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Veröffentlicht: 27.05.2014, 12:55 Uhr

Marine Le Pens Front National Der Camembert-Faschismus

Wie Marine Le Pen es geschafft hat, den politischen und kulturellen Diskurs in Frankreich zu dominieren - und was man dagegen tun kann.

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© AFP Marine Le Pen: Ihre Reden sind Variationen eines einzigen Gefühls, des Hasses. Manchmal fügt sie auch eine Prise Verachtung hinzu.

Die neue Zeit wurde live übertragen. Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Frankreich darum bemüht, den Rechtsextremen vom Front National keine besondere Bühne zu bieten, am Sonntagabend aber wendete sich das Blatt: Unmittelbar nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen schaltete France 2 in die Zentrale der Wahlsieger nach Nanterre. Doch der Gründungspräsident des Front National hatte keine Zeit für die Hauptnachrichtensendung. Demonstrativ blieb er bei geöffneter Tür in seinem bequemen Chefsessel sitzen und telefonierte, während der Korrespondent samt Kamerateam artig auf ihn wartete. Und Jean-Marie Le Pen telefonierte lange. Man schaltete zurück ins Studio, zur Runde bedröppelter Spitzenpolitiker, dann wieder zu dem Alten, der natürlich weiter telefonierte. Es war nun klar, wer sich nach wem zu richten hat.

Viele sind hilflos angesichts des Erfolgs dieser politischen Formation. Man sucht nach Erklärungen, nach mentalen Aus- und Umwegen: Könnte es nicht sein, dass die Partei moderater wird mit der Zeit? Dass die Wähler es nicht so meinen? Dass ein wenig exekutive Verantwortung eine realpolitische Wende nach sich zieht?

Militärische und energetische Allianz mit Russland

Für solche Annahmen gibt es nicht den geringsten Beleg. Im offiziellen Wahlkampfspot zur Europawahl kam Marine Le Pen gleich in ihrem zweiten Satz auf die Roma zu sprechen, deren ungehinderter Zuzug nach Frankreich in der Perspektive des Front National eines der größten Probleme unserer Zeit darstellt. Dabei ist der Einfluss der Romafamilien, die schon seit Jahrhunderten ihre Pilgerfahrten etwa nach Saintes-Maries-de-la-Mer unternehmen, auf Wirtschaft und Gesellschaft Frankreichs minimal. Dennoch ist es dem Front gelungen, auch die anderen Parteien dazu zu bringen, hier ein politisches Thema zu erkennen.

Noch in den letzten Tagen vor der Wahl sprang der frühere Präsident Nicolas Sarkozy ins politische Feld und wollte mit einer tollen Idee punkten: Man solle die Schengener Abkommen zur innereuropäischen Freizügigkeit reformieren. So wurde die Validität der Behauptungen der extremen Rechte, aus berufenem Mund bestätigt: Wenn nicht mehr so viele Fremde zu uns kämen, ginge es uns besser. In einem Land, das in vielen Regionen vom Tourismus lebt, das sich stolz das Heimatland der Menschenrechte nennt und seine teuren Produkte als Botschafter eines entsprechenden eleganten und liberalen Lebensstils in die ganze Welt ausführt, ist solch ein Politikwechsel, ein Ausstieg aus bestehenden Verträgen ohne guten Grund, mit fatalen Konsequenzen verbunden.

1er Mai 2014, defile parisien du Front National, fete du FN en l'honneur de Jeanne d'Arc © Gilles ROLLE/REA/laif Vergrößern Marine Le Pen bei der Parade zu Ehren von Johanna von Orléans am 1. Mai 2014 in Paris.

Es läuft immer nach demselben Muster ab: Der Front National skandalisiert, grenzt aus und macht - virtuos auch auf allen Kanälen der sozialen Medien - ein solches Getöse, dass die Pariser Politprofis hier die Stimme des Volkes zu vernehmen glauben. Das passiert umso leichter, als sie ansonsten dazu wenig Gelegenheit haben. Man möchte dem FN „kein Thema überlassen“, und so kommt es, dass der Front National die Themen der Politik diktiert.

Die Rede der Wahlsiegerin am Sonntagabend war, wie alle ihre Reden, die Variation eines einzigen Gefühls, des Hasses. Manchmal fügt sie auch eine Prise Verachtung hinzu. In ihrer Ansprache am Wahlabend kam beides zusammen. Der Staatspräsident ist für sie „ein Verräter“. Das Volk sei nun erwacht und werde die nationale Größe zurückerobern. „Endlich werden die Franzosen in ihrem eigenen Land wieder als Erste bedient!“ Und so weiter. Der Vertreter ihrer Partei im Studio war irgendwann genervt vom dauernden Gerede über Europa. Ja, am Abend der Europawahl war ihm das zu viel, er erinnerte daran, dass es „auf der Welt nicht nur Europa“ gebe. In ihrem Wahlprogramm propagiert die Partei eine enge militärische und energetische Allianz mit Russland. Berlin soll da auch mitmachen, liegt ja auf der Strecke.

Der Wahlsieg von Marine Le Pen ist das Ergebnis langer und hartnäckiger Arbeit, teils von ihr, zum weit größeren Teil aber von den Politikern, die in Paris seit Jahrzehnten an solchen Abenden die Fernsehstudios bewohnen. Es hat in Frankreich in neuerer Zeit keine Revolution und keine Wiedervereinigung gegeben. Während der Feierstunde zum Geburtstag des Grundgesetzes im Bundestag sah man mit dem Bundespräsidenten, der Kanzlerin und dem Oppositionsführer wenigstens drei Menschen sitzen, deren politische Karriere erst nach der Wende begann.

Die Manöver und Skandale der anderen nützen Le Pen

In Frankreich aber saßen am Sonntagabend überwiegend Männer und Frauen in den Talkshows, die schon zu Beginn der achtziger Jahre in solchen Sendungen saßen. Noch dazu hatten die sozialistischen Minister von irgendeinem fehlgeleiteten Strategen aus der politischen Hölle den Tipp bekommen, an jenem für sie so desaströsen Abend auf das schöne Wahlergebnis in der Ukraine einzugehen, um abzulenken. Solche Manöver machen den Weg frei für Marine.

29420684 © AP Vergrößern Profitiert von den Bruderkriegen und Skandalen der anderen: Marine Le Pen, hier bei der Abgabe ihrer Stimme zur Europawahl.

Ebenso die Skandale. Man klingt gleich wie ein Extremist, wenn man das feststellt, aber es ist doch die Wahrheit: Die Politiker aller Parteien in Frankreich agieren, als hätten sie gewettet, wie die Demokratie am schnellsten zu ruinieren sei. Die frühere Regierungspartei UMP ist fest im Griff teils krimineller Skandale, die Zwietracht unter den führenden Personen ist legendär und hemmungslos. Es gibt da für konservative Wähler nichts Seriöses, nichts Staatstragendes, nichts Attraktives. Und die Sozialisten üben sich in ihrer Lieblingsdisziplin, dem Bruderkrieg.

In dieser Saison geht es um Hollande gegen Valls. Skandalmäßig haben sie in den vergangenen Jahren auch einiges vorzuweisen, angefangen von der Geschichte mit Dominique Strauss-Kahn, den sie beinah zum Präsidenten gemacht hätten, über den Haushaltsminister, der ein Schwarzgeldkonto verheimlichte, bis zum linken Präsidentenberater, der für sein Dutzend handgenähter Luxusschuhe eigens einen Schuhputzer ins Büro bestellte. Premierminister Valls wirkte am Sonntagabend ehrlich alarmiert. Sein Chef wird ein anderes Kalkül pflegen: Wie sein Vorbild, sein Totem François Mitterrand, wird Hollande versuchen, mit dem Front National die Opposition zu spalten, um sich als republikanische Alternative zu positionieren und seine Wiederwahl zu sichern. Und natürlich nutzen auch solche Manöver der Partei von Le Pen.

Die Schmach der Globalisierung rächen

Für die Reaktion der Zivilgesellschaft ist nun fatal, dass Frankreich die eigene rechtsextreme Vergangenheit kaum oder nur unzureichend aufgearbeitet hat. Die Résistance wird in ein so gleißendes Licht getaucht, dass der Rest, also die Geschichte all jener Eliten, die lieber mit den Nazis gemeinsame Sache machen wollten als mit den französischen Kommunisten, im Dunklen bleibt. Ähnliches gilt für die Kolonialzeit, den Algerien-Krieg oder die Umtriebe gaullistischer Geheimpolizisten im Kalten Krieg.

Störende Episoden werden verschwiegen, nur eine korrekte, aber stark bearbeitete, gewissermaßen niedliche Geschichte des eigenen Landes wird verbreitet. So kann sich eine für den Front National günstige Gesamtnostalgie ausbreiten, die das Land kulturell fest im Griff hat. Man schwärmt von früher, von der besondere Güte des „Terroir“, verachtet die amerikanische Kultur ebenso wie die Bürokraten aus Brüssel, ohne die es in Wahrheit gar keine Landwirtschaft mehr gäbe in Frankreich - es ist ein echter Camembert-Faschismus.

- © AFP Vergrößern In den Stimmen für den rechtsextremen, verzweifelt hassenden FN äußert sich eine von der eigenen Überlegenheit überzeugte, bösartige Gesinnung.

Daran ist nichts folkloristisch: Was sich in den Stimmen für eine rechtsextreme, verzweifelt hassende Partei wie den Front National äußert, ist nichts anderes als die entsprechende Gesinnung, wie wir sie aus der Geschichte kennen: von der eigenen Überlegenheit überzeugt, bösartig, hasserfüllt und ohne jede langfristige Perspektive. Aber wo ist der Politiker, die Politikerin, die den Front frontal angeht und erklärt, dass die Abkehr von Europa auch den sofortigen Kollaps der französischen Landwirtschaft zur Folge hätte? Dass ein abgewerteter Franc und eine protektionistische Handelspolitik nicht zu mehr Kaufkraft führen? Dass die Kriminalität langfristig gesunken ist? Dass das Vorhaben, in Schulkantinen Schweinefleisch zu servieren, um Juden, Muslime und Vegetarier zu ärgern, nichts mit Politik zu tun hat?

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Wähler dieser Partei etwas anderes wollen als das, was das Programm der von ihnen gewählten Partei verspricht, nämlich Frankreichs Größe wiederherstellen, die Schmach der Globalisierung rächen und alle Fremden und alles Fremde zurückdrängen. Man wird diese Bürger weder belehren noch bestechen können. Was kann man tun? Dafür argumentieren und arbeiten, dass sie keine parlamentarische Mehrheit bilden und nicht in die Nähe wahrer Macht kommen. Gerne würde ich schreiben: weil man nie weiß, wozu sie fähig sind. Aber wir wissen es ganz genau.

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