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Gespräch mit Marina und Herfried Münkler : Ein Traum für Deutschland

„Man muss nur bis drei zählen können, um einzusehen, dass wir ein Einwanderungsgesetz brauchen“: Das Ehepaar Marina und Herfried Münkler. Bild: Julia Zimmermann

Hat die Flüchtlingsdebatte die Wirkung eines nationalen Jungbrunnens? Das Buch „Die neuen Deutschen“ erzählt von einem Land, das seine besten Zeiten noch vor sich hat.

          Sie schreiben in Ihrem Buch über die „neuen Deutschen“: „Wir haben ein politisches Buch geschrieben, kein erbauliches“. Ist Ihr Buch aber nicht vor allem dies: erbaulich, ein Stück politische Erbauungsliteratur? Haben Sie nicht 500 Jahre nach „Utopia“ von Thomas Morus das Genre der Sozialutopie neu belebt? Indem Sie ein 300 Seiten langes „Wir schaffen das“ verfassten?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Marina Münkler: Uns kam es darauf an, die Fragen der Flüchtlingspolitik in einen diskursiven Rahmen zu stellen, nach dem man in der politischen Auseinandersetzung oft vergeblich sucht. Deswegen haben wir uns auch davor gehütet, unser Buch in der Weise zu einem politischen Buch zu machen, dass wir uns auf einzelne Parteien, einzelne Personen in den Parteien festgelegt hätten. Das ist nicht unsere Absicht. Andererseits fand ich den Satz der Kanzlerin „Wir schaffen das“ in dem Sinne eines performativen Satzes, also einer Aufforderung „Lasst uns das machen!“ durchaus nicht falsch. Denn natürlich konnte man bei dieser Riesenzahl hereinströmender Flüchtlinge nicht sagen: Das wird jetzt in der üblichen verwaltungstechnischen Weise abgearbeitet. Vielleicht hätte es einer wirklichen Bundestagsdebatte bedurft, in der tatsächlich die politischen Akteure dann auch mal ihre Positionen im Parlament markiert hätten und nicht in der Talkshow. Das wäre wichtig gewesen.

          Verzerren Sie nicht die Realität, wenn Sie die „neuen Deutschen“ als Menschen darstellen, „die auf ein weltoffenes und nicht mehr ausschließlich ethnisch definiertes Deutschland setzen“? Tun wir genau das in unserem Land mehrheitlich nicht schon seit Jahrzehnten? Warum legen Sie nahe, Deutschland habe seine Weltoffenheit noch vor sich? Wo leben die Autoren?

          Marina Münkler: Ich bin ehrlich gesagt überrascht über diese Lektüre. Unser Verständnis ist doch ein anderes. Unser Verständnis ist: Natürlich gab es schon die ganze Zeit diese neuen Deutschen. Es ist doch nicht so, als ob die Weltoffenheit in der Bundesrepublik nicht funktioniert hat. In Teilen der Diskussion wird aber eben gerade so getan, als hätten wir nicht tatsächlich eine in großen Teilen gelungene Integration beispielsweise der türkischen Migranten, die hier zur Arbeit hergekommen sind, die sogenannten Gastarbeiter, als hätten wir die nicht gehabt. Natürlich haben wir auch Probleme gehabt, aber andererseits war doch das Zusammenleben während der letzten Jahrzehnte keine Katastrophe. Das zu behaupten wäre ja völlig falsch. Und das ist auch nicht unsere Auffassung. Sondern unsere Auffassung ist: Es sind jetzt Probleme aufgetreten, von denen man so getan hat, als hätte es die noch nie gegeben. Sie haben jetzt zahlenmäßig sicher eine andere Dimension und stellen insofern eine neue Problemlage dar. Aber wir haben nicht eine Situation – und das legt das historische Kapitel unseres Buches dar –, in der man Migration, auch solche in großen Wellen, als etwas Undenkbares, nie Dagewesenes zu betrachten hätte.

          Warum stellen Sie unser Land dann aber so dar, als stünden in der Flüchtlingsfrage die Gutwilligen den Böswilligen gegenüber?

          Herfried Münkler: Aber das stimmt so ja nicht. Wir konstatieren lediglich die tiefe Gespaltenheit, die sich in der Flüchtlingsfrage hierzulande beobachten lässt.

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