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Mafia-Fotografin Letizia Battaglia : Wenn ich meine Bilder sehe, wird mir übel

Die Kamera ist ihre Waffe: Letizia Battaglia Bild: dpa

Sie ist Augenzeugin und Anklägerin der „ehrenwerten Gesellschaft“. Die Verbrechen der Mafia, Opfer und Täter, Trauernde und Trostspendende, verhaftete Bosse und von Leibwächtern eskortierte Staatsanwälte hat sie porträtiert. Andreas Rossmann hat Letizia Battaglia in Palermo besucht.

          Die Ankunft in Palermo führt sofort ins Thema. Noch ehe im Flughafen Falcone Borsellino das Gepäckband rollt, springt eine Leuchtreklame in XXL der Stadt Corleone ins Auge: „Ein Stück Sizilien zwischen Geschichte, Kunst, Kultur, Unterhaltung und Legalität“ wirbt um Touristen. Corleone, eine Autostunde südlich von Palermo, gilt als Hochburg der Mafia. Sein letzter Pate, Bernardo Provenzano, wurde im April 2006 nach mehr als vierzigjähriger Jagd geschnappt. Ihr Image möchte die Kleinstadt loswerden und vermarkten: Täglich karren Reisebusse Besucher in kurzen Hosen nach Corleone, die das Geburtshaus von Don Vito suchen. Doch das ist eine Erfindung Hollywoods.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Mafia - eine Touristenattraktion, ein Kino-Mythos, ein Gespenst der Vergangenheit? „Alles Schwindel“, antwortet Letizia Battaglia bestimmt: „Wahr ist, dass die Mafia nicht mehr so brutal auftritt wie früher, aber nur, weil es eine stille Übereinkunft gibt: ,Wir töten keine Richter, Journalisten und Politiker mehr, und dafür lässt der Staat uns in Ruhe machen.' Die Mafia ist heute überall, sie hat die Verwaltungen, Medien und Parteien, die Rechte, aber auch Teile der Linken infiltriert, sie sitzt in den Köpfen der kleinen Leute und an den Schaltstellen der Macht. Natürlich gibt es immer noch mutige Beamte, Politiker, Journalisten und Geschäftsleute, aber die Grenzen verschwimmen. Die Mafia ist unsichtbar geworden.“

          Bilder von stummer, oft schockstarrer Dramatik

          Ist die Mafia dann überhaupt noch fotografierbar? Die Frage, die am Flughafen auftauchte, beschäftigt Letizia Battaglia schon lange, und doch antwortet sie zögerlich, als wollte sie es nicht wahrhaben: „Eigentlich kann ich erst sicher sein, einen Mafioso vor der Linse zu haben, wenn die Handschellen klicken.“ Schon die Anschläge auf Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 hat sie nicht mehr fotografieren können und danach die Kamera erst einmal weggelegt. Das Attentat, das einen Krater in die Flughafenautobahn riss, entzieht sich ebenso der Abbildung wie der neue zivile Scheinfrieden.

          Die Fotografin Letizia Battaglia ist Augenzeugin und Anklägerin der „ehrenwerten Gesellschaft“. Die Verbrechen der Mafia, Opfer und Täter, Hingerichtete und Hinterbliebene, Trauernde und Trostspendende, die Witwen, Mütter und Kinder, verhaftete Bosse und von Leibwächtern eskortierte Staatsanwälte hat sie porträtiert: Bilder von stummer, oft schockstarrer Dramatik, voller Blut und Tränen, Verzweiflung und Entsetzen.

          Die Mafia ist unsichtbar geworden - und kassiert weiter

          Von 1974 bis 1990 hat Letizia Battaglia für die kleine, von den Kommunisten unterstützte Tageszeitung „L'Ora“ in Palermo gearbeitet: Bis zu fünf Mafiamorde gab es damals täglich, in der Dunkelkammer hörte sie den Polizeifunk ab und war mit ihrer Vespa oft als Erste am Tatort. So sind Aufnahmen von verstörender Unmittelbarkeit entstanden, Zeugnisse barbarischer Brutalität, die sie später auch auf der Straße ausgestellt hat: „Viele Anwohner haben dann die Fenster geschlossen oder weiße Tücher ausgehängt.“ Die eindrucksvollsten Aufnahmen sind in Büchern (wie dem 2002 auch auf Deutsch erschienenen, vergriffenen Band „Sizilianische Fotos“) publiziert. Letizia Battaglia machte das Leid und die Verheerung, mit der die „Cosa Nostra“ die Insel überzieht, öffentlich. Ihre Bilder brachen das Schweigen.

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