderem in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern. Merkels Herausforderer Martin Schulz von der SPD war am Dienstag unter anderem in Heidelberg unterwegs.

          Topmeldungen

          Sorge um Iran-Atomabkommen : „Große Konflikte und Gefahren“

          Weil die Amerikaner als einzige nicht zufrieden sind, könnte das Iran-Abkommen „zerstört“ werden, warnt Außenminister Sigmar Gabriel. Angesichts der Atomkrise mit Nordkorea brauche man keine weitere, hieß es nach einer Sechserrunde in New York.
          Janet Yellen ist die Chefin der amerikanischen Notenbank Federal Reserve

          Historische Wende : Fed dreht den Geldhahn langsam zu

          Die Federal Reserve gibt den Einstieg in den Austieg bekannt. Die Stimulierung der Märkte soll nach und nach zurückgefahren werden. Es geht um Anleihen im Wert von knapp 4,5 Billionen Dollar.
          Sprachkenntnisse lassen sich im Aus- oder im Inland erwerben. Was ist sinnvoller?

          Nachzug von Ehepartnern : Viele scheitern am Deutschtest im Ausland

          Viele Ausländer, die zu ihrem Ehepartner nach Deutschland ziehen wollen, müssen Deutschkenntnisse nachweisen – und zwar schon vor der Einreise. Kritiker finden das unsinnig. Für Flüchtlinge gilt die Regel ohnehin nicht.
          Abu Walaa, der als einer der einflussreichsten Prediger der deutschen Salafisten-Szene galt, auf einem Video-Screenshot.

          Terror-Prozess in Celle : Wichtiger Zeuge kann wohl nicht aussagen

          Beim Verfahren gegen eine mutmaßliche Führungsfigur des „Islamischen Staats“ in Deutschland wird ein Zeuge offenbar fehlen: Für einen V-Mann, der Abu Walaa und die Salafistenszene ausspioniert hatte, soll eine Aussage zu gefährlich sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.