24.09.2007 · Sie ist Augenzeugin und Anklägerin der „ehrenwerten Gesellschaft“. Die Verbrechen der Mafia, Opfer und Täter, Trauernde und Trostspendende, verhaftete Bosse und von Leibwächtern eskortierte Staatsanwälte hat sie porträtiert. Andreas Rossmann hat Letizia Battaglia in Palermo besucht.
Von Andreas Rossmann, PalermoDie Ankunft in Palermo führt sofort ins Thema. Noch ehe im Flughafen Falcone Borsellino das Gepäckband rollt, springt eine Leuchtreklame in XXL der Stadt Corleone ins Auge: „Ein Stück Sizilien zwischen Geschichte, Kunst, Kultur, Unterhaltung und Legalität“ wirbt um Touristen. Corleone, eine Autostunde südlich von Palermo, gilt als Hochburg der Mafia. Sein letzter Pate, Bernardo Provenzano, wurde im April 2006 nach mehr als vierzigjähriger Jagd geschnappt. Ihr Image möchte die Kleinstadt loswerden und vermarkten: Täglich karren Reisebusse Besucher in kurzen Hosen nach Corleone, die das Geburtshaus von Don Vito suchen. Doch das ist eine Erfindung Hollywoods.
Die Mafia - eine Touristenattraktion, ein Kino-Mythos, ein Gespenst der Vergangenheit? „Alles Schwindel“, antwortet Letizia Battaglia bestimmt: „Wahr ist, dass die Mafia nicht mehr so brutal auftritt wie früher, aber nur, weil es eine stille Übereinkunft gibt: ,Wir töten keine Richter, Journalisten und Politiker mehr, und dafür lässt der Staat uns in Ruhe machen.' Die Mafia ist heute überall, sie hat die Verwaltungen, Medien und Parteien, die Rechte, aber auch Teile der Linken infiltriert, sie sitzt in den Köpfen der kleinen Leute und an den Schaltstellen der Macht. Natürlich gibt es immer noch mutige Beamte, Politiker, Journalisten und Geschäftsleute, aber die Grenzen verschwimmen. Die Mafia ist unsichtbar geworden.“
Bilder von stummer, oft schockstarrer Dramatik
Ist die Mafia dann überhaupt noch fotografierbar? Die Frage, die am Flughafen auftauchte, beschäftigt Letizia Battaglia schon lange, und doch antwortet sie zögerlich, als wollte sie es nicht wahrhaben: „Eigentlich kann ich erst sicher sein, einen Mafioso vor der Linse zu haben, wenn die Handschellen klicken.“ Schon die Anschläge auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 hat sie nicht mehr fotografieren können und danach die Kamera erst einmal weggelegt. Das Attentat, das einen Krater in die Flughafenautobahn riss, entzieht sich ebenso der Abbildung wie der neue zivile Scheinfrieden.
Die Fotografin Letizia Battaglia ist Augenzeugin und Anklägerin der „ehrenwerten Gesellschaft“. Die Verbrechen der Mafia, Opfer und Täter, Hingerichtete und Hinterbliebene, Trauernde und Trostspendende, die Witwen, Mütter und Kinder, verhaftete Bosse und von Leibwächtern eskortierte Staatsanwälte hat sie porträtiert: Bilder von stummer, oft schockstarrer Dramatik, voller Blut und Tränen, Verzweiflung und Entsetzen.
Die Mafia ist unsichtbar geworden - und kassiert weiter
Von 1974 bis 1990 hat Letizia Battaglia für die kleine, von den Kommunisten unterstützte Tageszeitung „L'Ora“ in Palermo gearbeitet: Bis zu fünf Mafiamorde gab es damals täglich, in der Dunkelkammer hörte sie den Polizeifunk ab und war mit ihrer Vespa oft als Erste am Tatort. So sind Aufnahmen von verstörender Unmittelbarkeit entstanden, Zeugnisse barbarischer Brutalität, die sie später auch auf der Straße ausgestellt hat: „Viele Anwohner haben dann die Fenster geschlossen oder weiße Tücher ausgehängt.“ Die eindrucksvollsten Aufnahmen sind in Büchern (wie dem 2002 auch auf Deutsch erschienenen, vergriffenen Band „Sizilianische Fotos“) publiziert. Letizia Battaglia machte das Leid und die Verheerung, mit der die „Cosa Nostra“ die Insel überzieht, öffentlich. Ihre Bilder brachen das Schweigen.
Als Vorwort zu „Passione, Giustizia e Libertà“ (so der Originaltitel) hat ihr Leoluca Orlando eine Liebeserklärung geschrieben. Sie endet mit dem Satz: „Früher war in Palermo eine Zeit des Überlebens, jetzt ist eine Zeit des Lebens.“ Doch aus dem Frühling, den der langjährige Bürgermeister (von 1985 bis 1991, und wieder von 1993 bis 2000) der Stadt eröffnete, ist kein Sommer geworden, auch wenn es danach aussieht: Palermo pulsiert, ist heiß, laut und von morbider Pracht, alle paar Minuten heulen Sirenen, der Besucher bekommt nichts mit von der Mafia, doch den „pizzo“, das Schutzgeld, zahlen achtzig Prozent der Geschäftsleute. Im Mai hatte Orlando versucht, das Rathaus zurückzuerobern, und unterlag deutlich. Letizia Battaglia setzte alle ihre Hoffnungen auf ihn und ist empört: „Es geht von dieser Stadt kein intellektueller, kultureller und moralischer Impuls mehr aus. Ich sehe Palermo nur noch essen, trinken und sich amüsieren.“
Zwischen Prachtboulevard und Gefängnis
Leoluca Orlando und Letizia Battaglia sind alte Weggefährten. Für die Grünen wurde sie 1985 in den Stadtrat gewählt, dann ins Regionalparlament von Sizilien und erneut in den Stadtrat, wo der Bürgermeister für sie das Dezernat „Urbane Lebensqualität“ erfand. Damals ist sie in das zerfallende historische Zentrum gezogen, ließ einen Palazzo restaurieren und richtete ihr Studio und ihren Verlag darin ein. Doch der Versuch, sich an die Spitze eines Sanierungsprogramms zu stellen, fand nicht viele Mitstreiter, obwohl die Stadt mit siebzig Prozent der Wiederaufbaukosten lockte. Die Altstadt blieb ein gefährliches Pflaster, dreimal wurde Battaglia ausgeraubt: „Die haben alles mitgenommen, außer den Büchern und Fotos. Dafür waren sie zu blöd.“
Seit anderthalb Jahren wohnt Letizia Battaglia auf halber Höhe zwischen der Via della Libertà, dem Prachtboulevard der Stadt, und dem Gefängnis Ucciardone am Hafen, dessen Insassen an einem Samstagabend wie Schatten in den vergitterten Fenstern hängen und in die Dunkelheit hinaussingen. Fast möchte man die Lage symbolisch verstehen, denn die Fotografin ist mit ihren zweiundsiebzig Jahren ein freier, unabhängiger Geist geblieben und fühlt sich doch als „Gefangene der Mafia“, der sie nicht entkommen kann: „Einmal, als ich nur noch weg wollte, bin ich für acht Tage nach Grönland geflogen. Und was finde ich dort auf der Speisekarte: Pizza Mafia!“
„Es war die Aufgabe, die sich mir gestellt hat“
Als sie ihren Enkel Matteo mit einem Videospiel „Mafia“, „natürlich einem amerikanischen Produkt“, antrifft, in dem coole Gangster schnelle Autos fahren, heiße Bräute aufreißen und Polizisten umnieten, versteht sie die Welt nicht mehr. Von keiner Zeitung in Palermo bekomme sie, so erzählt sie, heute einen Auftrag. Immer werde sie mit der Mafia identifiziert, dabei habe sie doch auch Kinder, Frauen, Alltag und Feste fotografiert. Und zu den neuen Herren von der „Forza Italia“ könne sie doch schlecht gehen und anbieten, ein Buch über Sizilien zu machen: „Da denken doch alle, ich wollte mich mit denen arrangieren.“
Wer Letizia Battaglia in ihrer Maisonettewohnung im achten Stock eines Apartmenthauses besucht, trifft nicht die Fotografin, die er aus den Artikeln, die er über sie gelesen hat, zu kennen glaubte. Als eine Frau, deren Name - „battaglia“ heißt Schlacht - „ihr wie ein Handschuh passt“ („L'Express“), wurde sie immer beschrieben, als Kämpferin gegen die Mafia, die sich für die Umwelt engagiert, mit Jugendlichen arbeitet, sich um Häftlinge kümmert und die Frauenzeitschrift „Mezzocielo“ mitherausgibt. Das alles kann sie heute nicht mehr hören: „Ich bin keine, die rivalisiert“, sagt sie ruhig, „es geht mir nicht um Eitelkeiten, nur um die Sache. Ich wollte nicht Fotografin werden, es war die Aufgabe, die sich mir gestellt hat. Wenn ich die Bilder sehe, kommen die Übelkeit und der Ekel von damals wieder hoch, als ich sie gemacht habe. Sie verfolgen mich bis in meine Träume. Ich bin keine Kriegsberichterstatterin, obwohl wir hier einen Bürgerkrieg führten.“
Traurig, „dass Europa uns vergessen hat“
Ihr Leben ist nicht gradlinig verlaufen: 1935 in Palermo geboren, Heirat mit sechzehn, drei Töchter, Scheidung mit Mitte dreißig und „Flucht“ nach Mailand, wo sie drei Jahre als Journalistin arbeitet, ehe sie mit dem achtzehn Jahre jüngeren Fotografen Franco Zecchin nach Palermo zurückkehrt. Die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft hält neunzehn Jahre. Der wichtigste Wendepunkt aber war 1945. Als die Familie aus Triest, wo Letizia „im Krieg drei freie, glückliche Jahr verlebte“, nach Palermo zurückkehrt, wird die Zehnjährige belästigt, und der Vater lässt sie nicht mehr aus dem Haus.
Was wäre aus ihr geworden, wenn sie weiter in Triest aufgewachsen wäre? „Sicher keine Journalistin, eher Schriftstellerin.“ „Besser“, so unterbricht sie sich einmal, „passt mein Vorname zu mir: Letizia, die Freude.“ Dabei benutzt sie kein Wort so häufig wie „triste“: Traurig sei sie, „dass wir den Kampf gegen die Mafia verloren haben“, traurig, „dass sich die Erwartungen, die wir an die Europäische Union hatten, für die Insel nicht erfüllen“, b. Denn Sizilien, ganz Süditalien könne sich nicht allein aus dem Sumpf ziehen, und die neuen Gesetze hätten es den Mafiosi noch leichter gemacht, Geld zu waschen: „Wir brauchen international viel stärkere Kontrollen der Kapitalströme.“
Das Foto, das Andreotti Lügen strafte
Letizia Battaglia hat immer „nur“ schwarzweiß fotografiert. Das ist für sie eine Frage des Stils, aber auch des Respekts vor den Opfern. „So viel rote Farbe auf einem Bild, wie sieht das aus?“ In ihren Fotos sind auch das Rückständige und Archaische, Pathos und Poesie der Insel präsent. Eines von ihnen, sie hatte es schon vergessen, schien eine große politische Karriere zu Fall bringen zu können. Zeigt es doch Giulio Andreotti mit einem Verbindungsmann der Mafia, den der siebenfache Regierungschef Italiens weder gekannt noch getroffen haben will. Die Staatsanwaltschaft wertete das Foto als Beweis, und Andreotti wurde von seinen Mafia-Kontakten nie freigesprochen - doch am Ende des Prozesses war die Tat verjährt.
Was ihr Archiv, das mehr als eine halbe Million Negative umfasst, noch an explosivem Material birgt, weiß sie selbst nicht genau. Sie hat es nach Paris in Sicherheit gebracht, aber bisher kein Institut gefunden, das es hütet und damit arbeiten möchte: „In Palermo gibt es keines. Was wird daraus, wenn ich nicht mehr bin?“ Am 29. September erhält Letizia Battaglia im Rahmen des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg den Erich-Salomon-Preis der Deutschen Photographischen Gesellschaft für ihr Lebenswerk, zwei Tage zuvor kommt sie nach Berlin zu einem Akademie-Gespräch über die Mafia. Im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen, wo eine Ausstellung von ihr zu sehen ist, wird Leoluca Orlando die Laudatio halten. Die Anerkennung ihrer Arbeit im Ausland bedeutet ihr viel: „Es ist Trost, Bestätigung, eine Liebkosung, wie ich sie hier nicht erfahre.“ Und auf einmal scheinen sich alle Kräfte in ihr zurückzumelden: „Mit der Leica, die sie mir überreichen, werde ich auch in Farbe fotografieren und neue Sachen ausprobieren.“