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Flüchtlingsdebatte : Die Zumutung des Solidaritätsempfindens

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge warten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Berlin. Bild: dpa

Was ist eigentlich so schlimm an nationaler Zugehörigkeit, dass Migrationsforscher sie so diskreditieren? Kulturelle Diversität ist auch kein Wert an sich. Ein Gastbeitrag.

          In der öffentlichen Diskussion über die gegenwärtige Zuwanderung von Flüchtlingen und Migranten taucht immer wieder der Verweis auf frühere, „gelungene“ Zuwanderungen auf. Die Integration von etwa zwölf Millionen Vertriebenen nach 1945 und von etwa drei Millionen Spätaussiedlern, die seit dem Ende der achtziger Jahre in die Bundesrepublik zuwanderten, geben in diesem Fall die Beispiele mit einer optimistischen Botschaft ab. Umgekehrt liefern Hinweise auf die „Gastarbeiter“ und die Integrationsprobleme mit einem Teil derselben, auch in der zweiten und dritten Generation, das historische Exempel mit einer pessimistischen Tönung.

          An welches historische Beispiel soll man sich heute halten? Was zeigen diese früheren Migrationsbewegungen nach Deutschland? In einer kritischen Erwiderung auf Jörg Baberowski haben Jannis Panagiotidis, Frank Wolff und Patrice Poutrus beansprucht, Ergebnisse der historischen Migrationsforschung gegen „vorwissenschaftliche Glaubensbekenntnisse“ ins Feld zu führen. Was ist ihr Argument?

          Sie betonen zum einen, dass erfolgreiche Integration „primär“ von der Bereitschaft der aufnehmenden Gesellschaft abhänge, in die Eingliederung zu investieren. Das verschiebt die Aufgabe, für gelungene Integration zu sorgen, einseitig in Richtung der Gesellschaft, die Zuwanderung erfährt. Es unterstellt eine unbegrenzte sozialtechnologische Machbarkeit, bei welcher die Zuwandernden gewissermaßen als neutrale Größe gedacht werden, unabhängig vom Ausmaß der kulturellen Differenz und der Anzahl der Zuwanderer.

          Ein gemeinsamer Kulturkreis

          Erstaunlicher aber ist der zweite Begründungsstrang gegen Baberowski. Dieser betonte, dass sozialer Zusammenhalt auch auf gemeinsamen Erfahrungen und Vorstellungen beruhe. Das wird in der Kritik unterstellend reduziert auf die Sehnsucht nach „ethnischer Homogenität“. Dem wird entgegnet, diese sei zwar nach 1945 so stark ausgeprägt gewesen wie nie zuvor und danach – und dennoch seien die Vertriebenen und Flüchtlinge als ungebetene Fremde „stigmatisiert“ worden.

          Das gab es. Doch ist es bestenfalls der unbedeutende Teil der damaligen Geschichte. Die Integration dieser zwölf Millionen ist gelungen auf Grund der exzeptionellen Wachstumsraten der Wirtschaft in der neuen Republik – und weil sie Mitglieder der gemeinsamen Nation waren. Dieser Begriff fehlt in der Kritik der Migrationshistoriker völlig. Nation polemisch zu reduzieren auf das abwertende Kriterium ethnischer Homogenität, auf Abstammung, ist für den Historiker indes mehr als fragwürdig. Die berühmte Definition Max Webers lautete, Nation sei die Zumutung eines spezifischen Solidaritätsempfindens „gewissen Menschengruppen“ gegenüber. Erinnert seien die Migrationshistoriker deshalb daran, dass die aufnehmende westdeutsche Gesellschaft und die Flüchtlinge nach 1945 genau hierin verbunden waren und sich vereint fühlten.

          Denn es gab ja nicht nur die im Artikel erwähnten gemeinsamen Konflikte, sondern auch die Gemeinsamkeiten von Sprache, Schulbildung, sogar Staatsangehörigkeit (für den größten Teil). Es gab die gemeinsame Erfahrung der beiden Weltkriege mit dem Verlust von Millionen von Angehörigen, auch die Erinnerung an die weitverbreitete kollektive Begeisterung für den Nationalsozialismus, an gemeinsame Erfahrungen von Opferschaft und Täterschaft und anderes. Es ging also um die Integration von Flüchtlingen, deren, modern gesprochen, Bildungs- und Ausbildungsniveau genau dem der Zuwanderungsgesellschaft entsprach, die aus einem gemeinsamen Kulturkreis stammten und die zusammengebunden waren durch Nation und Krieg. Das bloß auf Abstammung, reale oder imaginierte, reduzieren zu wollen wäre Humbug.

          Bereitschaft zu neuen Solidaritätsbindungen?

          Nationaler Zusammenhalt beruht auf gemeinsamen historischen Erfahrungen, auf kulturellen Orientierungen, im Nationalstaat auf der gemeinsamen Rechtsordnung, ruht auf der Erfahrung eines zwangsläufigen Gebundenseins, woraus gemeinsame Prägungen entstehen. Früher nannte man das „Schicksalsgemeinschaft“. Das impliziert keineswegs eine umfassende, totale Harmonie, zielt nicht auf eine geschlossene Totalität, sondern der Konflikt untereinander gehört dazu. Das beste Beispiel hierfür ist die deutsche Erfahrung nach 1989. Egal ob man als westlicher oder östlicher Deutscher die staatliche Einheit wollte oder ablehnte – die Einigung erzwang Gemeinsamkeiten, worauf unterschiedliche Antworten gegeben wurden. Der geregelte, gezähmte Streit untereinander darüber macht einen nicht geringen Teil der gemeinsamen Erfahrungen aus.

          Das zu reduzieren auf eine „zeitabhängige Relativität kultureller Unterschiede“ und die Frage nach potentiellen Gemeinsamkeiten auszublenden sitzt der Beliebigkeit des Begriffs „Kultur“ auf. So führt das angeführte Beispiel der Spannungen zwischen zugewanderten Protestanten und ansässigen Katholiken (und umgekehrt) nach 1945 fatal in die Irre. Wer mit diesem Beispiel belegen will, dass kulturelle Unterschiede bei vielen der heutigen Migranten keineswegs größer seien als damals, muss viel ausblenden. Denn neben den Gegensätzen von Protestanten und Katholiken, die durchaus hart aufeinanderprallen konnten, existierte auch ein tief verankertes Bewusstsein gemeinsamer Nationszugehörigkeit; dazu gab es die Erfahrung von zwei gemeinsam geführten Weltkriegen, aber auch die Prägung durch das gemeinsame Leben in einem Rechtsstaat (bis 1933), im Gewaltregime der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, in einem Verwaltungsstaat und einer Industriegesellschaft.

          Was also lehren die frühere millionenfache Zuwanderung von Menschen nach Deutschland und ihre erfolgreiche Integration, die durch die gemeinsame Nationalität extrem begünstigt worden war? Die große ungelöste Frage lautet heute: Wie weit tragen Solidaritätszumutungen gegenüber Menschen, die nicht als Teil der eigenen, historisch gewachsenen Handlungseinheit erfahren werden? Diese Frage richtet sich an beide Seiten: Wie weit reicht die Bereitschaft zu neuen Solidaritätsbindungen bei Migranten, wenn die Zuwanderung fundamentale Veränderungszumutungen an sie stellt? Es gibt Migrationsforscher wie Paul Collier, welche in der Zunahme kultureller Diversität eine wesentliche Ursache für einen Rückgang an Mitgefühl und eine reduzierte Bereitschaft zur Solidarität sehen. National begründete und nationalstaatlich regulierte Solidarität kann ein erhebliches Maß an gegenseitiger Solidarität entwickeln, und die Bereitschaft hierzu kann durch Heterogenität schwinden.

          Ambivalente Integrationserfahrungen

          In der aktuellen Situation sollte man differenzieren. Unterscheiden kann man national und humanitär begründetes Solidaritätsempfinden. Die Frage lautet, ob Letztere das gleiche Maß an Zumutungen verlangen kann, etwa hinsichtlich der quantitativen Dimension von Zuwanderung, hinsichtlich der Bereitschaft zur materiellen und lebensweltlichen Teilhabe, hinsichtlich der Akzeptanz von Beeinträchtigungen. Trägt humanitäre Solidarität, völlig losgelöst von staatlichen Grenzen und nationalen Bindungen, genauso weit, kann sie ein ähnliches Maß an Zumutungen von Bürgern verlangen, wie es die Nation und der Nationalstaat lange Zeit erfolgreich konnten und wie es die Grundlage für die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 war? Und zum andern: Wie entsteht mittelfristig ein gemeinsames Solidaritätsempfinden? Das werde verankert, um nochmals mit Max Weber zu argumentieren, „nur kraft der Pflege der Eigenart zu bewahrender und zu entwickelnder ,Kulturgüter‘“. In diesem Punkt stellt die Integration von Migranten heute aber radikal andere Herausforderungen als nach 1945.

          Deshalb dürfte nicht die Integration der Vertriebenen in die beiden deutschen Staaten nach 1945 das passende historische Vergleichsbeispiel abgeben, sondern vielmehr die Zuwanderung aus ehemaligen Kolonien in ihre früheren Mutterländer: England mit der Zuwanderung aus Indien und Pakistan, Frankreich mit der Zuwanderung aus Nord- und Mittelafrika, Belgien mit Migranten aus dem Kongo und die Niederlande mit Einwanderern aus Indonesien und von den Molukken. Weshalb reagieren diese Länder mit ihren Zuwanderungserfahrungen aktuell zurückhaltender? Geben unsere europäischen Nachbarländer mit ihren ambivalenten Integrationserfahrungen eigentlich das Maß des Erreichbaren ab? Was sind Argumente der Migrationsforschung dafür, dass die Entwicklung fortan gerade in Deutschland anders verlaufen sollte?

          Manfred Hettling lehrt in Halle Neuere und Neueste Geschichte.

          Quelle: F.A.Z.

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