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Mali Wo Musik der Freiheit Nahrung ist

Mali war einmal der Beweis dafür, dass Demokratie auch in einem bitterarmen Land möglich ist. Heute droht ihm und seiner Kultur der Würgegriff des Islamismus.

© picture alliance / dpa Vergrößern Oumou Sangaré auf dem Festival „La Mar de Músicas“ 2012 im spanischen Cartagena

Wie gerne wäre ich nach Timbuktu gefahren! In Dakar standen wir vor Jahr und Tag an dem gottverlassenen Bahnhof, ein Schnellzug soll mittwochs und sonnabends über Tambacounda und Kayès in die malische Hauptstadt Bamako verkehren und „zwischen 30 und 35 Stunden“ benötigen, mit halbwegs komfortablen und reservierbaren Sitzen. Doch man erzählte sich, der Zug würde häufig aus den Gleisen springen und dann erheblich länger brauchen. Also blieben wir im Senegal, auch das Zwei-Tages-Seminar, das ich mir für diesen Zug ausgedacht hatte, blieb reine Phantasie. Timbuktu ist heute unerreichbar, ein Platz, der noch gefährlicher wäre als Sarajevo 1992 oder Algier 1994.

Mali hat mich vor allem über seine Filme, dann über seine Musik und nicht zuletzt als Beweis der Tatsache fasziniert, dass eine Demokratie in einem bitterarmen Land möglich ist. Des Altmeisters Souleymane Cissés Filme konnte ich als Student in der Kölner „Lupe“ sehen. „Cinq jours d’une vie“ (1972) erzählt die Geschichte eines Jungen, der den Weg der Tugend aus der Koranschule verlässt und Straßendieb in Bamako wird. „Den muso“ erzählt von einem stummen Mädchen, das nach einer Vergewaltigung schwanger und von ihrer Familie verstoßen wird (dafür wanderte Cissé ins Gefängnis). 1982 folgte „Finyé“ (Wind), die Geschichte eines Jugendaufstands gegen die korrupte Führungsschicht Malis. Eine Generation später drehte Cheick Oumar Sissoko, zwischenzeitlich mit Ministerämtern betraut, „Guimba“, die tragikomische Geschichte eines Dorftyrannen, und einen Film über Straßenkinder aus verschiedenen Stämmen Malis, einen Appell zur Verständigung zwischen den Ethnien. Noch jünger ist Assane Kouyaté, der Regisseur von „Kandé“ (2002), in dem es um die Dürren und ökologischen Katastrophen der Dörfer geht.

Musik, ein Werk des Satans

Auch wenn diese Filme die schwierigen Verhältnisse in dem Sahel-Land anprangern, brachten sie einem die Menschen des Landes voller Sympathie und Respekt, auch mit großem Humor nahe, und man bekam den Eindruck, das Land ein wenig zu kennen. Noch präsenter wird es durch seine ebenso exzellente musikalische Tradition und Produktion. Ich spare mir die Aufzählung der vielen Griot-Sänger und erwähne nur zwei Frauen: Rokia Traoré oder Oumou Sangaré. Malische und westafrikanische Musik hat den Weg in sämtliche Weltmusikregale gefunden und ist in allen Discos und Radiostationen von Berlin über New York bis Tokio präsent. Ebenso empörend wie erwartbar, dass die Islamisten, die sich im April 2012 der Nordprovinzen Malis bemächtigten, diese Klänge verboten haben. Ein Dekret vom August des Jahres erklärt Musik tatsächlich ganz allgemein zum Werk des Satans. An ihre Stelle soll die Rezitation von Koranversen treten.

Um dem Nachdruck zu verschaffen, sollen in Kidal, der Heimat der bekannten Tuareg-Band „Tinariwen“, islamistische Milizen aufgetaucht sein, die Familien der Bandmitglieder bedroht und sämtliche Musikinstrumente zertrümmert und angezündet haben, wie der „Guardian“ berichtet hat. Der zum Salafismus konvertierte Iyad Ag Ghaly, Anführer der Tuareg-Revolte von 1990 und Gründer der islamistischen Gruppierung „Ansar Dine“, hat früher selbst Musik gespielt und komponiert, mit Musikern abgehangen, geraucht und getrunken. Jetzt möchten er und seine Genossen, dass die Musik aufhört, dass niemand mehr auf den Straßen tanzt, keine Partys mehr stattfinden, niemand öffentlich Freude empfindet. Das gilt indirekt auch für den südlichen Teil des Landes unter der Drohung einer Invasion und unter der Kontrolle des Militärs. Die Zerstörungswut der Milizen richtet sich auch gegen den in Mali vorherrschenden Sufismus und seine Heiligtümer, gegen die als Welterbe deklarierten Lehmbauten, gegen die außerordentliche Architektur. Mali soll zum Erliegen kommen.

Reden wie Westerwelle

Selbstredend fällt das jeweils im Frühjahr stattfindende Musikfestival von Essakane (nahe Timbuktu) aus. Zwei Musikkarawanen fahren nach Kobeni ins Nachbarland Mauretanien; Bono, der letztes Jahr teilgenommen hat, will Malis Musik nun auf jedes Festival der Welt bringen, um den vermeintlichen Sieg der Islamisten in eine Niederlage zu verwandeln. Nach Mali selbst bringt das erst einmal weder Töne noch Bilder zurück, doch ist die symbolische Aktion geeignet, das Schicksal des Landes zwischen Sahara und Sahel nicht nur deswegen ins allgemeine Bewusstsein zu heben, weil - wie es jetzt in Paris, Berlin und Brüssel heißt - unsere Sicherheit bedroht ist, sondern weil Mali leben soll.

Den Aufruf von Bernard-Henri Lévy „Warum wir die Pflicht haben, Mali zu schützen“ habe ich gelesen, zustimmend. Von deutschen Kulturschaffenden hörte ich wenig - lediglich den Einwand, dass Frankreich wieder einen neokolonialen Alleingang mache. Oder den wohlfeilen Hinweis, dass man eine politische Lösung bevorzuge. Oder prinzipielle Bedenken gegen die von den UN statuierte „Responsibility to protect“. Wir reden, als seien wir an Westerwelles Stelle. Frankreich bleibt allein, und die westafrikanische Intervention kann ihre Schutzverantwortung nicht wahrnehmen, solange Malis Sicherheit nicht auch unsere Sache wird. Die erforderliche politische Lösung setzt eine Regierung des Staates Mali voraus, und deren demokratische Legitimation wird es nur geben, wenn Timbuktu nicht zerstört wird und die Musik wieder gespielt werden kann.

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Der Autor lehrt Politikwissenschaft und ist Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.

Quelle: F.A.Z.

 
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