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Veröffentlicht: 29.03.2017, 12:03 Uhr

Ein Geschlecht in der Krise Männer haben keine Zukunft

Männlichkeit ist offenbar eine Idee von gestern. Das hat Folgen für die Gesellschaft. Inzwischen raten selbst Feministinnen zur Aufwertung männlicher Tugenden. Ein Gastbeitrag.

von Walter Hollstein
© Picture-Alliance Ein Auslaufmodell? Heute sind Jungen und Männer die Emanzipationsverlierer.

„Male bashing“ – das Beschimpfen von allem, was männlich ist – hat Hochkonjunktur. Auslöser ist Donald Trump; Bernie Sanders hat ihn als „Mr. Macho“ etikettiert. Trump gilt als Symbol der „angry white men“, die derzeit für alles Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht werden: Klimakatastrophe, Terrorismus oder Wirtschaftskrise. Nachdem er diese und noch ein paar andere Übel aufgezählt hat, jammert Daniel-Dylan Böhmer in der „Welt“: „Eine Männerkrise bedroht den Planeten“. Und weil Männer gar nichts können, jedenfalls nichts Gutes, fleht der Autor: „Frauen der Welt, rettet uns vor diesen Männern!“

Der amerikanische Präsident Barack Obama hat im Spätsommer 2016 im Magazin „Glamour“ den Essay „So sieht ein Feminist aus“ publiziert. Der Vater zweier Töchter notiert: „Michelle und ich haben unsere Töchter dazu erzogen, das Wort zu ergreifen, wenn sie Doppelmoral sehen oder denken, dass sie wegen ihres Geschlechts oder ihrer Rasse unfair behandelt werden (...) Und ja, es ist wichtig, dass ihr Papa ein Feminist ist, denn jetzt erwarten sie das von allen Männern.“ Männer nimmt Obama dabei nur als Unterstützer des Feminismus wahr. Und da schließt sich der Kreis zwischen den Präsidenten. Während „Clinton und Obama die Frauenkarte gespielt haben“, so der Rechtsgelehrte Glenn Reynolds, seien Jungen und Männer sozial immer weiter zurückgefallen. Er ist nicht der Einzige. Die Politologin Katherine J. Cramer hat in ihrem Buch „The Politics of Resentment“ eindrücklich beschrieben, wie viel Wut und Groll es in der Arbeiterklasse in Wisconsin gibt – einem Bundesstaat, der die Wahl Trumps mitentschieden hatte. Rechtsprofessorin Joan C. Williams erklärt in der „Harvard Business Review“ den Erfolg Trumps mit den lange ignorierten Bedürfnissen arbeitender Männer.

Extrem benachteiligt und orientierungslos

Die Emanzipationsverlierer sind heute Jungen und Männer. Die Entwicklung der Wirtschaft tendiert seit geraumer Zeit in Richtung des „weiblichen“ Dienstleistungsgewerbes und zur sukzessiven Schrumpfung der „männlichen“ Industriearbeit. Dementsprechend steigt die weibliche Erwerbstätigkeit, während die männliche ebenso kontinuierlich abnimmt. Seit einigen Jahren ist die männliche Arbeitslosenquote höher als die weibliche. Das alimentiert nicht gerade die Zukunftsperspektive der nachwachsenden männlichen Generation, ebenso wenig wie der immer wieder kolportierte Slogan „Die Zukunft ist weiblich“. In den Vereinigten Staaten ist die Botschaft bereits angekommen. Dort spricht man mittlerweile nicht mehr von Rezession, sondern von „Hecession“. Der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Eberstadt belegt in seiner Untersuchung „Men without Work: America’s Invisible Crisis“, wie sehr den amerikanischen Männern die Arbeit ausgeht und sie damit immer mehr zum sozialen Problem werden. In ihrem Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“, das auch bei uns ein Bestseller war, analysiert Hanna Rosin den epochalen Niedergang amerikanischer Männlichkeit.

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Während der großen Rezession ab 2007 waren drei Viertel der 7,5 Millionen Entlassenen Männer, 2009 zum ersten Mal mehr Frauen erwerbstätig als Männer. Bereits mehr als ein Drittel der amerikanischen Mütter ist Haupternährerin ihrer Familien. Die Konsequenz: ein drastischer Rollenwechsel. „Überall, wo ich hinkam, passten sich Paare an die neue häusliche Realität an: Die Frau zahlt die Hypothek ab. Die Frau fährt jeden Tag zur Arbeit und gibt dem Mann vorher noch schnell Anweisungen, wie er die Wäsche machen muss.“

Auch in Deutschland gibt es viele junge „Abgehängte“. Die Jugendstudie „Generation What“ weist soeben auf eine große Gruppe junger Männer hin, „die sich extrem benachteiligt und orientierungslos fühlt“ und so zunehmend „anfällig für Populismus“ ist. Davor haben weitsichtige Soziologen wie Ralf Dahrendorf schon vor rund dreißig Jahren gewarnt, ohne gehört worden zu sein. Hatte Dahrendorf noch überschaubare Gruppierungen von „angry young men“ in Großbritannien beschrieben, gibt es inzwischen ganze Stadtviertel, die von diesen „Aussteigern“ geprägt werden, wie zum Beispiel das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ in seiner Studie „Not am Mann“ festgestellt hat.

Bei Mädchen wäre längst schon was passiert

Männer sind aber nicht nur die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt, sondern bereits dort, wo in Schulen und bei der Ausbildung auf die späteren Berufsqualifikationen vorbereitet wird. Ihre Bedürfnisse werden zunehmend ignoriert, ihre Leistungen bei gleicher Qualität wie der der Mädchen schlechter benotet, ihre Versetzungen in höhere Schulstufen oder Klassen erschwert. Schulversager, Schulabbrecher, Schulschwänzer sind heute fast ausschließlich männlich. Die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers, selber Feministin, spricht in ihrem gleichnamigen Buch vom „Krieg gegen die Jungen“. Das mag übertrieben sein, aber Tatbestand ist, dass Jungen in Kindergärten, Horten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen stoßen. In ihrer Motorik und Renitenz drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungseinrichtungen als weibliche Bastionen aus. Sarkastisch notiert Hoff Sommers, dass Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute in der Frauenschule Ritalin verordnet bekämen, um ruhiggestellt zu werden.

Jungen sind zum Problemgeschlecht geworden. Gewalt und Ausschreitungen haben signifikant zugenommen. Psychische und psychosomatische Störungen treten bei Jungen sehr viel häufiger auf als bei Mädchen. Der Anteil von Jungen in Förderschulen beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen. Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen zu; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter. William Pollack, Psychologieprofessor an der Harvard Medical School merkt dazu an, dass die Gesellschaft schon längst Maßnahmen ergriffen hätte, wenn die Suizidrate bei Mädchen vergleichbar groß wäre.

Bilder, um in der Welt bestehen zu können

Die dramatisch verschlechterten Bedingungen haben ihre Folgen für Beziehung und Familie. In ihrem Buch „Men on Strike“ bemerkt Helen Smith, dass die Heiratsrate in den Vereinigten Staaten auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen sei. Kay Hymowitz interpretiert diese Entwicklung in ihrer Untersuchung „Manning up: How the Rise of Women Has Turned Men into Boys“ als permanente Adoleszenzkrise unreifer Männer. Das kann man auch anders sehen. „Warum sollte ein Mann eine Familie gründen wollen?“ fragte ein junger Mann vor einer Weile im Berliner Stadtmagazin „Zitty“. Männer können ohne Familie „wunderbar leben“. Nachdem Männern über Jahrzehnte erzählt worden ist, „sie seien überflüssig, gewalttätig, dumpf und sowieso ein Irrtum der Natur“, sei es doch „kein Wunder, dass sie keine Stützen der Gesellschaft werden wollen. Warum sollten sie denn?“ Das ist nun kein abwegiges Statement aus der Hauptstadt; es ist ein Trend. Das Statistische Bundesamt konstatiert in seinem Report „Alleinlebende in Deutschland“, dass 27 Prozent der 18- bis 34-Jährigen Männer ohne Bindung leben. 60 Prozent der alleinlebenden Männer im Alter von 35 bis 64 Jahren waren noch nie verheiratet. Das sind – in absoluten Zahlen – circa sieben Millionen Männer.

Es hat in Deutschland die feministische Aufschrei-Debatte gegeben. Der Aufschrei der Männer ist wohl anders: Verweigerung. Das attestiert auch eine Sinus-Studie über „Lebensentwürfe, Rollenbilder und Haltungen zur Gleichstellung 20-jähriger Frauen und Männer“: „Die Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive: Die Frauen schreiben das Drehbuch“. Die Betroffenen beklagen einen heftigen Mangel an Orientierung, den auch die Wissenschaft feststellt. Tatsächlich fehlen seit langem Männerbilder, an denen sich Heranwachsende konstruktiv abarbeiten könnten. Der Zoologe Adolf Portmann hat schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass wir uns als biologische Mängelwesen Bilder selber erschaffen müssen, um in der Welt bestehen zu können. Die moderne Neurobiologie definiert menschliches Leben sogar als notwendigerweise bildergenerierenden Prozess. Das Bild, das wir von uns haben, ist identitätsstiftend. Das fällt schwer, wenn zum Beispiel die Feministin Andrea Dworkin in den achtziger Jahren Männern global unterstellt, dass Terror ihr „Lebenszweck“ sei.

Ein Desaster, das die Universitäten ausbaden

Entgegen aller Behauptung hat sich seither nicht viel geändert. Im Internet kursiert zum Beispiel ein Video, in dem eine Kriminologin die Forderung erhebt, die männliche Bevölkerung auf einen Anteil von zehn Prozent zu reduzieren. Männer störten nur das Gleichgewicht der Welt. Dagegen haben amerikanische Mütter das Manifest formuliert: „How Male Bashing Is Killing Our Sons“. Sie beschreiben eindringlich, wie die „ständige Herabsetzung von Männlichkeit“ die Entwicklung ihrer Söhne lähme. Das passt zu der Klage deutscher Arbeitgeber, dass es den jungen Männern inzwischen an Leistungswillen, Disziplin, Kontinuität und Frustrationstoleranz fehle. So verwunderlich ist das nicht: Wurden früher Mut, Leistungswille oder Autonomie von Männern hochgelobt, so werden diese Attribute heute als Aggressivität, Karrierismus oder Unfähigkeit zur Nähe stigmatisiert.

Nur weil Qualitäten historisch mit Männlichkeit konnotiert sind, sollen sie ausgetrieben werden. So wird der naturwissenschaftliche Unterricht vereinfacht, damit er auch für Mädchen verständlich wird – derzeit in Australien. Die renommierte Professorin für Quantenphysik, Michelle Simmons, nennt diese „Feminisierung der Physik ein Desaster“, das dann die Universitäten auszubaden hätten. Das wird man auch ökonomisch bedenken müssen. Wie am unteren Ende der sozialen Leiter die zunehmende Alimentierung männlicher „Aussteiger“ Geld verschlingt, so am oberen Ende der Innovationsverlust.

Höchste Zeit für ein Lob männlicher Tugenden

Kulturhistorisch waren Männer früher der Speicher für Avantgarden; heute sind Männer – wie alle empirischen Untersuchungen ausweisen – überwiegend retrograd. Sie orientieren sich am Gestern, weil ihnen die Zukunft abhandengekommen ist. So sind sie inzwischen auch das Arsenal rechter Politik – ob Front National, FPÖ, AfD oder SVP. Es gäbe also genug der Gründe, sich an ein Umdenken über die reale Wertigkeit des Männlichen zu wagen. „Unsere Kultur“, hat der große Berliner Soziologe Georg Simmel zu einer Zeit angemerkt, da es noch keine Geschlechterforschung gab, „ist, mit Ausnahme ganz weniger Provinzen, durchaus männlich. Männer haben die Industrie, die Kunst, die Wissenschaft und den Handel, die Staatsverwaltung und die Religion geschaffen, und so tragen diese nicht nur objektiv männlichen Charakter, sondern verlangen auch zu ihrer immer wiederholten Ausführung spezifisch männliche Kräfte.“

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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Ganz simpel betrachtet, ist die tägliche Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft von Arbeiten abhängig, die Männer machen und Frauen gar nicht machen wollen: Müllabfuhr, Entsorgung, Tiefbau, Gummiverarbeitung, Straßenfegen oder Abwasserreinigung. Männer gehen auch den gefährlichsten Tätigkeiten nach, im Hochbau zum Beispiel, bei der Gefahrengüterbeseitigung, als Dachdecker oder Gleisbauer, im Sicherheitswesen, bei der Feuerwehr, im Katastrophenschutz. Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Opfern bei den Einsätzen von Polizei, Feuerwehr, Notärzten, Sanitätern, Katastrophendiensten oder technischem Hilfswerk beträgt 98 zu zwei. Bei den Rettungsaktionen in Tschernobyl und am 11. September in New York sind ausschließlich männliche Helfer gestorben.

Es sei höchste Zeit, notiert Elisabeth Badinter, Philosophin und Feministin, männliche Tugenden wieder zu loben. „Ihre Namen lauten Selbstbeherrschung, der Wille, über sich selbst hinauszuwachsen, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, sich Herausforderungen zu stellen und der Unterdrückung Widerstand zu leisten ... Sie sind die Voraussetzungen von Kreativität, aber auch von Würde.“ Das hat nichts mit Androzentrismus zu tun.

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