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Martin Mosebach Steinzeitmann in New York

12.09.2007 ·  In Deutschland sind Mosebachs Thesen zur Heiligen Messe nach Römischem Ritus wohlbekannt. In Amerika wäre da noch einiges nachzuholen. Jetzt hat der diesjährige Büchner-Preisträger in New York aus seiner Streitschrift „Häresie der Formlosigkeit“ gelesen.

Von Jordan Mejias, New York
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War die Gemeinde nun so zahlreich erschienen, um den Römischen Ritus zu verinnerlichen? Oder wollten die Gläubigen vor allem Martin Mosebach lauschen, der ihnen nach der Messe erklärte, warum die alte Liturgie, die Papst Benedikt XVI. in seinem Apostolischen Schreiben „Summorum Pontificum“ wieder als Alternativform der Messe zulässt, allen Abänderungen und Neuerungen überlegen sei? In Deutschland sind Mosebachs Thesen wohlbekannt. In Amerika wäre da noch einiges nachzuholen.

Der Empfang für den als „tiefgründigen Denker und katholischen Traditionalisten“ angekündigten Gast war dennoch mehr als herzlich. In der New Yorker Church of Our Saviour an der südlichen, noch nicht gar zu feinen Park Avenue, einem Gotteshaus, das bis hin zu seiner byzantinisch anmutenden Ikonenpracht auf Goldgrund stilistische Anregungen aus vielen Jahrhunderten lebendig umgesetzt hat, schlug Mosebach die englischsprachige Version seiner „Häresie der Formlosigkeit“ (siehe auch: Rezension: Martin Mosebachs „Häresie der Formlosigkeit“) auf und handelte sich damit, nach dem lang anhaltenden Applaus und der Signierschlange zu schließen, große Bewunderung ein.

In diesem Rahmen ist er ein Star

Sicher, der Schriftsteller erreichte nur ein Nischenpublikum. Die führenden amerikanischen Medien enthielten sich jeglicher Berichterstattung über seinen Besuch. Wenn auch das Goethe-Institut ein bisschen die Werbetrommel rührte, kam Mosebach als Gast der Society of St. Hugh of Cluny nach Amerika. Die erst im vergangenen Juli gegründete Gesellschaft widmet sich ganz dem päpstlichen Edikt, das sie als eine „Magna Charta für eine Rückkehr zu Schönheit, Glanz, Ehrfurcht, Mysterium und tiefe Mitwirkung an der Heiligen Messe“ versteht. Priester will sie in den halb vergessenen Ritus einweihen, Konferenzen organisieren, die Liturgie wieder mit hoher Kunst und Musik versöhnen. Es ist ein Rahmen, in dem Mosebach ohne Übertreibung als Star angekündigt werden kann, als Autor, dessen prägnantes, stichhaltiges Plädoyer für den Römischen Ritus auf der Welt unerreicht sei.

Keine zwei Monate, nachdem Martin Mosebach der Büchner-Preis zuerkannt wurde, erscheint sein neuer Roman „Der Mond und das Mädchen“. FAZ.NET hat ihn gelesen und mit dem Autor gesprochen. Ein Online-Feature von Fridtjof Küchemann.

Die Society wurde nicht enttäuscht. An zwei Abenden las Mosebach im Bundesstaat Connecticut, aber erst in New York konnte die Lesung einer feierlichen Messe nach dem alten Ritus folgen. Die Ausnahmegenehmigung, die in wenigen Tagen kein Priester mehr einzuholen braucht, wollte nur Kardinal Egan gewähren, der für New York, nicht jedoch für Connecticut zuständig ist. Deutlich zu vernehmen war jetzt in der Church of Our Saviour, dass die Gemeinde gleichwohl schon bestens vertraut ist mit der Liturgie. Sie meisterte ihren Part in den selbstverständlich auf Lateinisch angestimmten Responsorien mit volltönender Zuversicht, übertroffen nur noch vom Chor, der das Hochamt mit gregorianischen Gesängen und Auszügen aus Johannes Ockeghems kanonisch gesetzter Missa prolationum nicht begleitete, sondern prägte und mit Leben erfüllte. Mosebach durfte also für seine Lesung, die im unterirdischen Gewölbe der Kirche stattfand, mit einem wohlwollenden, ja regelrecht eingeweihten Publikum rechnen.

Ein Heimspiel in der Fremde

Ausgewählt hatte er die Passage vom Steinzeitmann, als der er sich als Verfechter des Römischen Ritus fühlt. Nicht zuletzt dank mancher humoristischer Schlenker stieß die sehr leidenschaftlich und sehr persönlich eingefärbte Erzählung vom Weg, den er auf der Suche nach der liturgischen Tradition einschlug, auf dankbare Zuhörer. Es war eine Lesung, die auch als „Pep talk“ funktionierte. So konnte Mosebach, elegant im dunklen Anzug vor einer eher freizeitmäßig in pastellfarbene Sommerfarben gekleideten Zuhörerschaft, in der die jungen Gesichter nicht fehlten, ein Heimspiel in der Fremde absolvieren, als Fachmann für Liturgiefragen. Als Literat, als Büchnerpreisträger bleibt er in New York noch zu entdecken.

Mosebach las, aber eine Debatte war nicht vorgesehen. Die drei, vier Fragen, für die es nachher noch Zeit gab, kamen von Geistesverwandten. Ob er nach der Freigabe des alten Ritus durch den Papst immer noch so pessimistisch sei wie damals vor fünf Jahren, als sein Büchlein erstmals in Deutschland erschien? Und wie es nun wohl weitergehe mit der Reform der Reform? Mosebach gestand ein, in der Tat nicht mehr so trüb in die Zukunft der Liturgie zu blicken, und zugleich warnte er vor dem Versuch, den endlich wiederhergestellten Ritus zu modernisieren und dadurch zu popularisieren.

„Preaching to the choir“ nennen Amerikaner die Übung, jemanden, der von einer Sache ohnehin überzeugt ist, überzeugen zu wollen. Mosebach befand sich in einer derart beneidenswerten Lage. Die deutsche Debatte über die Messform, wie sie in Frankfurt zuletzt ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, fand in Amerika keine Fortsetzung. Zum Glück gibt es Youtube, wo auch Amerikaner, sofern sie des Deutschen mächtig sind, Mosebach im Streitgespräch um den tridentinischen Brauch erleben können (siehe auch: Martin Mosebach im Streitgespräch auf youtube.com). Wer mag sich da schon daran stören, dass ausgerechnet ein neues technologisches Wunder über die Schönheit und Wahrheit der Tradition informieren soll.

Quelle: F.A.Z., 12.09.2007, Nr. 212 / Seite 35
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