Home
http://www.faz.net/-gqz-72pji
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Manfred Spitzers „Digitale Demenz“ Mein Kopf gehört mir

Angeblich können uns die Hirnforscher beim Denken zuschauen. Angeblich wissen sie, was uns dumm und gewalttätig macht. Stimmt leider nicht, wie man an dem Bestseller von Manfred Spitzer sehen kann. Eine Zurückweisung.

© dpa Das menschliche Gehirn. Verminderungen der Hirnsubstanz zeigen sich fast ein Jahrzehnt bevor erste Symptome einer Alzheimer-Demenz auftreten.

Wer wirklich noch nicht wusste, was längst so viele zu wissen glauben, der hatte in der vergangenen Woche reichlich Gelegenheit, die Gassenhauer der zeitgenössischen Medienkritik noch einmal auf allen Kanälen um die Ohren gehauen zu bekommen. „Wir klicken uns das Gehirn weg“, lautet die Formel, auf die der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer die Klage bringt, die als gefühlter Beipackzettel längst jedem Killerspiel beiliegt: Computer machen dumm. Dick. Süchtig. Einsam. Gewalttätig. Und lauter andere gefährliche Dinge. Auf dreihundertfünfzig Seiten versammelt Spitzer in seinem neuen Buch noch einmal die beliebtesten Merksätze und Borniertheiten des Genres: Lesen lernt man nur durch Lesen. Multitasking funktioniert nicht. Echte Freunde sind besser. Googeln ist nicht denken.

Mehr zum Thema

Harald Staun Folgen:

„Digitale Demenz“ ist ein unleserliches Buch, ein aus rostigen Studien, lahmen Alltagsweisheiten und gebrauchten Papers zusammengeschweißtes Konvolut, und wenn man ihm die Ferne zu seinem Gegenstand nicht auf jeder Seite ansehen würde, würde man ein Computerprogramm aus dem Internet für seinen Autor halten. Vielleicht wäre es wirklich das Beste, wenn man kein Wort mehr darüber verlöre. Dummheitsbücher haben Konjunktur, das wird sich so schnell nicht ändern. Doch leider ist Spitzers Beitrag nicht einfach der übliche Kulturpessimismus; es ist Kulturpessimismus im Gewand der Naturwissenschaft.

Spitzer verbreitet nicht seine Meinung, er doziert Gesetze. Sein Auftritt ist der eines Notarztes. Jeden Hinweis auf die Vielschichtigkeit seines Themas weist er mit der Dringlichkeit der Behandlung zurück. Seinen Leser begegnet er wie Patienten. „Was hab ich, und was kann ich tun?“, schreibt er, das sei die Frage, die es zu beantworten gelte. Und unterschlägt, dass sich die Schmerzen erst aus seiner Diagnose ergeben: Es sind ja nicht die dummen Kinder, die in seine Sprechstunde kommen, sondern die Eltern, die die virulente Sorge um deren geistige Verfassung krank macht.

Zusehen, wenn das Hirn tut, was es tut

Spitzers Buch, das sich innerhalb weniger Tage an die Spitze der Bestsellerliste schob, ist nur das neueste Beispiel für den Aufstieg der Hirnforschung zur zuständigen Instanz für die Beantwortung gesellschaftlicher Fragen. Das Versprechen, das sie gibt, ist nicht nur jenes von der „Lesbarkeit des Menschen“, wie Andreas Bernard kürzlich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, sondern, wie man an Spitzers Selbstverständnis erkennen kann, auch das der Behandelbarkeit aller sozialen Pathologien. Als medizinische Disziplin bietet sie nicht nur Diagnosen, sondern auch Therapien. Bei Doktor Spitzer etwa reicht eine konsequente Mediendiät, um sich vor den Gefahren der grassierenden Computerpest zu schützen. So ein Ansatz klingt natürlich insofern beruhigend, als sich gesellschaftliche Mängel einfach auf der individuellen Ebene beheben lassen. So verhilft paradoxerweise ausgerechnet jene Wissenschaft, deren biologistischer Determinismus den freien Willen so gerne in Frage stellt, dem angeschlagenen Subjekt zum Comeback. Im Hirn jedes Einzelnen liegt die Software, die über sein Schicksal entscheidet: Glück, Erfolg, Intelligenz, soziale Kompetenz oder Gesundheit - all das ist letztlich nur Effekt eines sorgsamen Trainings der grauen Zellen.

Ihre Autorität gewinnen die Erkenntnisse der Hirnforschung vor allem aus den bunten Bildern der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Weil sich dieser Blick ins Innere des Kopfes auch bei lebenden Menschen relativ unkompliziert vornehmen lässt, kann man so einem Hirn auch dabei zusehen, wenn es tut, was es eben tut: Sauerstoff verbrauchen, Glucose verbrennen, Botenstoffe ausschütten, Synapsen bilden.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Untersuchung Tod von Eisbär Knut ist aufgeklärt

Nach vier Jahren haben Forscher herausgefunden, woran der Berliner Eisbär Knut starb. Er litt an einer seltenen Krankheit, die auch den Menschen befallen kann. Mehr

27.08.2015, 16:25 Uhr | Gesellschaft
Teile Deutschlands Sommer für einen Tag

Ein Hauch von Hochsommer am Dienstag in München: Es ist auf einmal schon relativ warm, wenn auch die Sonne kaum zu sehen ist. Glücklich mögen sich jene schätzen, die nicht zur Arbeit oder zur Schule mussten, sondern schon mal Körper und Seele etwas baumeln lassen konnten. Mehr

05.05.2015, 16:51 Uhr | Gesellschaft
Jonathan Franzens neuer Roman Das Internet ist die DDR von heute

Die Helden des großen amerikanischen Erzählers Jonathan Franzen hatten bisher alle ein Dach über dem Kopf. Jetzt zappeln sie im Netz der Manipulation. Franzens neuer Roman, Unschuld, sucht die Reinheit. Mehr Von Sandra Kegel

29.08.2015, 12:39 Uhr | Feuilleton
Veganer Trend Fleischkonsum in Deutschland geht zurück

Studien zeigen, dass der Fleischkonsum der Deutschen rückläufig ist. Im Land von Schweinshaxe, Sonntagsbraten und Wurst wenden sich immer mehr Verbraucher von diesen ab. Mit Produkten wie vegetarischer Currywurst stellen sich Anbieter auf die Verbraucherwünsche ein. Mehr

30.04.2015, 12:00 Uhr | Gesellschaft
Pink Viagra Die Chemie der Lust

In Amerika kommt eine Pille auf den Markt, die das sexuelle Begehren von Frauen steigern soll. Doch was steckt dahinter? Mehr Von Sonja Kastilan

30.08.2015, 18:28 Uhr | Wissen

Veröffentlicht: 10.09.2012, 11:23 Uhr

Glosse

Neunzig Millionen für „Sonstiges“

Von Andreas Kilb

Es war eine Gelegenheit, bei der die Hauptstadt mal wieder richtig Hauptstadt sein durfte: Bei der Eröffnung des Wettbewerbs für ein Museum der Moderne in Berlin sorgt die Kostenaufstellung für Lacher. Mehr 10 34