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Markus Lüpertz : Welche Welt will dieser Fürst regieren?

  • -Aktualisiert am

Adler, 2005 Bild: Katalog

Seine Bilder sind Lehrbeispiele dafür, wie ein deutscher Künstler zuverlässig in jede Falle tappt, die sich ihm stellt: Eine Ausstellung in Bonn zeigt das Werk von Markus Lüpertz. Es ist die Demonstration einer exemplarischen Tragödie.

          Hier muss die die Geschichte von Markus Lüpertz erzählt werden: Maler, Bildhauer, ehemaliger Rektor der Kunstakademie Düsseldorf, selbsternanntes Genie und ein Künstler, den es wirklich gibt. Das muss auch dazu gesagt werden, denn wer die Schau in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle ansieht, hat bald den Eindruck, hier etwas Unwirklichem, Fiktivem beizuwohnen; das Werk eines Künstlers zu sehen, den sich jemand nur ausgedacht haben kann. Einhundertfünfzig Gemälde und Skulpturen wurden versammelt, es ist die größte Werkschau, die Lüpertz jemals erhielt. Das Format der Gemälde ist fast immer übergroß, ein klassizistisches Tempelchen wurde in die Schau eingebaut, um einige Werke aufzunehmen; es gibt einen kiloschweren Katalog, an der Wand stehen Lüpertz' Gedichte.

          Alles zusammen ist es die Geschichte eines Künstlers, der so zuverlässig in jede ihm aufgestellte Falle tappte, als Person, als Maler, als Deutscher, dass daraus ein ganz und gar exemplarischer Fall wird, ein Musterbeispiel, ein Lehrstück. Es sind nicht die Künstler, die aus ihrer Zeit herausragen, die einen Geschichte lehren, sondern die, die in ihre Zeit eingepasst sind wie eine Schnecke in ihr Gehäuse - und Markus Lüpertz' Gehäuse ist die Bundesrepublik Deutschland und die Geschichte der westdeutschen Kunst nach 1945.

          Beginnen müssen wir diese Geschichte mit dem jungen Lüpertz im Jahr 1970. Der Künstler, geboren 1941 in Böhmen, ist zu diesem Zeitpunkt neunundzwanzig Jahre alt, er hat an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert, Paris besucht und beginnt, in Leimfarbe Stahlhelme zu malen. „Helme sinkend I - dithyrambisch“ nennt er das Bild, ein Monumentalgemälde von viereinhalb Metern Länge. Die Stahlhelme scheinen darauf wie Pilze aus dem Boden zu schießen, sie sind grün, rund und mit ihren Augenschlitzen auch ein wenig unheimlich. Sie sind außerdem ein Symbol für eine Zeit, an die das bundesrepublikanische Deutschland nicht gerne erinnert wird, auch wenn sie hartnäckig immer wieder aus den Ritzen hervorquillt. Den lustigsten Freud'schen Versprecher hatte fünf Jahre zuvor der junge Kunsthistoriker Martin Warnke aufgezeichnet, der als Aufseher in der noch in Dahlem ansässigen Gemäldegalerie arbeitete und von einem Besucher gefragt wurde: „Wo ist das Bild ,Der Mann mit dem Stahlhelm' von Bernhard Dürer?“ Stahlhelm und Dürer lagen den Deutschen noch näher als Goldhelm und Rembrandt. Inzwischen gilt das Gemälde nicht mehr als ein echter Rembrandt, aber das ist eine andere Geschichte.

          Judith, 1995
          Judith, 1995 : Bild: Markus Lüpertz, courtesy Galerie Michael Werner Berlin, Köln & New York

          Motivisches Tourette-Syndrom

          Lüpertz also malt weiter Stahlhelme, immer groß, immer irgendwo zwischen Beleidigung und Gag, ein motivisches Tourette-Syndrom, das für Kontroversen sorgt. Kunsthistorisch gesprochen tut Lüpertz das, was alle seine Kollegen tun: Gerhard Richter malte 1965 einen Mann in Wehrmachtsuniform und gab ihm den Titel „Onkel Rudi“; im selben Jahr beginnt Georg Baselitz seine Serie „Helden-Bilder“ von verstümmelten Soldaten in zerfetzten Uniformen. 1969 fotografiert sich Anselm Kiefer, die Hand zum Hitlergruß erhoben, in Italien und Frankreich. Und selbst der deutlich jüngere Martin Kippenberger witzelt noch 1984 im Titel eines abstrakten Gemäldes „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“. Der Kommentar zur deutschen Geschichte ist wie bei einem Brettspiel das Feld, über das jeder deutsche Künstler einmal gehen muss. Es ist zugleich eine Falle, wie die nächste Runde zeigt.

          Wie im Tierreich sich einige Individuen unterschiedlicher Arten vergesellschaften und eine Verbindung eingehen, die für beide Partner vorteilhaft ist, lebt auch Lüpertz in Symbiose - mit dem Kölner Kunsthändler Michael Werner und dem Kunsthistoriker und späteren Direktor der Hamburger Kunsthalle Werner Hofmann. Michael Werner spinnt die Fäden nach vorne, seine Galerie vertritt die neue westdeutsche Figuration, von Baselitz über Immendorff zu Lüpertz. Selbst Robert Fleck, Direktor der Bundeskunsthalle, berichtet noch bei der Pressekonferenz, es sei Michael Werner gewesen, der ihm vor einigen Jahren geraten hätte, mal etwas Mutiges zu machen: „Stellen Sie Lüpertz aus.“ Man möchte Fleck raten, sich „Mut“ auch noch einmal von einer unabhängigeren Quelle erklären zu lassen.

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