http://www.faz.net/-gqz-7prom

Marine Le Pens Front National : Der Camembert-Faschismus

  • -Aktualisiert am

Marine Le Pen: Ihre Reden sind Variationen eines einzigen Gefühls, des Hasses. Manchmal fügt sie auch eine Prise Verachtung hinzu. Bild: AFP

Wie Marine Le Pen es geschafft hat, den politischen und kulturellen Diskurs in Frankreich zu dominieren - und was man dagegen tun kann.

          Die neue Zeit wurde live übertragen. Seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Frankreich darum bemüht, den Rechtsextremen vom Front National keine besondere Bühne zu bieten, am Sonntagabend aber wendete sich das Blatt: Unmittelbar nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen schaltete France 2 in die Zentrale der Wahlsieger nach Nanterre. Doch der Gründungspräsident des Front National hatte keine Zeit für die Hauptnachrichtensendung. Demonstrativ blieb er bei geöffneter Tür in seinem bequemen Chefsessel sitzen und telefonierte, während der Korrespondent samt Kamerateam artig auf ihn wartete. Und Jean-Marie Le Pen telefonierte lange. Man schaltete zurück ins Studio, zur Runde bedröppelter Spitzenpolitiker, dann wieder zu dem Alten, der natürlich weiter telefonierte. Es war nun klar, wer sich nach wem zu richten hat.

          Viele sind hilflos angesichts des Erfolgs dieser politischen Formation. Man sucht nach Erklärungen, nach mentalen Aus- und Umwegen: Könnte es nicht sein, dass die Partei moderater wird mit der Zeit? Dass die Wähler es nicht so meinen? Dass ein wenig exekutive Verantwortung eine realpolitische Wende nach sich zieht?

          Militärische und energetische Allianz mit Russland

          Für solche Annahmen gibt es nicht den geringsten Beleg. Im offiziellen Wahlkampfspot zur Europawahl kam Marine Le Pen gleich in ihrem zweiten Satz auf die Roma zu sprechen, deren ungehinderter Zuzug nach Frankreich in der Perspektive des Front National eines der größten Probleme unserer Zeit darstellt. Dabei ist der Einfluss der Romafamilien, die schon seit Jahrhunderten ihre Pilgerfahrten etwa nach Saintes-Maries-de-la-Mer unternehmen, auf Wirtschaft und Gesellschaft Frankreichs minimal. Dennoch ist es dem Front gelungen, auch die anderen Parteien dazu zu bringen, hier ein politisches Thema zu erkennen.

          Noch in den letzten Tagen vor der Wahl sprang der frühere Präsident Nicolas Sarkozy ins politische Feld und wollte mit einer tollen Idee punkten: Man solle die Schengener Abkommen zur innereuropäischen Freizügigkeit reformieren. So wurde die Validität der Behauptungen der extremen Rechte, aus berufenem Mund bestätigt: Wenn nicht mehr so viele Fremde zu uns kämen, ginge es uns besser. In einem Land, das in vielen Regionen vom Tourismus lebt, das sich stolz das Heimatland der Menschenrechte nennt und seine teuren Produkte als Botschafter eines entsprechenden eleganten und liberalen Lebensstils in die ganze Welt ausführt, ist solch ein Politikwechsel, ein Ausstieg aus bestehenden Verträgen ohne guten Grund, mit fatalen Konsequenzen verbunden.

          Marine Le Pen bei der Parade zu Ehren von Johanna von Orléans am 1. Mai 2014 in Paris.

          Es läuft immer nach demselben Muster ab: Der Front National skandalisiert, grenzt aus und macht - virtuos auch auf allen Kanälen der sozialen Medien - ein solches Getöse, dass die Pariser Politprofis hier die Stimme des Volkes zu vernehmen glauben. Das passiert umso leichter, als sie ansonsten dazu wenig Gelegenheit haben. Man möchte dem FN „kein Thema überlassen“, und so kommt es, dass der Front National die Themen der Politik diktiert.

          Die Rede der Wahlsiegerin am Sonntagabend war, wie alle ihre Reden, die Variation eines einzigen Gefühls, des Hasses. Manchmal fügt sie auch eine Prise Verachtung hinzu. In ihrer Ansprache am Wahlabend kam beides zusammen. Der Staatspräsident ist für sie „ein Verräter“. Das Volk sei nun erwacht und werde die nationale Größe zurückerobern. „Endlich werden die Franzosen in ihrem eigenen Land wieder als Erste bedient!“ Und so weiter. Der Vertreter ihrer Partei im Studio war irgendwann genervt vom dauernden Gerede über Europa. Ja, am Abend der Europawahl war ihm das zu viel, er erinnerte daran, dass es „auf der Welt nicht nur Europa“ gebe. In ihrem Wahlprogramm propagiert die Partei eine enge militärische und energetische Allianz mit Russland. Berlin soll da auch mitmachen, liegt ja auf der Strecke.

          Der Wahlsieg von Marine Le Pen ist das Ergebnis langer und hartnäckiger Arbeit, teils von ihr, zum weit größeren Teil aber von den Politikern, die in Paris seit Jahrzehnten an solchen Abenden die Fernsehstudios bewohnen. Es hat in Frankreich in neuerer Zeit keine Revolution und keine Wiedervereinigung gegeben. Während der Feierstunde zum Geburtstag des Grundgesetzes im Bundestag sah man mit dem Bundespräsidenten, der Kanzlerin und dem Oppositionsführer wenigstens drei Menschen sitzen, deren politische Karriere erst nach der Wende begann.

          Weitere Themen

          Was ist nur aus der SPD geworden?

          Abstieg einer Partei : Was ist nur aus der SPD geworden?

          Willy Brandt hat Intellektuelle und Arbeiter in der SPD vereint. Jetzt wandern beide Gruppen ab – in unterschiedliche Richtungen. Die Hoffnung auf einen Neubeginn bleibt.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Queerer Jugendtrend : Hier sind die Twinks!

          Die „New York Times“ schrieb von einem „Zeitalter des Twinks“: Wie aus einem schwulen Pornogenre ein neues Männerbild an die Öffentlichkeit tritt, das auch von Popkultur und Mode erfolgreich bedient wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.