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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

„Man muss nur bis drei zählen können, um einzusehen, dass wir ein Einwanderungsgesetz brauchen“: Das Ehepaar Marina und Herfried Münkler. Bild: Julia Zimmermann

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch „Die neuen Deutschen“ erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat.

          Sie schreiben in Ihrem Buch über die „neuen Deutschen“: „Wir haben ein politisches Buch geschrieben, kein erbauliches“. Ist Ihr Buch aber nicht vor allem dies: erbaulich, ein Stück politische Erbauungsliteratur? Haben Sie nicht 500 Jahre nach „Utopia“ von Thomas Morus das Genre der Sozialutopie neu belebt? Indem Sie ein 300 Seiten langes „Wir schaffen das“ verfassten?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Marina Münkler: Uns kam es darauf an, die Fragen der Flüchtlingspolitik in einen diskursiven Rahmen zu stellen, nach dem man in der politischen Auseinandersetzung oft vergeblich sucht. Deswegen haben wir uns auch davor gehütet, unser Buch in der Weise zu einem politischen Buch zu machen, dass wir uns auf einzelne Parteien, einzelne Personen in den Parteien festgelegt hätten. Das ist nicht unsere Absicht. Andererseits fand ich den Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“ in dem Sinne eines performativen Satzes, also einer Aufforderung „Lasst uns das machen!“ durchaus nicht falsch. Denn natürlich konnte man bei dieser Riesenzahl hereinströmender Flüchtlinge nicht sagen: Das wird jetzt in der üblichen verwaltungstechnischen Weise abgearbeitet. Vielleicht hätte es einer wirklichen Bundestagsdebatte bedurft, in der tatsächlich die politischen Akteure dann auch mal ihre Positionen im Parlament markiert hätten und nicht in der Talkshow. Das wäre wichtig gewesen.

          Verzerren Sie nicht die Realität, wenn Sie die „neuen Deutschen“ als Menschen darstellen, „die auf ein weltoffenes und nicht mehr ausschließlich ethnisch definiertes Deutschland setzen“? Tun wir genau das in unserem Land mehrheitlich nicht schon seit Jahrzehnten? Warum legen Sie nahe, Deutschland habe seine Weltoffenheit noch vor sich? Wo leben die Autoren?

          Marina Münkler: Ich bin ehrlich gesagt überrascht über diese Lektüre. Unser Verständnis ist doch ein anderes. Unser Verständnis ist: Natürlich gab es schon die ganze Zeit diese neuen Deutschen. Es ist doch nicht so, als ob die Weltoffenheit in der Bundesrepublik nicht funktioniert hat. In Teilen der Diskussion wird aber eben gerade so getan, als hätten wir nicht tatsächlich eine in großen Teilen gelungene Integration beispielsweise der türkischen Migranten, die hier zur Arbeit hergekommen sind, die sogenannten Gastarbeiter, als hätten wir die nicht gehabt. Natürlich haben wir auch Probleme gehabt, aber andererseits war doch das Zusammenleben während der letzten Jahrzehnte keine Katastrophe. Das zu behaupten wäre ja völlig falsch. Und das ist auch nicht unsere Auffassung. Sondern unsere Auffassung ist: Es sind jetzt Probleme aufgetreten, von denen man so getan hat, als hätte es die noch nie gegeben. Sie haben jetzt zahlenmäßig sicher eine andere Dimension und stellen insofern eine neue Problemlage dar. Aber wir haben nicht eine Situation – und das legt das historische Kapitel unseres Buches dar –, in der man Migration, auch solche in großen Wellen, als etwas Undenkbares, nie Dagewesenes zu betrachten hätte.

          Warum stellen Sie unser Land dann aber so dar, als stünden in der Flüchtlingsfrage die Gutwilligen den Böswilligen gegenüber?

          Herfried Münkler: Aber das stimmt so ja nicht. Wir konstatieren lediglich die tiefe Gespaltenheit, die sich in der Flüchtlingsfrage hierzulande beobachten lässt.

          Gleich auf den ersten Seiten zeichnen Sie doch die moralische Alternative: Da gibt es jene, die sich um die Neuankömmlinge kümmern, die ihr Herz öffnen, die sie willkommen heißen. Und dann gibt es da die anderen, die sagen: Wir wollen eure Probleme nicht, seht zu, wie ihr ohne uns klarkommt. Das heißt, die Humanen versus die Inhumanen. Wo bleibt bei dieser Problembeschreibung die zahlenmäßig größte Gruppe jener Menschen, die sagen, voran unser Bundespräsident: Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt? Die also im sogenannten Flüchtlingsproblem vorrangig ein quantitatives Problem sehen, ohne dass man ihnen deshalb schon ethnische oder sonstwie moralisch vorhaltbare Ressentiments unterstellen sollte.

          Herfried Münkler: Genau die, von denen Sie da sprechen, sind ja eigentlich die ins Auge gefassten Leser, die Adressaten des Buches. Und die stehen vor dem Problem, für sich eine Entscheidung treffen zu müssen, wie sie sich zu den Neuankömmlingen stellen wollen. Eine Entscheidung, die sie sich selbst nicht ausgesucht haben. Von daher ist es natürlich sinnvoll, so wie Sie das ja auch angesprochen haben unter Verweis auf Morus, der wie wir mit einem Diptychon arbeitet, mit einer zweigeteilten Darstellung. Im ersten Buch von „Utopia“ beschreibt er die Realität der englischen Gesellschaft mit ihren europäischen Verwicklungen, und dann kommt Raphael Hythlodäus und erzählt, wie das auf dieser neu gefundenen Insel sei. Das heißt jetzt nicht, dass es die Menschen dazwischen nicht gibt. Sondern gerade wenn wir uns auf den Morus’schen Kontext beziehen, sind sie, die Menschen zwischen den Polen, die eigentlichen Adressaten.

          Herfried Münkler: „Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland.“
          Herfried Münkler: „Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland.“ : Bild: Julia Zimmermann

          Sie erwähnen durchaus das migrationspolitische Grundproblem, nämlich dass hier Einwanderung im Modus des Flüchtlingszuzugs geschieht, dass also die Asylgesetzgebung zweckentfremdet wird. Aber gleichzeitig tut Ihr Buch so, als sei das ein Problem der gesellschaftlichen Debatte. Warum schonen Sie die Politik und ihre Protagonisten?

          Herfried Münkler: Natürlich gab und gibt es in der Bundesrepublik Deutschland eine Lebenslüge, eine politische Lebenslüge. Die heißt: Wir sind kein Einwanderungsland. Unsere Argumentation ist da ja durchgängig. Ganz bewusst treten wir aber zunächst einmal zurück von diesen politischen Konfrontationen, die ja im Übrigen teilweise auch quer durch die Parteien gehen, sowohl durch die SPD als auch durch die CDU. Das war mit eine der grundierenden Überlegungen, das nicht von vornherein gewissermaßen so präzise auszuleuchten, weil ich auch glaube, das ist sehr fluid. Ich habe selbst hinreichend viele Gespräche mit der Politik gehabt und dabei immer wieder heftige Konfrontationen auch zwischen Parteifreunden erlebt, was die Flüchtlingsfrage angeht.

          Warum setzen Sie der Politik dann aber nicht die Pistole auf die Brust und fordern eine Einwanderungsgesetzgebung? Warum bleiben Sie im Merkel’schen Zirkel, wenn Sie Migration wie die Kanzlerin im Kern als ein moralisches Projekt behandeln und sich damit dieselben Dilemmata wie sie einhandeln? Sie wären doch frei, den Überschritt zu machen und zu sagen: Lasst uns mit dem Etikettenschwindel aufhören und unser Einwanderungsland auch mit einer entsprechenden Gesetzgebung ausstatten?

          Herfried Münkler: Na, das können doch nicht wir zwei, meine Frau und ich, machen. Das muss der Bundestag machen.

          Marina Münkler: „Identitäten zeichnen sich aber doch dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren.“
          Marina Münkler: „Identitäten zeichnen sich aber doch dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren.“ : Bild: Julia Zimmermann

          Sie könnten ihn dazu ja aufrufen, tun Sie aber nicht. Warum nicht?

          Marina Münkler: Eben weil wir auf die aktuelle Problemlage reagieren wollten und uns sozusagen an dem abgearbeitet haben, was derzeit die Grenzen der Debatte markiert.

          Dann wäre Ihr Buch weniger futuristisch, mehr dem Status quo verhaftet, als es behauptet. Zumal sich die Problemlage ja auch entschärft hat, seit die Kanzlerin zwar weiter vom humanitären Imperativ spricht, tatsächlich aber längst auf Abschreckung der Flüchtlinge setzt. Ist Ihre Utopie bei allen Glückserwartungen, die sie weckt, unter der Hand schon wieder ein alter Hut geworden?

          Marina Münkler: Keineswegs. Das überfällige Einwanderungsgesetz bleibt doch als Horizont des Buches immer präsent. Man muss nur bis drei zählen können, um dem Buch zu entnehmen, dass wir das natürlich brauchen. Auf qualifizierte Einwanderung können wir keinesfalls verzichten. Das geht in unser Grundanliegen mit ein: Dass wir aus dem Pech, das zumal diejenigen hatten, die hierher flüchten mussten, versuchen können – und das ist vielleicht das Utopische daran –, ein Glück für alle zu machen.

          Das Beharren auf deutscher Leitkultur und Identität nennen Sie eine „physiologische Reaktion der Erschöpften und Ermatteten“, haben aber selbst eine starke identitäre Prämisse, wenn es um Ihr ideales neues Gemeinwesen geht. Heißt das, wir müssen unsere historischen und kulturellen Traditionen über Bord werfen, um zu „neuen Deutschen“ zu werden?

          Marina Münkler: Als Literaturwissenschaftlerin, die in Dresden lehrt, bin ich die Letzte, die sagen würde: Wozu brauchen wir diese „ollen“ Kathedralen, die Gotik, den Barock, das ist alles irgendwie langweilig. Identitäten zeichnen sich aber doch dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren. Zwischen mir und meinen Eltern liegt schon ein so großer Abstand in der Vorstellung von dem, wer man sein möchte, dass man ihn für unüberwindlich halten könnte. Aber er war offensichtlich überwindbar, sonst hätte ich nicht das machen können, was ich gemacht habe.

          Konkretisieren wir die Identitätsfrage, so sind wir zum Beispiel beim Schulunterricht. In der Bildungspolitik stirbt die Utopie ja bekanntlich zuletzt. Welche Imperative halten Sie für die Schule bereit?

          Marina Münkler: Wir haben viele Schulklassen mit einem Anteil von Nichtmuttersprachlern von um die 70 Prozent. Da ist ganz klar, dass die hinterher kein anständiges Deutsch können. Also braucht man ein Verteilungsverfahren. Man muss dafür sorgen, dass der Anteil nicht über 25 Prozent geht. Außerdem muss man mit den Jugendlichen so arbeiten, dass sie erkennen, dass kurzfristige Erfolgsperspektiven keine guten Perspektiven für sie sind und sie sich auf langfristige umstellen müssen. Dafür muss man aber gleichzeitig in der deutschen Gesellschaft die Voraussetzungen schaffen, etwa dadurch, dass man Bewerbungsverfahren – wenigstens bei größeren Firmen – anonymisiert. Was wir brauchen, ist so etwas wie eine Graswurzel-Bewegung, die beispielsweise über Elterninitiativen einen Nachmittagsunterricht für Migrantenkinder organisiert. Die zivilgesellschaftliche Seite ist extrem wichtig. Das mag banal klingen und trivial, aber wir haben nicht genug davon, wir brauchen viel mehr.

          Sie schreiben, dass Integration in Klein- und Mittelstädten besser gelingt als in Metropolen. Wie passt der Fall des grünen Tübinger Oberbürgermeisters, der sich im vergangenen Herbst gegen die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel gestellt hat, zu Ihrer These?

          Herfried Münkler: Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Integration und Assimilation von Migranten in Baden-Württemberg und Teilen Bayerns in der Vergangenheit relativ gut funktioniert hat. Aber auch dort ist natürlich irgendwann eine Kapazitätsgrenze erreicht. Von daher wäre es optimal, wenn man Verteilungsmechanismen hätte, die genau festlegen, wer wohin kommt. Das wäre gewissermaßen das Utopia der effektiven Integration. Real ist aber, dass die Leute gucken, wo sind meine Pioniermigranten, mit denen ich mich verständigen kann, und dann ballen sie sich zusammen. Eigentlich sind die Kleinstädte und Dörfer fremdenavers. Aber interessanterweise funktionieren sie sehr viel besser im Hinblick auf Integration, weil die Reibungsflächen sehr viel größer sind als in Teilen von Berlin oder Gelsenkirchen oder etwa Köln oder wo auch immer, wo die Migranten tatsächlich unter sich bleiben können. Als wir in Friedberg in einer Wohngemeinschaft zusammengewohnt haben, da haben wir die Erfahrung gemacht, dass der türkische Obst- und Gemüsehändler in der Judengasse – da traf alles zusammen, was zur deutschen Geschichte gehört – ein fleißiger Mann war und das bessere Obst hatte, weil er morgens früher aufgestanden ist. Das ist ein ganz gutes Beispiel, wie so etwas in einer Kleinstadt für alle läuft. Wenn aber in Neukölln der türkische Gemüsehändler ist, der nur seine Türken bedient, dann lernt die Aufnahmegesellschaft nichts davon.

          Kann man den türkischen Gemüsehändler wirklich mit dem Nordafrikaner vergleichen, der seinen Pass verbrennt, bevor er die deutsche Grenze erreicht, um nicht als Armutsmigrant wieder in sein sicheres Herkunftsland abgeschoben zu werden?

          Herfried Münkler: An diesem Punkt sind wir sehr konkret geworden. Wir versuchen zu zeigen, dass ein Migrations- und ein Integrationsregime strategisch miteinander verknüpft sein müssen. Eine Situation, die die Katastrophenfigur des abgelehnten, aber geduldeten Asylbewerbers hervorbringt, ist natürlich desaströs. Also muss man darüber nachdenken, wie man den Anteil erstens der Illegalen und zweitens der Abgelehnten, aber Geduldeten reduzieren kann. Wenn man Migration als ersten Schritt zur Integration begreift, dann heißt das möglicherweise auch, dass man die Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland davon abhängig macht, dass der Aufzunehmende Papiere dabei hat.

          Eine Frauenquote beim Asylrecht? Für Herfried Münkler ein interessanter Vorschlag.
          Eine Frauenquote beim Asylrecht? Für Herfried Münkler ein interessanter Vorschlag. : Bild: Julia Zimmermann

          Was halten Sie von einer Frauenquote beim Asylrecht? Dann müsste auf jeden Asylbewerber eine Asylbewerberin kommen.

          Herfried Münkler: Ein interessanter Vorschlag.

          Marina Münkler: Das würde sofort dazu führen, dass die Migranten sich darauf einstellen. Das ist ihre klassische Reaktion: Sie werfen ihre Pässe weg, wenn Pässewegwerfen ihnen etwas bringt. Sie schicken die Männer, weil sie der Auffassung sind, die sind diejenigen, die am ehesten arbeiten können. Wenn es so eine gesetzliche Regelung gäbe, die sagt, wir haben eine Aufnahmequote, die ist so und so hoch, und die Hälfte davon muss weiblichen Geschlechts sein, dann werden die Frauen kommen. Dann schicken sie ihre Mädels.

          Würden Sie sich das wünschen?

          Marina Münkler: Ja, aber unter der Voraussetzung, dass es nicht dieses permanente Nachholen von Angehörigen gibt. Und dass die Frauen nicht bei uns zu Hüterinnen einer Tradition werden, die niemandem mehr schadet als ihnen selbst.

          Viele, die in den letzten Jahrzehnten die Einwanderung gemanagt haben, Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Kommunalpolitiker, könnten sich durch Ihre Lagebeschreibung diskreditiert fühlen. Warum schildern Sie nicht ausführlicher, wie Vorbehalte gegen Migranten jenseits völkischer Ressentiments entstehen, etwa in schwierigen Nachbarschaften?

          Marina Münkler: Dazu schreiben wir doch relativ viel. Wir haben beispielsweise das Problem der sogenannten Parallelgesellschaften intensiv thematisiert. Es gibt diese negative Variante einer sich abschottenden, nur noch eigenen Regeln folgenden Enklave. Und es gibt gleichzeitig die Parallelgesellschaft als Schutzraum: Die Leute kommen hierher, sie verstehen die Sprache nicht, sie können dies und das und jenes nicht. Also gehen sie dahin, wo schon andere sind. Das kann ein Eintrittstor sein, von dem man sich aus weiter in die Gesellschaft hinein bewegt. Es kann aber auch ein Getto sein. Natürlich ist diese Entwicklung für Alteingesessene oft mit einer Abstiegserfahrung verbunden. Die haben das Gefühl, ihr Stadtteil verkommt, da sind nur noch Leute, die sie nicht verstehen, und die bilden jetzt die Mehrheit.

          In Ihrer Darstellung steht die Programmatik im Zentrum. Zwischentöne, die Erfahrungen von Vergeblichkeit, fehlen. Viele Lehrer und Erzieher haben versucht, gegen die Gettoisierung anzuarbeiten, und sind resigniert.

          Marina Münkler: Die Gefahr der Resignation kenne ich aus eigener Arbeit mit Migranten. Wenn ich dreißig Schüler in der Klasse habe, und von denen sind zweiundzwanzig keine Muttersprachler, dann ist das Ergebnis natürlich klar. Was können Sie von diesen Kindern erwarten? Die machen lauter Quatsch. Und sie erfahren sehr früh, dass sie keine Chance haben. Ich habe mit Anfang zwanzig, in den frühen achtziger Jahren, Volkshochschulkurse für Migranten gegeben. Darunter war ein nicht unerheblicher Anteil von Flüchtlingen aus Afghanistan, Ghana und Liberia. Das waren junge Erwachsene, die habe ich dreimal die Woche unterrichtet. Daneben gab es auch englische Au-pairs, dann gab es Leute aus Osteuropa, die Deutsche geheiratet hatten. Deren Niveau war absolut unterschiedlich, und es gab keine Mechanismen, das zu bearbeiten. Ich stand da mit diesen Ghanaern, die nicht mal alphabetisiert waren. Also habe ich die eine Dreiviertelstunde vorher bestellt und mit ihnen allein gearbeitet. Außerdem haben wir zusammen gekocht und solche Sachen gemacht. Es gibt ein sehr schönes Buch von Frank McCourt, „Teacher Man“, das davon erzählt, wie man Klassen zusammenbringt, die ethnisch extrem gemischt sind. Bei mir hat das bei all den Problemen, die es zwischendrin gab, am Ende gar nicht so schlecht funktioniert.

          Berlin hat den letzten Jahren eine rasend schnelle Entmischung vieler einst multikultureller Viertel erlebt. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass es diesmal anders abläuft, gerade angesichts der Spaltung der Gesellschaft, die die Flüchtlingswelle mit sich gebracht hat?

          Herfried Münkler: Was wir in dem Buch beschreiben, sind die Gelingensbedingungen von Integration. Die können Sie nicht kritisieren, indem Sie die Realität dagegenstellen. Wir schließen ja auch zu keinem Zeitpunkt aus, dass das, was wir skizzieren, scheitern kann. Entweder weil es zu teuer ist, diese Prozesse der Integration auf sich zu nehmen, oder weil große Teile der Bevölkerung das nicht mittragen wollen. Es ist ein hochkomplizierter Prozess, der ein Stück weit ganz prima laufen kann, und dann kommt es zu einem Kipppunkt wie der Silvesternacht in Köln. Oder jetzt die Attentate von Würzburg und Ansbach. Das haben wir durchaus im Auge. Aber für unsere Überlegung war nicht zentral, die Wirklichkeit mit all ihren Verästelungen einzufangen, sondern die Bedingungen zu benennen, unter denen die Gesellschaft sich weiterentwickeln kann. Wir sagen, es ist furchtbar schwierig, aber wir müssen es trotzdem versuchen.

          Sie äußern an mehreren Stellen Skepsis gegenüber Versuchen, Integration durch Verordnungen zu erzwingen. Aber kann Verbindlichkeit nicht auch hilfreich sein, nicht nur für Mädchen, die ihre eigenen Bildungswünsche allein gar nicht durchsetzen könnten?

          Herfried Münkler: Natürlich. Diese Verbindlichkeit würden wir nie in Frage stellen.

          Marina Münkler: Ich bin eine katholische Arbeitertochter vom Lande mit bäuerlichem Hintergrund. Früher hat man gespöttelt: das Schlimmste, was ein Mädchen werden kann. Meine Eltern hatten nie die Idee, ich könnte Abitur machen. In meiner Generation gibt es viele, denen es so ging und die es trotzdem geschafft haben, sich aus ihrem Milieu herauszuarbeiten. Warum hat es eigentlich da geklappt? Weil ein typisch bundesrepublikanischer Aufstiegswille mit einer darauf zugeschnittenen Bildungspolitik zusammentraf. Bafög war für mich ein entscheidender Schritt in die Selbständigkeit. Was aber jetzt in den Schulen läuft, sozusagen die zweite Welle der sozialdemokratischen Bildungspolitik, ist unterirdisch. Die Art und Weise, wie man glaubt, Kinder beschulen zu können, die keine optimalen Voraussetzungen haben, indem man auf eigenständiges Arbeiten, Selbstorganisation und so weiter setzt, ist naiv und kontraproduktiv. Das alles setzt voraus, dass man zu Hause einen Bildungshintergrund hat, der in der Lage ist, das Durcheinander, das dabei entsteht, zusammenzufegen. Migrantenkinder haben diesen Hintergrund nicht.

          Wir verstehen „Die neuen Deutschen“ als Ermutigung, bei der Zweckoptimismus natürlich nicht fehlen darf. Aber schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, wenn Sie das helle neue Deutschland mit der Verheißung einer besseren Menschheit verknüpfen? Sie tun das beispielsweise mit dem Begriff des „neuen Menschen“, der in Ihrem Buch fällt, eine Leitvokabel von Sozialingenieuren aller Zeiten. Auch schreiben Sie der Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen „Jungbrunnens“ zu. Mit der zentralen Analogie Ihres Buches, nämlich Blaise Pascals Wette auf die Existenz Gottes, ist dann endgültig der Ausgriff ins Metaphysische getan, die Suggestion geschaffen, dass es um Heil oder Unheil, um alles oder nichts geht. Wäre es nicht auch ein, zwei Nummern kleiner gegangen?

          Marina Münkler: Nein. Wenn die Aufgabe groß ist, und sie ist groß, dann darf man nicht verzagt antworten.

          Analyse und Utopie

          In ihrem Buch „Die neuen Deutschen“, das am heutigen Freitag erscheint, reagieren Herfried und Marina Münkler auf die Veränderungen, die mit der Migration für unser Land absehbar sind. Den Autoren geht es im Genre der Sozialutopie um eine Erzählung zur Flüchtlingspolitik, die zugleich politische Analyse ist. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, verfasste viel beachtete Bücher wie „Die neuen Kriege“, „Imperien“, „Die Deutschen und ihre Mythen“ oder „Der Große Krieg“. Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Marina Münkler ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Dresden, an der sie den Lehrstuhl für Ältere und frühneuzeitliche Literatur und Kultur am Institut für Germanistik bekleidet. In ihren Veröffentlichungen hat sie sich vielfältig mit der „Erfahrung des Fremden“ befasst, so der Titel ihrer Studie über die Beschreibung Ostasiens in mittelalterlichen Augenzeugenberichten. Das Thema prägt etwa auch ihre Biographie über Marco Polo. Marina Münkler sammelte früh praktische Erfahrungen in der Arbeit mit Migranten, als sie für Zuzügler Volkshochschulkurse gab. Daher kenne sie die Gefahr der Resignation auf diesem Feld, sagt sie im Interview und empfiehlt das Buch „Teacher Man“ von Frank McCourt, das über den Unterricht in ethnisch extrem gemischten Klassen berichtet.

          Quelle: F.A.Z.

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